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"Oh mein Gott, er hat so recht": So reagiert das Internet auf das Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk zum ostdeutschen Opfer-Narrativ

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Viele fühlen sich von der Kritik an manchen Ostdeutschen angesprochen - positiv wie negativ. Hunderte diskutieren ihre Meinungen zum "Freie Presse"-Interview, allein auf Reddit mit gut 700 Beiträgen in wenigen Tagen - und es nimmt kein Ende.

In den Tagen seit der Veröffentlichung des Interviews mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk haben uns Leserbriefe erreicht, die Kowalczuk scharf kritisieren.

Nebenbei löste das Interview mehrere Debatten in den sozialen Medien aus. Allein auf dem Netzwerk Reddit wurde die Meinung des Historikers fast 700-mal kommentiert. In diesem Beitrag möchten wir einen Einblick in die Online-Debatte jüngerer Menschen geben, die Kowalczuks Einschätzung mehrheitlich teilen. Die Zusammenstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll die unterschiedlichen Meinungen im Forum darstellen.

So kommentieren Nutzer auf Reddit

  • "Ich bin selbst Thüringer und genau diese Einstellung kann ich ums Verrecken nicht mehr aushalten. Es wird nur genörgelt und gejammert. Immer von Mitmenschen, die seit dem Mauerfall stehen geblieben sind, nichts getan haben, um ihre Situation zu verbessern, aber immer der Meinung sind, die Welt schulde ihnen irgendwas."
  • "Ich kenne auch solche Familien. Fette Rente, großes Eigenheim, großer Schrebergarten, 3 Mal im Jahr auf Kreuzfahrt, aber die blöden Wessis beuten sie aus. Das ist einfach nur noch der pure Egoismus."
  • "Bekannter von mir ist Landwirt und auch nur am Jammern. Aber Hauptsache dreimal im Jahr in den Urlaub, dicken Audi vor der Türe stehen und jedes Jahr 180.000 Euro an EU-Subventionen kassieren. ‚Aber die bösen Grünen sind an allem schuld‘."
  • "Habe angeheiratete Verwandtschaft aus dem Osten und inzwischen haben wir den Kontakt komplett abgebrochen. Die Besuche dort waren unmöglich, es wurde nur gejammert und gemotzt und an allem waren die anderen schuld. War nicht nur bei den Verwandten so, sondern das zog sich durch Freunde, Bekannte und Nachbarschaft oder wenn man einkaufen war. Es wurde anderen nicht die Butter auf dem Brot gegönnt. Und was besonders schlimm war, es wurden Personen, die sich dem rechten Gedankengut nicht fügten, konsequent beleidigt, bedroht und diffamiert. Absolut schreckliche Mentalität. Sind einfach nicht angekommen und integriert und, was besonders fatal ist, null Einsehen und null Selbstreflexion. Beschimpfen andere als blinde Schafe, weil sie denken, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben, während sie einer Partei folgen, die blinde Schafe brauchen, um an der Macht zu bleiben."
  • "Ist mir selbst im westlichsten Westen aufgefallen. Je erfolgreicher und wohlhabender die Leute sind, desto mehr wird gejammert und umso schlimmer ist die Politik."
  • "Mir geht dieses Geheule langsam wirklich auf die Nerven. Nazis wählen und Rod Stewarts Kritik an Putin ausbuhen. So langsam ist mein ‚Man muss auch mal zuhören‘ echt überstrapaziert. Sollen die ganzen Leute doch nach Kaliningrad ziehen, sorry aber ich halts langsam nicht mehr aus wie viel Stuss man jeden Tag lesen muss."
  • "Ich bin nach dem Mauerfall im Westen geboren. Hab vor ein paar Jahren Freunde in Dresden besucht, damals war ich auch ungefähr 20. Während einer normalen Konversation kam dann plötzlich: ‚War ja klar, dass ein Wessi so was sagen würde‘. Ich fand das dermaßen absurd. Niemand in der Gruppe hatte den Mauerfall miterlebt, und trotzdem wurde da dann so eine Unterscheidung gemacht. Ich versteh es bis heute nicht. Die Wiedervereinigung ist so unfassbar lang her, ab wann hören Leute denn auf, davon zu reden?"
  • "Wenn man vom hessischen Hinterland bis ins Siegerland fährt, da herrscht heute noch in einigen Dörfern Leerstand. Nur die Alten sind zurückgeblieben. Das war mal eine Region, in der zahlreiche Erz- und metallverarbeitende Betriebe ansässig waren, aber seit Mitte bis Ende der 80er regelrecht zusammengebrochen sind. In keiner der hier von mir genannten Regionen finde ich Menschen mit einer ‚Opfermentalität' wie in Teilen Ostdeutschlands."
  • "Als Ruhrgebietler habe ich meine Heimatregion auch immer gerne als Referenz herangezogen, um das ostdeutsche Argument von ‚Mimimi, uns geht es doch so schlecht, daher bleibt uns nichts anderes übrig, als Nazis zu wählen‘ zu entkräften. Mittlerweile bin ich aber eher der Meinung, dass vielmehr das Thema Migration den Unterschied macht. Das Ruhrgebiet ist und war effektiv schon immer eine Einwanderungsgesellschaft. Ein Großteil der Bevölkerung stammt von Einwanderern ab oder sind selber welche. Entsprechende Gemeinschaften sind seit Jahrzehnten etabliert. Selbst die alt eingesessenen haben oft polnische Familiennamen."
  • "Diese Gesellschaft bietet weniger fruchtbaren Boden für deutsch-nationales Gedankengut. Gleichzeitig decken sich die absurden Schreckensbilder der AfD bezüglich Migration nicht mit den Alltagserfahrungen der Menschen. Zudem gibt es außer ein paar Russlanddeutschen keine Ostblock-Nostalgiker und niemand sieht sich von vermeintlichen Wessi-Eliten fernregiert."

