NSU: Die bis heute offenen Fragen

Fünf Jahre währt nun der Versuch, das Terrornetz des NSU auszuleuchten. Seit 2013 läuft der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte. Zwölf Ausschüsse von Bundestag und sieben Länderparlamenten sollen zudem Verstrickungen der Geheimdienste ausloten. Vieles ist bis heute offen.

Chemnitz/Zwickau.

Wie eng war der NSU-Kontakt des Zwickauer V-Manns "Primus"? Was wusste er, was wussten seine Dienstherren über die Morde, denen von 2000 bis 2007 bundesweit neun ausländische Gewerbetreibende und eine Polizistin zum Opfer fielen? Der Fragenkomplex um den Zwickauer Neonazi Ralf Marschner, den das Bundesamt für Verfassungsschutz von 1992 bis 2002 in Zwickau als Spitzel führte, war die NSU-Spur, die jüngst die meisten Wellen schlug. Zumindest bis sie überlagert wurde - von den Wirren um DNA-Spuren des NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt am Fundort des Skeletts der 2001 in Franken entführten neunjährigen Peggy K.

Als Sänger einer rechtsextremen Band aus dem Neonazi-Netzwerk "Blood and Honour" und als Betreiber einer Zwickauer Neonazi-Boutique war Marschner unter dem Namen "Manole" in der örtlichen Szene allen bekannt. Auch besaß er Kontakte zu NSU-Unterstützern, die das Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beim Abtauchen 1998 in Chemnitz versteckt hatten. Für Direktkontakt Marschners zum Trio gibt es auch viele Hinweise - ebenso wie Verdachtsmomente gegen den V-Mann selbst.

Der erste Hinweis ging kurz nach Auffliegen des NSU ein. Ein Zeuge berichtete am Telefon, er habe Mundlos und Böhnhardt zu Pfingsten 1998, also nach ihrem Abtauchen in den sogenannten "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU), bei einem Fußballturnier im thüringischen Greiz getroffen. Sie seien von einem "fetten" Mann mit Hund begleitet worden. Der Begleiter habe den Zeugen auf Schusswaffen angesprochen, weil der Zeuge damals illegal mit Waffen gehandelt habe. Die Beschreibung, die er zum Begleiter der Uwes abgab, traf auf Marschner und seine Kampfhündin Bonnie zu. Auf einer ihm vorgelegten Mappe mit Fotos acht verschiedener Männer, zwei davon fett, tippte der Zeuge später auf Marschner.

Tage nach Auffliegen des NSU tauchte im Nachfolgegeschäft des von Marschner gegründeten "Last Resort Shops" ein T-Shirt auf, das die Trickfilmfigur Rosaroter Panther mit dem Schriftzug "Staatsfeind" zeigte. Eine staatsfeindliche Bedeutung kommt der Figur erst seit Bekanntwerden des Paul-Panther-Bekenner-Videos zur NSU-Mordserie im November 2011 zu. Laut Personal des Ladens, den ein Geschäftspartner Marschners 2002 übernommen hatte, hing das Shirt da aber schon lang im Laden. Es war also nicht nur eine zynische Verneigung gegenüber dem Video, sondern ein Indiz für eine Vorabkenntnis von Film und Morden vor der NSU-Enttarnung. Trotz Eignerwechsels hatte Marschner weiter im Shop gearbeitet, ehe er aus Zwickau verschwand.

