Online-Riese Amazon schafft 1000 Jobs in Gera

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In Gera baut der Versandhändler Amazon eines der größten Logistikzentren Ostdeutschlands - und wird der größte Arbeitgeber der Stadt. Ein Segen für eine strukturschwache Region, möchte man meinen. Doch gar so einfach ist es nicht.

Gera (dpa) - Nördlich von Gera steht zwischen Feldern und Wiesen ein riesiger Klotz. Besser gesagt: Ein riesiges Logistikzentrum, derzeit gebaut vom Online-Versandhändler Amazon. Und das soll nicht nur eines der größten seiner Art in Ostdeutschland werden, sondern auch der größte Arbeitgeber in einer eher strukturschwachen Region. Dabei bleibt ein Grundkonflikt bestehen: Die Gewerkschaft Verdi bemängelt schon seit Jahren fehlende Tarifbindung bei dem Online-Giganten und ruft immer wieder zu Streiks auf. Amazon hingegen verweist auf Lohnerhöhungen in den vergangenen Jahren und Boni. Doch wie ist die Stimmung vor Ort?

Zunächst die Fakten: Im Spätsommer noch will Amazon in dem Zentrum nahe der Grenze zu Sachsen-Anhalt den Betrieb aufnehmen. Auf einer Fläche von acht Fußballfeldern sollen dann 16 bis 18 Millionen kleinere Artikel über drei Etagen eingelagert und an Verteilzentren ausgeliefert werden. Im ersten Jahr sollen über 1000 Arbeitsplätze entstehen. Logistikzentren dieser Größenordnung stehen derzeit auch schon nahe Magdeburg und Leipzig. In Gera werden noch Fachkräfte gesucht, aber auch ungelernte Hilfskräfte. Einstiegslohn: 12 Euro brutto pro Stunde. Insgesamt nimmt Amazon nach eigenen Angaben 130 Millionen Euro für den Aufbau in die Hand.

«Mir fallen wenige ein, die hier so viel investiert haben und die hier so viele Arbeitsplätze auf einen Schlag geschaffen haben», sagt Geras Oberbürgermeister, Julian Vonarb (parteilos). Amazon, das oft auch wegen seiner Steuervermeidungspraktiken in der Kritik steht, zahle in Gera Gewerbesteuer. Über die erwarteten Einnahmen für die Stadt wolle er noch keine Prognose abgeben. Gera nehme aber derzeit weniger als halb so viel Gewerbesteuer ein wie das nahe Jena - trotz ähnlicher Größe. Investitionen sind hier also mehr als Willkommen.

Dazu kommt: Mit 8,0 Prozent hat die Stadt Gera derzeit die höchste Arbeitslosenquote Thüringens. Arbeitsplätze für ungelernte Kräfte werden also dringend gebraucht, erklärt der Leiter der örtlichen Arbeitsagentur, Stefan Scholz. Im Vollbetrieb sei das Zentrum dann der größte Arbeitgeber der Stadt. Bislang hätten rund 250 Arbeitslose einen Vertrag bei Amazon unterschrieben. Und bei der Suche nach Fachkräften für Technik oder IT schaue man auch nach Sachsen und Sachsen-Anhalt - notgedrungen, weil es in Gera nicht allzu viele Fachkräfte zum anwerben gibt.

Doch wie ist das mit den Löhnen? Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geht seit jeher hart mit Amazon ins Gericht. Trotz Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren seien die 12 Euro Einstiegsgehalt zu niedrig. Der Tariflohn für gleichwertige Beschäftigung liege bei 12,83 Euro, sagt der Einzelhandelsexperte der Gewerkschaft Jörg Lauenroth-Mago. Das größte Problem jedoch sei, «dass sich Amazon völlig verweigert, fair über Arbeitsbedingungen zu sprechen». Stattdessen würden Löhne diktiert.

Amazon bleibt jedoch auch in Gera bei seiner Linie: Die Löhne seien angemessen, die Beschäftigten erhielten zudem zahlreiche Zusatzleistungen. Spezialisten kriegen ohnehin mehr Gehalt. Außerdem sei für kommendes Jahr ein Einstiegsgehalt von 12,50 Euro vorgesehen.

Für die Region rund um Gera gibt Arbeitsagentur-Chef Scholz außerdem zu bedenken: «Die Bezahlung liegt weit über Ortsdurchschnitt». Die Löhne bei Amazon seien außerdem weit genug entfernt vom Mindestlohn. Gerade für die Stellen für Hilfsarbeiten habe es viele Interessenten gegeben - auch, weil Amazon ein stabiles Schichtsystem statt Wechselschichten anbiete.

Verdi-Mann Lauenroth-Mago kennt das Argument, dass Amazon gerade für Niedrigqualifizierte Arbeitsplätze schaffe. Und er erkennt auch die Lohnsteigerungen der vergangenen Jahre an - «auf unseren Druck hin». In Leipzig habe sich mittlerweile ein engagierter Betriebsrat etabliert, erzählt er. «Den Menschen ist dort bewusst, dass sie Forderungen stellen können». Das erhoffe er sich nun auch in Gera.

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