"Vielleicht auch mal die nackten Zahlen anschauen und nicht nur die rummeckern"

  • "Ostdeutschland, ohne Berlin, ist laut Eurostat arm im Vergleich zu Westdeutschland, aber reicher als praktisch gesamt Osteuropa und sogar große Teile Frankreichs und Spaniens."
  • "Ich verdiene 1000 Euro weniger als mein Kölner Kollege und gehe drei Stunden die Woche oder 135 Stunden im Jahr länger dafür arbeiten. Die Steuern bleiben am Hauptsitz in Hamburg. Meine Miete zahle ich an einen Münchener Erbadel, nahezu die ganze Stadt gehört Wessis. Untergebuttert und ausgebeutet trifft das Gefühl ganz gut. Im Gegensatz zum Ruhrgebiet, wo 50 Jahre vorher schon klar war, dass die Kohle bald alle ist, kam die Wende mit Systemwechsel, anderen Gesetzen und dem neuen Steuerrecht recht unerwartet und plötzlich."
  • "Vielleicht auch mal die nackten Zahlen anschauen und nicht nur die rummeckern. Deine 1000 Euro weniger brutto sind am Ende noch 500 Euro weniger netto. Jetzt wäre die Frage, ob diese 500 Euro netto ungefähr den Lebensstandard ausgleichen. Würdest du für 500 Euro mehr eine vergleichbare Wohnung in Köln finden? Ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster und behaupte, dass das prinzipiell schwierig wird. In Köln bezahlst du ganz schnell 1500 Euro kalt für eine 70 Quadratmeter Wohnung. Solche Preise gibt es selbst in ostdeutschen Großstädten nicht mal annähernd."
  • "Das ist eine etwas verkürzte Version und sehr verallgemeinernd. Dass viele Biografien profitieren und viele darunter leiden, sollte offensichtlich sein. Wer im Sozialismus groß geworden ist, kommt nicht so einfach in die Marktwirtschaft hinein. Hier zu pauschalisieren, dass alle unzufrieden sind, ist etwas fett. Allerdings sind die Tendenzen leider nicht wegzudiskutieren, viel zu viele Menschen sind mit den omnipräsenten Krisen überfordert und reagieren dann mit ‚die da oben'. Das ist supereinfach und lenkt von der eigenen Verantwortung ab. Ich würde mir etwas mehr Erklären von Zusammenhängen wünschen, damit die komplexen Sachlagen nicht so von Populisten genutzt werden können!"
  • "Mag sein, dass im Osten mehr gejammert wird. Solche Kommentare wie ‚die sollen doch mal ruhig sein, sie sind doch eines Tages einfach im Schlaraffenland aufgewacht‘, oder ‚die haben doch mehr Reichtum als die Osteuropäer‘, werden das Jammern nicht besser machen. Solange man die innerdeutsche Grenze auf jeder eingefärbten Karte zu irgendeinem Thema noch sieht, gibt es Unterschiede, die angegangen werden müssen. Wir sind ein Land und sollten zusammenhalten, anstatt uns als Ost oder West zu identifizieren. Und auch nur so bekommen wir die extremen Parteien in den Griff, die uns als Ganzes schaden."

