Neues Warnsystem für Notfälle wird in Sachsen erprobt

Hochwasser, Orkan oder Amoklauf: Im Katastrophenfall sind schnelle Informationen wichtig. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, setzt Sachsen auf ein einheitliches Warnsystem. Was kann es?

Hoyerswerda. Der jüngste bundesweite Einsatz liegt knapp einen Monat zurück: Ende September drohte ein Erpresser damit, Lebensmittel in den Filialen von Handelskonzernen zu vergiften. Innerhalb kürzester Zeit gingen Warnungen über Fernsehen, Rundfunk, Nachrichtenagenturen sowie die Warn-App "Nina" auf Smartphones an die Bevölkerung. Hinter dieser Alarmierung steht das Modulare Warnsystem "Mowas". Flächendeckend für den Freistaat Sachsen wurde die webbasierte Variante des vom Bund betriebenen Dienstes am Mittwoch durch Innenminister Markus Ulbig (CDU) in der Integrierten Regionalleitstelle in Hoyerswerda freigeschaltet.

Die Vorteile des Systems liegen für den Minister auf der Hand. "Die Zahl der Naturkatastrophen, aber auch der Terroranschläge in Europa ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Um im Bedarfsfall möglichst viele Menschen vor größeren Schäden zu bewahren, brauchen wir eine zeitgemäße Kommunikation im Zivil- und Katastrophenschutz", sagte Ulbig. Mit "Mowas" kann die Bevölkerung künftig schneller vor Orkanen, Hochwasser, technischen Katastrophen oder Amoklagen gewarnt werden. Konventionelle Warneinrichtungen wie Sirenen oder Lautsprecher sollen jedoch erhalten bleiben.

Bis Ende 2017 soll das webbasierte Warnsystem auch in den Regionalleitstellen in Dresden, Leipzig, Chemnitz und Zwickau ans Netz gehen. Bislang konnten landesweite, satellitengestützte Warnungen nur über das Lagezentrum des Innenministeriums und die Integrierte Regionalleitstelle in Hoyerswerda verbreitet werden. "Mowas ist ein System für alle. Nur wer rechtzeitig gewarnt wird, kann sich rechtzeitig in Sicherheit bringen und das Richtige tun, um sich und andere zu schützen", sagte Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Im Fall einer Katastrophe verbreiten sich die Informationen per Mausklick in den Leitstellen in Sekundenschnelle sowohl in den konventionellen Medien als auch über die Warn-App "Nina". "Die meisten haben inzwischen ein Smartphone und damit auch immer eine Taschensirene zu jeder Tageszeit dabei", sagte Unger. Neben der Warnung enthielten die Meldungen auch Handlungshinweise wie "Fenster schließen" oder "Bitte bleiben Sie zu Hause". "Nina" hat derzeit bereits zwei Millionen Nutzer.
 

Das Bundesamt stellt seit 2013 mit "Mowas" die technische Infrastruktur zur Warnung der Bevölkerung für alle Lagezentren der Länder und viele bereits angeschlossene Leitstellen von Städten und Kommunen zur Verfügung. 20 Millionen Euro sind nach Angaben des Bundesamtes in das Projekt geflossen. Nordrhein-Westfalen und Brandenburg sind bereits flächendeckend vernetzt. Ziel ist es, so Unger, dass alle Bundesländer zwei vollständige "Mowas"-Stationen erhalten.

Die Kosten des Modellversuchs in Sachsen trägt für die kommenden zwei Jahre der Bund. "Die webbasierten Lösungen kosten pro Jahr und Station 2500 Euro", erklärte Unger. Nach dieser Zeit müssten die Landkreise und kreisfreien Städte entscheiden, ob sie das System dauerhaft einsetzen wollen. In diesem Jahr wurden darüber bereits mehr als 250 Warnungen ausgelöst. 2016 gab es laut Angaben knapp 150 "Mowas"-Einsätze.

Insgesamt werden vom Ministerium für Bevölkerungsschutz zusätzlich zu den Stationen in Sachsen deutschlandweit 101 Vollstationen betrieben. Geplant ist, weitere 250 Standorte der Behörde in Deutschland mit der webbasierten Version von "Mowas" auszurüsten.

Was aber, wenn das Mobilfunknetz im Katastrophenfall versagt? "Unser Mobilfunknetzwerk ist verwundbar und kann schnell zusammenbrechen", gibt die Behörde für Bevölkerungsschutz auf ihrer Webseite zu bedenken. Dennoch sei es gerade für in Not geratene Menschen am wichtigsten, Hilfe anzufordern, Informationen zu recherchieren und Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen - "am besten über das Smartphone", so die Behörde. Das habe eine groß angelegte Feldübung des Verbundforschungsprojekts "Smarter"  mit über 125 Probanden bestätigt.

Ziel des Projekts war es, herauszufinden, wie im Krisen- und Katastrophenfall ohne Mobilfunknetz trotzdem mit dem Smartphone kommuniziert werden könne. Seit März 2015 forschen das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die Technische Universität Darmstadt und die Universität Kassel gemeinsam dazu. Im Rahmen dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Vorhabens wurde eine Lösung zur Ad-hoc-Notfall-Kommunikation über Smartphones erarbeitet. Im Ergebnis ist es möglich, über eine eigens entwickelte Handy-App eine direkte Verbindung von Smartphone zu Smartphone, das heißt ein sogenanntes Ad-hoc-Netzwerk, herzustellen. Über ein derartiges Netzwerk können Informationen per Smartphone weitergegeben werden - ganz ohne dass eine zentrale Infrastruktur wie das Mobilfunknetz dafür nötig wäre. (mit dpa)

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