Pfleger in Sachsens Kliniken haben 1,5 Millionen Überstunden

Der Personalmangel in den Krankenhäusern führt zu viel Mehrarbeit und einem hohen Krankenstand bei Pflegekräften. Die Gewerkschaft verlangt ein Eingreifen der Politik.

Chemnitz. Verdi legt sich fest: Sachsens Kliniken brauchten elf Prozent mehr Personal. In den Krankenhäusern sollen 1,5 Millionen Überstunden aufgelaufen sein. Der Mangel führe bei den Beschäftigten zu Überstunden und gesundheitlichen Belastungen, sagte am Dienstag Bernd Becker, Verdi-Fachbereichsleiter im Landesbezirk. "In der Kranken- und Geburtspflege liegt der Krankenstand bei 19,6 Tagen im Jahr, während der Durchschnitt über alle Beschäftigten nur 13,7 Tage beträgt."

Michael Junge vom Sächsischen Pflegerat kritisiert, dass sich zu wenige Krankenpfleger um zu viele Patienten kümmern müssten. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung spricht von 13 Patienten, die eine Pflegekraft in Deutschland betreut, während in Ländern wie den USA, Norwegen oder Irland fünf bis sieben üblich seien. Dazu die Bezahlung: Ein Pfleger in Ostdeutschland hat 18 Prozent weniger in der Tasche als sein Berufskollege im Westen, so der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Alles in allem machten die Arbeitsbedingungen den Beruf unattraktiver. "Eine fatale Entwicklung in einem Bereich, der dringend Fachkräfte benötigt", so der Pflegeratsvorsitzende Junge.

Die Probleme sind für Verdi-Fachmann Becker hausgemacht. "1996 hat Horst Seehofer als Bundesgesundheitsminister den letzten gesetzlich gültigen Personalschlüssel gestrichen. Seit 2002 stehen die Krankenhäuser im ökonomischen Wettbewerb. Der Kostendruck wurde über die Jahre auf die Beschäftigten durchgereicht." Ein drittes Problem liege in der dualen Finanzierung: Eigentlich finanzieren die Beitragszahler der Krankenkassen nur den Betrieb. Für Investitionen in die Gebäude sind die Länder zuständig. Die kämen ihren Verpflichtungen nur ungenügend nach, so Becker. Mittel der Kliniken würden in die Investitionen umgeschichtet, die dann auch beim Personal fehlten.

Die Diskussion um Mängel in der Krankenpflege hat zuletzt auch den Wahlkampf erreicht. In einer Fernsehsendung stellte der Auszubildende Alexander Jorde die Bundeskanzlerin zur Rede, der er vorwarf, die Krankenpflege zwölf Jahre lang vernachlässigt zu haben. Die Würde des Menschen werde in Kliniken und Altenheimen tagtäglich tausendfach verletzt. Die Kanzlerin sagte, sie wolle "mehr Standards" im System.

Die Gewerkschaft Verdi hat genaue Vorstellungen, wie die aussehen müssten: ein Pfleger-Patienten-Schlüssel, der für alle verbindlich ist. "Wir brauchen die gesetzliche Vorgabe für die Personalbemessung im Krankenhaus", sagt Bernd Becker. Gegen diese Idee standen bisher zum Beispiel das Bundesgesundheitsministerium und manche privaten Krankenhausbetreiber, die darauf setzen, dass jede Einrichtung sich selbst bestmöglich organisieren soll. Die Krankenhausgesellschaft Sachsen, in der 80 Krankenhäuser organisiert sind, hält angesichts fehlender Fachkräfte und eines steigenden Betreuungsaufwands eine Diskussion für notwendig. Ihr Vizegeschäftsführer Friedrich München sagte, dass sich die Gesellschaft auch Quoten in bestimmten Bereichen nicht verschließen würde. (mit dpa)

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