"Dieser Ossi Opfermythos ist ermüdend"

  • "Oh mein Gott er hat so Recht, ich kanns gar nicht sagen. Die Wiedervereinigung war der größte Wohlstandstransfer in der Geschichte der Menschheit, ausschließlich zugunsten der Ostdeutschen wohlgemerkt, und es gab und gibt nur Gemecker und Gejammer. Und irgendwelche Verschwörungstheorien von der bösen Treuhand, welche die ganze international so konkurrenzfähige Ost-Hightech-Industrie ausgeschlachtet hat. Und selbst die Leute, die nach 1990 geboren wurden, übernehmen diese ganzen Opfer- und Heldengeschichten. Ich habe kürzlich einen Mittzwanziger unironisch sagen hören: "Dafür sind wir ‚89 nicht auf die Straße gegangen‘."
  • "Die DDR lebte weit über ihren Verhältnissen. Viele der Ost-Deutschen hatten nicht miterlebt, dass das Land kurz vor der Pleite stand. Deswegen hat die UDSSR es auch am Ende ‚zurückgegeben‘, bevor es ihnen um die Ohren geflogen ist. Dann hat Westdeutschland viel Geld hineingesteckt in die Region, um sie vor einem Fall zu hindern. Problem ist nur, dass dadurch eine große Bevölkerungsgruppe ein verzerrtes Bild auf den tatsächlichen Zustand der DDR haben und es letztendlich romantisieren. Das Ostdeutschland nie wirklich zusammen gebrochen ist, war großes Unterfangen von Politikern und Menschen auf beiden Seiten. Nur leider lernen die Leute dann nicht daraus."
  • "Viele wurden verarscht. Viele Menschen waren gutgläubig und wurden dann von westlichen Investoren verarscht. Hier an der Küste sind viele Sahnegrundstücke für einen Apfel und ein Ei in Nachwendezeiten über den Tisch gegangen. Es gab viele Gewinner, aber es gab auch viele Verlierer. Trotz dessen stimme ich dem Artikel zu, dieser Ossi Opfermythos ist ermüdend."
  • "Dass bei einer so massiven ökonomischen Umwälzung zu Fehlentscheidungen und auch zu kleinen und großen Gaunereien kommt, ist ja klar. Aber alles in allem war die Entscheidung ja richtig, dass das, was von der ostdeutschen Wirtschaft zu retten war in die Privatwirtschaft zu überführen und das, was in einer Marktwirtschaft eben nicht zu retten ist, zuzusperren. Die Wirtschaft der DDR war nun mal im Großen und Ganzen ein Industriemuseum, das kann man halt in einer Marktwirtschaft nicht als Beschäftigungstherapie weiterbetreiben."
  • "Klar geht es vielen Ostdeutschen jetzt viel besser und das Rumgemeckere von Ronny und Sören geht mir auch gewaltig auf den Sack. Das sind wichtige Gründe dafür, warum ich aus Ostdeutschland weggezogen bin. Und das insbesondere die reichen Ossis am lautesten kreischen, ist mit das schlimmste. Aber zu verkennen, dass die Treuhand extrem ungerecht war und damit Ostdeutschlands gehandicapter Start in die globalisierte Wirtschaft noch verschlimmert wurde, sollte man immer im Hinterkopf halten. Und dann diese Geschichte als reinen Wohlstandstransfer Richtung Ost zu bezeichnen ist einfach eine komplette Verkennung der Realität. Natürlich