Ebenfalls im Dezember 2011 gab ein Geschäftspartner, der mit Marschner einen Szene-Shop namens "Heaven & Hell" betrieben hatte, an, dort habe er oft eine Frau gesehen, die er nun als Beate Zschäpe erkenne. Diese sei als Aushilfe oder Dauergast im Laden gewesen. Im Frühjahr 2016 präsentierte das Autorenteam Dirk Laabs und Stefan Aust die Spur, dass Marschner neben Zschäpe auch Mundlos und Böhnhardt beschäftigte. Sie fanden einen Mitarbeiter des Baulöwen Kurt Fliegerbauer, der Mundlos auf einem Bild als einen Bauleiter erkannte, mit dem er oft verhandelt habe. Mundlos soll unter dem Alias Max B., Böhnhardt als dessen Bruder bei "Bauservice Marschner" gearbeitet haben. Zudem mietete Marschner in Zwickau mehrfach Autos, mit denen, wie er sagte, Angehörige der Firma zu entfernten Einsätzen fuhren. Bei zwei Mietungen decken sich Zeit und abgerechnete Kilometer mit Strecken, die zu Tatorten von NSU-Morden in Nürnberg und in München zurückzulegen waren.

Vom Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln wurde Marschner angeblich 2002 abgeschaltet, also als die ersten vier Morde der Ceska-Serie schon stattgefunden hatten. Wie viel wusste Marschner selbst von Mord und Terror, wie viel verriet er seinen Dienstherren? Diese Fragen drängen ebenso wie eine dritte, die bisher völlig unbeachtet blieb.

Marschner verschwand im Sommer 2007 aus Zwickau, nur Monate nach dem letzten und rätselhaftesten aller dem NSU angelasteten Morde - dem an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Auf der Suche nach Gründen für Marschners Abtauchen stießen Ermittler auf diffuse Erklärungen, er habe wirtschaftliche wie auch Drogenprobleme gehabt. Wieso solche ein Verschwinden ins Ausland auslösen sollten, ist unklar. Wie man jetzt weiß, gelangte Marschner über Stationen in Irland und Österreich ins schweizerische Chur. Mail-, Skype- und Telefon-Anfragen, die "Freie Presse" seit Februar 2013 an Marschner richtete, ließ er unbeantwortet.

So bleibt auch ein Punkt schleierhaft, der sich aus aktuellen Recherchen der "Freien Presse" ergibt: Für den Szene-Shop "Heaven & Hell" verfügte Marschner über eine Kreditkarte, mit der er allein im halben Jahr vor seinem Verschwinden 14 Mal Autos mietete. 13 dieser Mietungen fanden, wie zuvor stets auch, in Zwickau statt. Nur eine, im Dezember 2006, also zwischen dem Ende der Ausländer-Mordserie und dem Mord an der Polizistin, erfolgte an anderem Ort. Mit Marschners Karte wurde im bayerischen Pullach ein Auto gemietet. Der Ort südlich von München war bis 2014 Hauptsitz des Bundesnachrichtendienstes (BND), des deutschen Auslandsgeheimdienstes. Was machte der 2002 vom Kölner Inlandsgeheimdienst abgeschaltete V-Mann Marschner im Dezember 2006, kurz nachdem das Bundeskriminalamt den BND in die Suche nach der Ceska-Tatwaffe eingebunden hatte, in Pullach? Diese Frage ist so offen wie eine weitere.

