Sechs Tote, über 300 Verletzte: Nach der Bluttat auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg steht der Täter ab Montag vor Gericht. Ein geplantes Theaterstück sorgte zuvor für Unverständnis und Protest.
Von vorweihnachtlicher Stimmung mit Glühwein und gebrannten Mandeln bis zu Leid, Schmerz und Tod dauerte es nur wenige Augenblicke: Am 20. Dezember 2024 tötete Taleb al-Abdulmohsen mit einem BMW-SUV sechs Menschen auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt, verletzte Hunderte.
Ab dem heutigen Montag steht der Saudi vorm Landgericht Magdeburg. Die Anklage wirft dem 51-Jährigen u.a. Mord an sechs Menschen sowie versuchten Mord in 338 Fällen vor. Es ist eines der größten Verfahren in Nachkriegs-Deutschland. Um die große Zahl der Betroffenen unterzubringen, wurde für den Prozess extra ein eigenes Gerichtsgebäude in Leichtbauweise errichtet.
„3 Minuten (AT)“ am Theater Magdeburg
Kurz vor dem Prozessauftakt, am gestrigen Sonntag, sorgte ein geplantes Theaterstück über die Bluttat für Protest. „3 Minuten (AT)“ heißt es und soll am 23. Mai 2026 Premiere feiern. „Es waren 3 Minuten am 20. Dezember 2024, die Magdeburg schmerzhaft verändert haben“, heißt es auf der Website des Theaters über den Inhalt. Und weiter: „Autor Kevin Rittberger begibt sich nach diesem traumatischen Ereignis in den Echoraum der Stadt.“
Aus Rittbergers Recherchen werde „ein verdichteter Text entstehen, der sich als Brückenschlag versteht, denn ohne Erinnerung gibt es keine Aufarbeitung und keinen Dialog“. Inszeniert wird das Ganze von Sebastian Nübling (arbeitete u.a. in Stuttgart, Basel und München). Das Theater verspricht: Nübling werde „den Text mit der nötigen Sensibilität und künstlerischen Freiheit gleichermaßen auf die Bühne bringen“.
Gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) verspricht Bastian Lomsché, Dramaturg und Schauspieldirektor am Magdeburger Theater, dass man keine Nacherzählung des Anschlags plane. Auch soll es keine „kontroverse Erzählung“ werden. Stattdessen wolle man der Frage nachgehen: „Wie können wir als Stadt denn jetzt weitermachen?“.
Demo-Organisator: „Bilder, die nie mehr aus dem Kopf gehen“
Bei der Demo vorm Theater am Sonntagnachmittag hat man an all dem offenbar Zweifel, wie die „Volksstimme“ berichtet. Dort wird das geplante Stück bereits im Vorfeld als „pietätlos“ oder „makaber“ bezeichnet.
Zur Veranstaltung aufgerufen hatte Denny Zenker, der laut „Bild“ die Folgen von al-Abdulmohsens Anschlag mit eigenen Augen sah: „Als ich kam, war er schon festgenommen. Aber ich hörte die Schreie, sah blutverschmierte Menschen und verzweifelte Rettungskräfte. Das sind Bilder, die nie mehr aus dem Kopf gehen.“
Nach der Tat organisierte der Magdeburger Gedenkmärsche und Mahnwachen. Vom Theaterstück zeigt er sich geschockt und gibt gegenüber der Boulevard-Zeitung an: „Wir wollen alles unternehmen, damit das Schicksal der Weihnachtsmarkt-Opfer nicht als Bühnenspektakel vermarktet wird.“ Den Inhalt des geplanten Stückes kenne er nicht, habe aber spätabends Polizeibesuch bekommen, nachdem er beim Theater sein Missfallen darüber geäußert habe.
Laut Zenker klingelten die Beamten gegen 23.30 Uhr bei ihm: „Drei uniformierte Beamte kamen in mein Wohnzimmer, hielten eine Gefährder-Ansprache.“ Im Hintergrund streamte der 40-Jährige live auf seinem TikTok-Kanal. Die Follower hätten den Einsatz mitgehört, so Zenker.
Trauer und Wut bei Hinterbliebener
Vor dem heutigen Prozessauftakt war das RND in Magdeburg unterwegs, sprach etwa mit Opfern des Anschlags. Diese wollen anonym bleiben. Eine Frau Ende 50 wurde am 20. Dezember am Bein verletzt und brauchte Monate, um wenigstens ein paar Schritte gehen zu können.
Sobald sie ein Blaulicht sieht oder einen Hubschrauber, blitzen die Bilder von damals wieder auf. Dem Weihnachtsmarkt bleibt sie fern. Allein die Vorstellung, „dass vielleicht nur zwei Meter von dort, wo vor nicht mal einem Jahr Menschen ermordet wurden, wo sie in ihrem Blut lagen, dass dort jetzt Menschen entspannt Glühwein trinken: Diesen Gedanken finde ich unerträglich“.
Eine andere Frau verlor bei der Tat des 51-Jährigen ihre Mutter. In die Trauer mischte sich bei ihr auch Wut auf die Stadtspitze: „Es gibt bis heute kein ernsthaftes Interesse daran, was uns Hinterbliebenen jetzt helfen würde, was wir brauchen.“ Manchmal habe sie das Gefühl, als würden die Angehörigen nur stören, berichtet sie dem RND.
Todesfahrer schrieb seine Opfer an
Taleb al-Abdulmohsen selbst wurde seit seiner Festnahme mehrmals verlegt. Zunächst saß er in Sachsen-Anhalt im Gefängnis, später dann in Dresden, anschließend in Leipzig. Von dort kam er per Hubschrauber nach Berlin.
Aus dem Knast heraus räumte er die Bluttat nicht nur ein, er kündigte in einem Brief an die Naumburger Generalstaatsanwaltschaft auch an: „Ich bin stolz auf jenen 20. Dezember und jetzt bereit, weitere Deutsche mit meiner Hand zu schlachten.“ Den Brief schrieb er im März, während er in Dresden einsaß.
Im Juni – da saß er in Leipzig in Haft – nahm er gar schriftlich Kontakt zu einigen seiner Opfer auf. In den Schreiben bat er etwa um Entschuldigung, schilderte den Anschlag in wirren Worten aus seiner Sicht. Eines der Opfer sprach er mit Namen an, forderte: „Bitte kontaktieren Sie mich oder schicken Sie einen Vertreter.“ Und: „Bei Briefen legen Sie bitte immer einen frankierten Umschlag bei.“ Er verblieb dann „Mit freundlichen Grüßen“. An die Adressen der Opfer kam er womöglich durch Akteneinsicht seines Anwalts.
Ein männliches Anschlagsopfer zeigte sich gegenüber dem MDR anschließend fassungslos: „Wir waren schockiert, als wir aus dem Urlaub nach Hause kamen und den Brief im Briefkasten fanden. Wie kann ein Mörder an die Adressen der Überlebenden kommen? Das gibt es echt nur in Deutschland.“ (phy)







