Rassenlehre im Biologieunterricht

An einer Oberschule bei Dresden sortierten Schüler Menschen nach Hautfarbe, Haar und Gesichtsformen. Ein bedauerlicher Einzelfall, sagt das Kultusministerium.

Chemnitz.

"Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen". Unter diesem Titel zeigte das Hygienemuseum in Dresden im vergangenen Jahr eine viel beachtete Sonderausstellung. Es war eine Auseinandersetzung mit dem Rassebegriff und mit historischen Versuchen, vor allem im Nationalsozialismus, Rassismus wissenschaftlich zu begründen. "Es gibt keine Rassen. Rassen sind eine Erfindung des Menschen. Sie hat immer mit Abgrenzung zu tun", stellte Kuratorin Susanne Wernsing klar. Rasse sei stets mit Klassifizierung verbunden, mit dem Ziel, Menschen als höher- oder minderwertig einzustufen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam ins Museum und diskutierte mit Schülern über Rassismus.

Etwa zur gleichen Zeit arbeiteten Schüler einer Oberschule am Stadtrand von Dresden im Biologieunterricht mit dem Themenheft "Naturwissenschaften: Biologie, Chemie, Physik - Farben". Es stammt aus dem Jahr 1998, herausgegeben vom einstigen DDR-Verlag Volk und Wissen, der 1991 vom Cornelsen-Verlag übernommen wurde. In dem Heft gibt es Abbildungen von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, im Text ist von "Menschen der verschiedenen Rassen" die Rede, die Personen auf den Fotos werden einem "europiden", "negriden" und "mongoliden Rassenkreis" zugeordnet.

Ihr Kind, so berichtet eine Mutter, die anonym bleiben will, habe das Heft im November vergangenen Jahres aus dem Biologie-Unterricht mitgebracht. Dazu hätten die Schüler ein Arbeitsblatt bekommen, aus dem sie unterschiedliche Gesichts-, Augen- und Haarformen ausschneiden und in einer Tabelle zuordnen sollten. Die Biologie-Lehrerin habe erklärt, die Schüler sollten die Rassenkreise auswendig lernen. "Da war ich sehr irritiert." Die Mutter hörte sich in ihrem Bekanntenkreis um und stellte fest: "Alle waren etwas empört und erstaunt." Daraufhin schaltete sie die Politik ein.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Petra Zais schickte zu dem Vorgang im Dezember 2018 eine Kleine Anfrage ans Kultusministerium in Dresden - ohne die konkrete Schule anzugeben. Das Kultusministerium indes, das ergaben jetzt Recherchen der "Freien Presse", beantwortete die Fragen zwar, hakte aber nicht nach, wo sich dieser Vorgang abspielte. "Leider konnte uns keiner sagen, wo das im Unterricht behandelt wird", sagte eine Sprecherin am vorvergangenen Freitag auf Anfrage.

Minister Christian Piwarz (CDU) verwies in seiner Antwort auf die Lehrmittelfreiheit. Das betreffende Themenheft sei kein Schulbuch und habe daher keiner Zulassung bedurft. Weiter heißt es: "Bei allen zulassungsfreien Materialien wählen die Schulen eigenverantwortlich aus dem Sortiment der Verlage aus." Zugleich erklärte Piwarz jedoch, der Schulleiter sei verantwortlich für die Einhaltung der Lehrpläne. Die "Rassenlehre des Menschen" werde heute an sächsischen Schulen ausschließlich "im Zusammenhang einer kritischen Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus" behandelt, und das in den Fächern Geschichte, Ethik und Religion, nicht aber in Biologie.

Noch bis zum Jahr 2004 war laut Piwarz jedoch "die Variabilität beim Menschen in der Gegenwart - Menschenrassen" Stoff in Klassenstufe 10 im Fach Biologie. Es sei darum gegangen zu verdeutlichen, dass alle Menschen trotz erblich bedingter Unterschiede in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen. Im Jahr 2004 sei der Begriff "Menschenrassen" dann aus den sächsischen Lehrplänen gestrichen worden.

In der Wissenschaft gilt der Begriff der Menschenrassen spätestens seit der "Deklaration von Schlaining" von 1995 als überholt. Damals erklärten Wissenschaftler auf einer mit der Unesco veranstalteten Konferenz in Österreich, dass sich die Unterscheidung von Menschenrassen als homogene, abgrenzbare Populationen durch Erkenntnisse der Molekularbiologie und der Populationsgenetik als unhaltbar erwiesen habe. Studien ergaben, dass 85 Prozent der genetischen Variation innerhalb einer Population etwa der Franzosen oder Japaner zu finden sind. Dagegen sind genetische Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe mit 6 bis 10 Prozent vergleichsweise gering.

Der Cornelsen-Verlag distanzierte sich jetzt von dem Heft mit den "Rassenkreisen des Menschen". "Wir bedauern den abgebildeten Seitenausschnitt und billigen diesen in keiner Weise", teilte eine Sprecherin mit. Das Buch werde nicht mehr publiziert; Restbestände seien aus dem Verkehr gezogen worden.

Die betroffene Schule ließ eine schriftliche Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet; auch auf Anrufe reagierte die Schulleitung nicht. Nachdem die "Freie Presse" erneut beim Kultusministerium nachfragte und den Namen der Schule nannte, schrieb eine Referentin des Ministers am Dienstag von einem bedauerlichen Einzelfall und erklärte: "An der Schule wurde leider ein 20 Jahre altes Schulheft verwendet, das nicht den neuen Lehrplaninhalten (neu seit 2004) entspricht." An der Schule werde nach dem gültigen Lehrplan unterrichtet. "Der Schulleiter ist seiner Verantwortung gerecht geworden und hat die alten Unterrichtsmaterialien entfernt."

