Preise für Pflegeheime in Sachsen steigen drastisch

Um mehrere Hundert Euro verteuerten sich viele Betreuungsplätze zum Jahresbeginn. Dagegen regt sich Protest.

Chemnitz.

Das Schreiben der Seniorenresidenz RIU in Freiberg hatte es in sich. "Durch gestiegene Lohn- und Betriebskosten", so erfuhr Klaus Lehmann (Name geändert), "waren wir gezwungen, mit den Krankenkassen eine neue Preisvereinbarung abzuschließen." Bisher muss sein Vater für den Pflegeheimplatz monatlich 1239 Euro zuzahlen. Ab 1. Februar sind es 1632 Euro.

So wie dem Freiberger erging es jetzt Tausenden Sachsen. Nach Angaben der AOK Plus haben zum Jahresbeginn 181 der rund 700 Pflegeheime in Sachsen neue Preisvereinbarungen mit der Pflegekasse abgeschlossen. Dabei wurden Preissteigerungen teils bis über 30 Prozent vereinbart. Vergangenes Jahr erzielten laut AOK Plus bereits 521 Heime im Freistaat höhere Vergütungen - alles auf Kosten der Pflegebedürftigen.

So sind die Pflegeheime gesetzlich verpflichtet, mehr Personal einzustellen und dieses besser zu bezahlen. Doch die zusätzlichen Kosten tragen allein die Bewohner, denn die Festbeträge, die die Kassen nach dem jeweiligen Pflegegrad an die Heimbetreiber zahlen, blieben unverändert. Im Grunde, so kritisiert der Sprecher eines Wohlfahrtsverbandes im Gespräch mit der "Freien Presse", werde hier über das Geld anderer Leute verhandelt.

Die Pflegekassen sind zwar angehalten, im Sinne der Pflegebedürftigen die Kosten möglichst niedrig zu halten. Und über viele Jahre hinweg wurden in Sachsen auch niedrige Sätze verhandelt, wie ein Sprecher des Sozialministeriums in Dresden sagte. Doch damit, das zeigten die letzten Monate, ist nun Schluss.

Gegen diese Entwicklung formiert sich inzwischen Widerstand. In einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Reichenbach im Vogtland wurden Unterschriften unter ein Protestschreiben ans Bundesgesundheitsministerium und an den Spitzenverband der Krankenkassen gesammelt. Initiiert hat die Aktion ein Angehöriger einer Bewohnerin, die seit Jahresbeginn 242 Euro mehr für ihren Heimplatz bezahlen muss. "Bisher hat die Rente meiner Mutter gereicht", sagt Johannes Jacob. "Mit dieser Erhöhung reicht sie nicht mehr."

Immer mehr Pflegeheimbewohner, so rechnen Verbände, werden künftig auf Sozialhilfe angewiesen sein. "Die Erhöhung der Eigenanteile überschreitet die finanziellen Belastungsgrenzen von immer mehr zu Pflegenden", heißt es in einer Stellungnahme des Awo-Landesverbandes. Er fordert einen Höchstbetrag für die Eigenanteile: "Mehrkosten müssen aus Mitteln der Solidargemeinschaft finanziert werden." Mit einer Online-Petition will die Awo die Politik zum Handeln zwingen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Sachsen sieht das ähnlich. "Die Reformen der letzten Jahre bringen wichtige Verbesserungen für die Pflege. Die Kosten dafür können jedoch nicht allein die Pflegebedürftigen schultern", sagt Landesgeschäftsführer Michael Richter. Er schlägt eine Bürgerversicherung vor, in die auch Beamte und Selbstständige einzahlen und mit der zugleich die private Krankenversicherung abgeschafft wird.

Zum Jahresbeginn war der Beitrag zur Pflegeversicherung von 2,55 auf 3,05 Prozent gestiegen. Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) bezweifelt, dass das ausreicht. Man müsse sich Gedanken machen über ein Pflegewohngeld für sozial Schwache, wie es die Enquetekommission des Landtages empfiehlt. Klepsch denkt auch darüber nach, "ob Investitionen in Pflegeheimen künftig durch den Staat mitgetragen werden sollen".

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 4 Bewertungen
8Kommentare
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  • 1
    0
    kartracer
    23.01.2019

    @saxon1965, zu Ihrer letzten Frage, die Schuldigen sicherlich nicht, die haben auch keine Hände zur Arbeit, dafür eine verlogene große Klappe!

  • 1
    2
    Interessierte
    23.01.2019

    Hier muß ich mich wohl berichtigen und wohl noch bißchen ´runter gehen auf 500/600/700 Euro Rente , womit die noch Zuschüsse bekommen und somit niemals in den ´Genuß´ einer Pflege im Heim kommen , oder zahlt das auch ein Amt , so wie auch Beerdigungen ?
    Und damit werden diese Leutchen einsam zuhause am Fenster sitzen , weil deren Kinder , die die mal hatten , irgendwann einmal in den Westen zum Arbeiten gehen mußten !

