NSU-Raubdebüt: Wer war der Dritte, und gab es Insiderwissen?

Sachsens NSU-Ausschuss nimmt zur letzten Sitzung den ersten Überfall ins Visier. Dabei entkamen die Täter noch zu Fuß. Und sie kannten die Abläufe bei Edeka erstaunlich gut.

Dresden/Chemnitz.

Der Schuss verfehlte Falko K.s' Kopf nur knapp. Es müsse jugendlicher "Leichtsinn" gewesen sein, dass er den Räubern hinterhergerannt sei, ohne übers Risiko nachzudenken. Das sagte der 36-jährige Chemnitzer am Montag, nahezu 20 Jahre nachdem er als 16-Jähriger fast das erste Mordopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) geworden wäre. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hatte K. als Zeugen geladen. In der letzten Sitzung befasste sich der Ausschuss am Montag mit der frühen Phase des Abtauchens der Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in Chemnitz.

Dazu gehörte das Raubüberfall-Debüt vom 18. Dezember 1998, das erst mehr als 13 Jahre später, nach Auffliegen des NSU, weitgehend geklärt werden konnte. Geklärt, weil man im Brandschutt des NSU-Domizils an der Zwickauer Frühlingsstraße Patronenhülsen fand, die mit derselben Waffe verschossen worden waren wie jene, die man nach dem Überfall auf die Chemnitzer Edeka-Kaufhalle an der Irkutsker Straße asserviert hatte. Nur weitgehend geklärt, weil jene beim Überfall benutzte Waffe verschollen ist. Und weil, zumindest nach Falko K.s Aussage, neben den toten NSU-Mitgliedern Mundlos und Böhnhardt ein weiterer Täter nach wie vor auf freiem Fuß sein müsste: Der dritte Mann, der unerkannt entkam.

Andere Zeugen, die sich in der überfallenen Kaufhalle befunden hatten, beschrieben zwei Täter, die im Markt das Personal in Schach hielten. Falko K., wartete draußen abseits des Eingangs auf Freunde. Er machte an der Tür zwei vermummte Männer aus. Von drinnen sei eine dritte Person dazu gestoßen, als die drei die Flucht ergriffen. Falko K. setzte nach, kam aber nur bis um die Hausecke, wo sich ein Täter umdrehte und schoss. "Man hat am Schuss gehört, dass es eine scharfe Waffe war", beschrieb K. Das erste Projektil zischte ihm knapp am Ohr vorbei. Mit einem Sprung habe er sich vorm nächsten Schuss hinter ein Auto gerettet.

Die Polizei sei zwar schnell da gewesen und habe die Verfolgung aufgenommen. "Aber vielleicht haben die irgendwo ein Fahrzeug gehabt", grübelte K. am Montag. Die stellvertretende Ausschussvorsitzende Kerstin Köditz (Linke) hakte nach, ob er ein Fahrzeug wahrgenommen habe. K. verneinte. Nach späterer Rekonstruktion anhand von Schuhabdrücken waren die Täter zu Fuß geflohen: Über die B 169 (Stollberger Straße) die Johannes-Reitz- zur Helbersdorfer Straße hinab. Dort hatten sie, wie um Verfolger irrezuführen, eine Runde zwischen Plattenblöcken gedreht, bis sie wieder an einen Block an der Helbersdorfer Straße zurückkehrten. An einem Containerplatz verlor sich die Spur, hielt die Polizei in der TV-Sendung "Kripo-live" fest.

Über 14 Jahre habe er nichts mehr von dem Vorfall gehört, sagte Falko K. am Montag. Dann hielten seine Eltern ihm einen "Freie-Presse"-Artikel mit den damals gefertigten Phantombildern der Verdächtigen und dem just erkannten Bezug zum NSU-Trio hin. Wiederum eine Weile später habe das BKA wegen einer Zeugenaussage bei ihm angerufen.

Dass man nicht gleich auf ihn zukam, lag schlicht daran, dass die Akten vernichtet worden waren. Bundesanwalt Jochen Weingarten bezeichnete den Vorgang vormals als Unding, da der Fall als versuchter Mord, nicht als gewöhnlicher Raubüberfall hätte behandelt werden müssen. Da Mord nie verjährt, hätten auch die Akten nicht vernichtet werden dürfen. Immerhin fand man noch ein Phantombild, an dessen Erstellen Falko K. beteiligt gewesen war. Auf diesem war der Name des damals 16-Jährigen noch vermerkt.

Ob man ihm je Namen vorgehalten, ihn vielleicht nach einem Achim Armin F. gefragt habe, wollte Ausschuss-Vizechefin Köditz wissen. K. verneinte. Hinter der Frage verbarg sich eine jener offenen Spuren im NSU-Netzwerk von Chemnitz. Von Achim Armin F.s Bruder Gunter Frank hatte man einen Ausweis beim Trio gefunden, Böhnhardt hatte den Namen Gunter Frank F. als Alias genutzt. Achim Armin F. soll sich zuvor in der örtlichen Neonazi-Szene nach einer Bleibe fürs abgetauchte Trio erkundigt und dabei Friseurin Mandy S. als Helferin geworben haben. Allerdings kam ihm vielleicht noch eine wichtigere Rolle zu.

Der Chemnitzer Ermittler, der jahrelang vergeblich zur Banküberfall-Serie des NSU geforscht hatte, musste im Ausschuss selbst einmal aussagen. Er betonte, den Überfall bei Edeka habe man vormals nie zur Serie dazugezählt, weil nur Anfänger Läden heimsuchen, wo im Vergleich zu Banken kaum etwas zu holen sei. Was er zu ignorieren schien, war, dass die Täter beim Debüt 30.000 Mark aus der Edeka-Kaufhalle geschleppt hatten - mehr Beute als bei manchem späteren Banküberfall. Am frühen Abend hatten sie exakt die Zeit abgepasst, zu der an den Kassen alle Tageseinnahmen eingesammelt wurden. Hatten die Täter Wissen über interne Abläufe? Und wenn von wem? Diese Überlegung stand hinter einer Anfrage, die das BKA der Handelskette zu einem ihrer Mitarbeiter sandte. Eben jener Achim Armin F., der in mehreren Edeka-Märkten der Region eingesetzt gewesen war. Ob auch im überfallenen Markt, ließ sich nach so vielen Jahren nicht mehr festklopfen. Armin F. selbst verweigerte auf eben diese Frage im Verhör jede Antwort. Er verwies auf den Paragrafen, nach dem er nichts sagen muss, womit er sich selbst der Strafverfolgung aussetzt.

Bewertung des Artikels: Ø 1 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...