Notfallpraxen ständig überfüllt - Krankenkassen schlagen Alarm

Jeder dritte Patient ist in der Notaufnahme fehl am Platz. Eine Sondergebühr könnte den Andrang reduzieren. Die Kassen setzen aber auf eine andere Idee.

Dresden.

Mit Schnupfen zum Notarzt? Was für die meisten Bürger wohl ziemlich abwegig klingt, ist in Deutschland offenbar alltägliche Praxis. "Immer mehr Patienten steuern bei Beschwerden das Krankenhaus an, auch wenn sie eigentlich ambulant hätten behandelt werden können", sagte Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen, am Dienstag bei der Vorstellung eines Gutachtens zur Notfallversorgung. Aus Sicht von Fachmedizinern könnte ein Drittel aller Patienten, die als Notfall ins Krankenhaus kommen, bedenkenlos von niedergelassenen Ärzten behandelt werden. Auch die Bereitschaftsdienste der Kassenärzte klagen über eine zunehmende Anzahl von Patienten mit Bagatellerkrankungen. Allein in Sachsen zählte die Kassenärztliche Vereinigung im vergangenen Jahr über 700.000 Einsätze außerhalb der Sprechzeiten.

Ob aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit - das unnötige Aufsuchen des Notdienstes nimmt zu. Das verärgert nicht nur die Ärzte. Auch Patienten, die tatsächlich auf schnelle Hilfe angewiesen sind, leiden unter der Situation. Wartezeiten von mehreren Stunden sind keine Seltenheit. Häufig stoßen die Patienten zudem auf gereizte Ärzte und Schwestern, die an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Auch wirtschaftlich ist die Notfallversorgung für die Kliniken ein Minusgeschäft: Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft klafft zwischen Erlösen und Kosten bundesweit eine Lücke von einer Milliarde Euro. Für Kritiker ist er ein Grund dafür, dass allein wegen der besseren Vergütung häufig auch leichtere Fälle stationär behandelt werden.

Eine Lösung sehen die Krankenkassen in der bereits beschlossenen Einrichtung von Portalpraxen an den Krankenhäusern. Diese sollen aus einer festen Anlaufstelle für die Notfallpatienten und einer ambulanten Notdienstpraxis bestehen. "Mithilfe der Anlaufstelle kann schnell abgeklärt werden, ob es sich um eine Bagatellerkrankung oder einen lebensbedrohlichen Notfall handelt", sagte Elsner.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen, Klaus Heckemann, findet die Idee der Portalpraxen durchaus vernünftig - "aber nicht an jedem Krankenhaus und nicht rund um die Uhr". Eine bundesweite Evaluierung könnte helfen, den Bedarf richtig einzuschätzen.

Um die missbräuchliche Nutzung der Notdienste zu verhindern, hat Heckemann einen anderen Vorschlag: "Für jeden Besuch des Bereitschaftsdienstes sollten Patienten eine Gebühr von zehn Euro zahlen, in der Notfallambulanz 20 Euro." Die Erfahrungen nach Einführung der Praxisgebühr hätten gezeigt, dass die Notdiensteinsätze zurückgingen, wenn die Inanspruchnahme etwas koste.

Welche Nummer im Notfall?

Seit dreieinhalb Jahren gilt in Deutschland die einheitliche Rufnummer 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Für medizinische Notfälle kann die 112 (Rettungsdienst) gerufen werden.

Der Bereitschaftsdienst ist bei Erkrankungen zu rufen, bei denen man zu den Sprechzeiten den Haus- oder Facharzt aufsuchen würde.

Der Rettungsdienst ist für lebensbedrohliche Erkrankungen zuständig - etwa Bewusstlosigkeit, starke Herzbeschwerden und akute Blutungen. (sk)

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