  • 9
    5
    saxon1965
    22.01.2019

    Wann reicht es uns endlich? Die Liste wird immer länger, über das über was man sich ärgern und empören muss:
    - Steuerverschwendungen
    - immer neue Belastungen (Energiewende), während man betrügerische Konzerne laufen lässt...?
    - fette Gehälter in zig überflüssigen Krankenkassen
    - kaum noch moralisch integre Politiker, statt dessen Selbstbedienungsmentalität
    - immer mehr Verwaltung und Bürokratie (auch in Brüssel), statt Vereinfachungen
    usw. usw.
    Und wer zahlt das alles mit seiner Hände Arbeit?

  • 12
    0
    Würzburg
    22.01.2019

    Auf solch einen Artikel habe ich seit Wochen gewartet. Da fragt man sich was sich unsere Politiker denken. Ich kann nicht auf der einen Seite großspurig posaunen, dass ich 13.000 neue Stellen schaffe und das Pflegepersonal tarifgerecht bezahlt wird und auf der anderen Seite mich empören, dass die Pflegeheimkosten ansteigen. Nun wird über eine Bürgerversicherung nachgedacht, was sicher gut und richtig ist, aber Studien haben schon vor 10 Jahren den Anstieg der Pflegebedürftigkeit in unserem Land aufgezeigt. Ist es jetzt nicht etwas spät. Ich gebe saxon 1965 auch recht, wenn wir Milliarden ausgeben für einen Flughafen der nicht betrieben werden kann, die Wartung eines Schiffes oder die Unterhaltung eines Ex-Bundespräsidenten - da liest man nicht vierteljährlich wie schlimm das ist und wieviel es uns kostet.

  • 12
    6
    Interessierte
    22.01.2019

    Da kommen viele unserer armen Ost-Eltern ´leider´ mal nie in ein Pflegeheim , weil die nach der Wende auf die Straße gesetzt wurden und nun in Armut leben müssen und wohl kaum über 800-1000 Euro Rente kommen , ganz zu schwiegen von den Menschen , die momentan noch zur Tafel ´gehen` können …
    Und viele unserer Generation wohl auch nicht , weil die unter dem Mindestlohn gearbeitet hat oder nur Minijobs ausgeübt hat …..

  • 9
    1
    Eichelhäher65
    22.01.2019

    Es war abzusehen, dass es so kommt. In den alten Bundesländern sind unsere jetzigen Erhöhungen schon jahreslange Normalität. Die Gesellschaft muss sich ent- scheiden, was die Pflege ihrer Mitglieder wert sein soll. Dann müssen dazu Steuer-
    mittel genommen werden, denn wenn die Pflegebedürftigen Sozialhilfe bekommen müssen , kommen diese ja ebenfalls aus Steuermitteln. Nur dass dann noch ein aufwendiger bürokratischer Prozess dazukommt, der ebenfalls kostet.

  • 8
    0
    acals
    22.01.2019

    Ihrem Kommentar @saxon1965 stimme ich vollumfänglich zu.

    Bei mir bleibt die Frage wohin denn das zusätzliche Geld aus 2019 angehobenen Beiträgen zur PV geht? Der Artikel oben legt "Nirvana" nahe.

    Was ich unseren Politikern -und hier aller Coleur- vorzuwerfen habe ist, dass ausserhalb von evtl. tätig werdenden aktionistischen Sonderkommissionen und eher populistischen Thesenpapieren keine Grundlagenpapiere (parteiintern) ausgearbeitet werden, in welchen zB eben auch der Aspekt Bürgerversicherung ausgearbeitet/durchleuchtet etc wird.

    Die SPD hat so zB ein Orientierungspapier auf dem Markt (https://www.spdfraktion.de/system/files/documents/orientierungspapier-pflege-kurzfassung.pdf), aber wenn ich Buergerversicherung fordere muss ich auch im Detail plus und minus diskutieren. Das wuerde ich erwarten, dabei wird aber auch mein Bart immer grauer ...

  • 20
    1
    saxon1965
    22.01.2019

    Es ist richtig und wichtig, dass Pflegekräfte in ausreichender Zahl und ordentlich bezahlt unsere alten Menschen versorgen und pflegen.
    Mir stellt sich jedoch die Frage nach der Qualität unsere Politiker, wenn man Dinge beschließt, ohne die Folgen zu bedenken. Man kennt doch die Strukturen und Abläufe und man weiß genau, was Rentner hier zu Lande für Renten haben.
    Unsere Politik stellt sich hier wieder einmal ein Armutszeugnis aus und beweist einmal mehr ihre Inkompetenz.
    Auch ist die Einführung einer Bürgerversicherung, in die die gesamte Solidargemeinschaft einzuzahlen hat, mehr als überfällig.
    Politiker beschließen Gesetze von denen sie selbst ausgenommen sind. Da kann nichts Gescheites dabei rum kommen.
    Und was das Finanzieren betrifft... Wie viel Geld hat die Überholung der Gorch Fock bisher gekostet, der BER, die Unterhaltung unsere Ex-Bundespräsidenten ect.?! Für wen wird hier eigentlich Politik gemacht und wer ist der Souverän?



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