musst du eine Region mit Förderung vollpumpen, wenn du den Leuten vorher 95 Prozent ihrer Sachen weggenommen hast. Was ich als Verschwörungstheorie bezeichne, ist diese Geschichte, wonach der Westen sich mit der Ost-Wirtschaft seiner Konkurrenz entledigt hätte - dass man mutwillig hoch-profitable und konkurrenzfähige Unternehmen ausgeschaltet hätte. Als ob BMW und Siemens vor Trabant und dem VEB Mikroelektronik nur so gezittert hätten. Das sind Mythen, die mit der Realität nichts zu tun haben."
  • "Die Rentenzeiten aus der DDR wurden großzügig anerkannt, weshalb die Ostdeutschen mehr ‚Beitragsjahre' haben. In der DDR gab es ja keine Arbeitslosigkeit. Um das abzufedern, gab es jahrelang den etwas geringeren Rentenwert-Ost und was wurde daraus konstruiert? ‚Die Wessis benachteiligen die Ossis beim Thema Rente‘. Da bekommen die Leute teilweise jahrzehntelange Beitragsjahre ‚geschenkt' und meckern trotzdem."
  • "Ich nach der Wende geboren und habe die DDR nie erlebt. Das ist nur mein persönlicher Eindruck aus meinen eignen Erfahrungen hier. Viele Leute im Osten sehen sehnen sich nach der führenden Hand des Staates zurück, die das gesamte Leben in einen gewissen Rahmen einordnet. Allerdings Führung im Sinne davon, dass sich nichts ändern soll. Deswegen der Hang zu konservativen bis rechten Parteien, da die genau das versprechen. Man kann bei Teilen sicher fast von einer Überforderung mit den Unbeständigkeiten von Demokratie und Freiheit sprechen. Der ökonomische Abstieg wird dem Wandel zugeschrieben, weswegen dem grundsätzlich ablehnend gegenüber zu stehen ist. (Was in Fällen wie der Treuhand etc. durchaus auch korrekt ist in Teilen) Es fehlt der Blick auf die tatsächlichen Gründe des wirtschaftlichen Abstiegs. Es werden Feindbilder dort geschaffen, wo sie schon immer waren - in denen, die aus ihrer Sicht das System durchbrechen. Der Arbeitslose. Der anders Glaubende. Der Ausländer. Der Grüne. Der Wessi."

So kommentieren Leser auf Facebook und X

Auf X gab es ebenfalls zahlreiche Reaktionen. Als einer der wenigen Politiker äußerte sich Bundestagsmitglied Detlef Müller (SPD): "Teile nicht alle Thesen, aber es stimmt vom Grundsatz her. Es wird einen Aufschrei geben. Es hilft nur ein harter, unverklärter Blick in den Spiegel. Danke!" Eine Bandbreite an Personen aus der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft teilten das Interview ebenfalls.

Facebook-Kommentare unter dem Beitrag der "Freien Presse" fielen in einigen Fällen unsachlicher aus. So schrieb zum Beispiel Kerstin Weidemüller: "Das beste Beispiel dafür, dass man trotz Studium noch lange keine Ahnung haben muss", oder Nicky Buch: "Selten so einen Unsinn gelesen. Warum versucht jeder, uns Ossis zu interpretieren?" Darunter waren aber auch Personen, die probierten, ihre Meinung mit Argumenten zu unterlegen.

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