Konkret, warum die Ceska-Mordserie 2006 endete, obwohl die mutmaßlichen Serienmörder noch fünf Jahre auf freiem Fuß blieben? Laut Experten hören Serientäter sehr selten einfach so auf zu morden. Der letzte Ceska-Mord fand im April 2006 in Kassel statt und unterschied sich von vorangegangen Morden. Waren die Opfer zuvor immer allein am Tatort überrascht worden, erschoss man Halit Yozgat, den Besitzer eines Internet-Cafés, im fast voll besetzten Laden. Ein Gast, der sein Telefonat in einer der Kabinen oder seine Internet-Sitzung beendet hätte, hätte leicht hineinplatzen können, als man den in einer Nische sitzenden Café-Besitzer erschoss. Glaubt man der Version des angeblich rein zufällig am Tatort gewesenen Geheimdienstlers Andreas T., verfehlte dieser das Mordgeschehen beim Verlassen des Ladens nur um Sekunden. Der Mann verschwand unerkannt aus dem Café, just als andere Zeugen Knallgeräusche ausmachten. Vor Auffliegen des NSU galt der V-Mann-Führer des hessischen Verfassungsschutzes selbst als Hauptverdächtiger im Mordfall. Er machte sich verdächtig, weil er auf Zeugenaufrufe nicht reagierte, man seine Identität ermitteln musste. Beim Verlassen des Ladens hatte er eine Plastiktüte mit schwerem Inhalt getragen. Vorangegangene NSU-Morde waren mit einer in eine Tüte gehüllten Waffe verübt worden. An einem Handschuh T.s stellte das BKA eine Schmauchspur fest, die man als "typisch" für die Mordmunition befand. In T.s Schützenverein war die fragliche Munition eines tschechischen Herstellers nach "Freie-Presse"-Recherchen nicht üblich. Doch beschlagnahmte man auf T.s Computer noch Fotos von einem anderen Schießstand. Der Geheimdienstler erklärte, er habe auf Anregung eines Vereinskameraden an Großkaliber-Combat-Turnieren eines anderen Vereins teilgenommen. Combat-Schießen ist Kampftraining, bei dem man auf menschliche Silhouetten schießt. Der Vereinskamerad dagegen bestritt, die Bilder zu kennen. Er zweifelte auch an, dass es sich bei dem gezeigten Schießstand überhaupt um einen Verein handelte, da übliche Sicherheitsvorkehrungen fehlten. Wo die Combat-Fotos entstanden und warum der Geheimdienstler die Ermittler belog, ist unklar. Das kann nur noch einer der Untersuchungsausschüsse klären. Im NSU-Prozess, in dem T. auch verhört wurde, betonte der Vorsitzende Richter zur Empörung der Opferanwälte und Hinterbliebenen, Andreas T.'s. Zufallsversion, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, zu glauben. Und das trotz der Tatsache, dass man in Hessens Untersuchungsausschuss inzwischen davon ausging, T. sei sogar in dienstlichem Auftrag im Café gewesen. Kurz zuvor hatte man die Dienste in die Suche nach der Ceska-Tatwaffe eingebunden. Weitere Zweifel fußen darauf, dass dem rechtsextremen V-Mann T.s Kontakt ins NSU-Umfeld nachgewiesen wurde.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
2Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 1
    3
    Interessierte
    05.11.2016

    Chemnitz/Zwickau ..........
    Wenn ich das schon wieder lese ....

    Die Morde haben in ganz D stattgefunden und in C+Z haben die geschlafen ...
    Und da sind C+Z wieder dran schuldig , dass man die hier nicht gegriffen und verhaftet hat ...
    Und warum hat man die nicht bei den 10 Attentaten verhaftet , also da , wo es geknallt hat ?
    Wenn mein Mann abends nachhause kommt , dann weiß ich auch nicht , woher der kommt , ob der von Arbeit oder von einer Freundin oder von einem Mord kommt ...

    Dazu kam gerade :
    "NSU -Komplex - die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd "

    Die waren überall , vor allem in Thüringen ...
    Jena - Magd - Zerbst - Mölln - Solingen - Rudolstadt - Saalfeld - Koblenz - Nürnberg - Rostock - Köln - Kassel - Heilbronn - Arnstadt - Gotha - Eisenach ....
    Und in Dresden waren die mal zur Demo ....

    Aber versagt haben die Sachsen ...
    Und wo sind die Leute von der RAF heute ???

  • 5
    0
    Freigeist14
    05.11.2016

    3 weitere offene Fragen sind:1.Wer war der 3.Mann am brennenden Wohnmobil,der von mehreren Zeugen gesehen und beschrieben wurde?
    und 2.Woran starb V-Mann "Corelli"wirklich...nachdem nun bekannt wurde,daß der Leichnam schnell eingeäschert werden sollte?
    3.Warum verbergen die beiden Uwes ausgerechnet im angemieteten Wohnmobil die "Ceska"Tatwaffe vier Jahre nach der Ermordung Kiesewetters ?



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...