Der Grünen-Abgeordneten Petra Zais reicht das nicht. "Ich erwarte, dass grundsätzlich geprüft wird, ob das Themenheft auch an anderen Schulen eingesetzt wird", sagte sie. Ziel müsse sein, die Lehrenden für das Thema zu sensibilisieren. Zugleich solle das Ministerium eine zentrale Beschwerdestelle einrichten, an die sich Eltern in solchen Fällen wenden können. Die Freiheiten beim Einsatz von Lehrmitteln seien grundsätzlich richtig. Aber: "Es muss hier ein Korrektiv geben."

Bewertung des Artikels: Ø 2 Sterne bei 4 Bewertungen
13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    2
    Deluxe
    24.01.2019

    Man kann es auch künstlich verkomplizieren...

    Natürlich kann der Mensch all das noch zusätzlich. Und er kann es sogar zu seinem Nutzen und gleichzeitig zu seinem Nachteil machen. Er kann durch Innovationen dafür sorgen, daß es allen gut geht und keiner verhungert - und er kann Atombomben entwickeln.
    Aber das ändert doch nichts daran, daß er biologisch wie ein Säugetier "funktioniert" - ich weiß nicht warum man versuchen muß, das wegzudiskutieren, wo es doch einfach mal so ist.

    Da ist mal wieder ein Beitrag abhanden gekommen, aber ich schreibe es gern nochmal.

    Heimatkunde, Klasse 2 oder 3 war es. Säugetiere sind Lebewesen, die lebendige Junge zur Welt bringen, die in der ersten Lebensphase von der Mutter gesäugt werden.
    Genau diese Definition trifft komplett auf den Menschen zu. Der Mensch ist biologisch als Säugetier konzipiert - da hilft alles nichts, es ist so.

  • 3
    2
    Interessierte
    24.01.2019

    Ich glaube , das hatten wir auch , also damals in der Diktatur , aber das wurde nicht bösartig als Rasse bezeichnet , sondern uns Kindern wurden die unterschiedlichen Menschen auf der Welt dargestellt - erklärt ...
    Und egal , ob weiß - braun - schwarz - gelb , alle Menschen sind gleich auf dieser Welt !!!
    Aber da gibt es eben Menschen , die haben damit ein Problem und die fühlen sich nicht wohl in einem anderen Land und müssen sich schützen und verteidigen - im Ausland

  • 4
    5
    Distelblüte
    24.01.2019

    @Deluxe: Den Menschen lediglich als etwas höher entwickeltes Säugetier zu begreifen, greift zu kurz. Außerdem haben Sie in Ihrer Aufzählung vergessen, dass der Mensch im Gegensatz zu allen (Säuge)Tieren in der Lage ist, sich selbst zu reflektieren, ethische und moralische Prinzipien zu begreifen und anzuwenden und abstrakt zu denken. Die Einordnung des Menschen als rein hochentwickeltes Säugetier in Darwinscher Sichtweise birgt in meinen Augen die Gefahr, Menschen wie Tiere vor allem nach dem Nutzen für die Gemeinschaft zu bewerten. Dieser Denkansatz hatte katastrophale Folgen und war keineswegs nur bis 1945 in den Köpfen präsent.

  • 7
    3
    Deluxe
    24.01.2019

    @Distelblüte:
    Da der Mensch nunmal auch nichts anderes ist als eine Art Säugetier, ist der Vergleich zum Tierreich so abwegig nicht.

    Wir haben nur das Glück, uns im Genom ein paar Zehntelprozent vom Schimpansen zu unterscheiden, was uns solche Dinge wie Sprache und ein etwas komplexer strukturiertes Gehirn verschafft. Das hat dazu geführt, daß wir so schöne Dinge erfinden konnten wie den aufrechten Gang, feste Behausungen, Technik aller Art und nicht zuletzt Waffen, um uns gegenseitig umzubringen.
    Das sind die Tatsachen - erfreulich oder unerfreulich, je nachdem.

    Aber vom Grundaufbau her ist und bleibt der Mensch ein Säuge"tier" - das ist nunmal so.

  • 3
    8
    Blackadder
    24.01.2019

    Wenn ich mir die Kommentare und die dazugehörigen grünen Daumen hier ansehe, muss sich Sachsen über sein Image und die zu erwartenden Wahlergebnisse im September nicht wundern. Keinerlei Problembewußtsein von irgendwo. Mehr will ich dazu gar nicht sagen.

  • 3
    6
    Distelblüte
    24.01.2019

    @Einspruch: Sie ziehen hier einen Vergleich zum Tierreich? Wirklich? Die Rassismus-Debatte ist wohl zu Recht noch lange nicht zu Ende geführt. Auch wenn "im Volksmund" der Begriff Rasse noch immer fest verankert ist, sehe ich das vor allem als ein Zeichen an, wie stark geprägt viele Menschen durch rassistische Erziehung sind. Hier im Osten Deutschlands haben fast alle eine Jahrzehnte lange Prägung durch eine Diktatur, in der solches denken alltäglich war. Das hinterlässt Spuren, und man kann es nicht ohne weiteres abschütteln. Es bedeutet aber nicht, dass es richtig ist, nur weil viele ältere Menschen weder willens noch fähig sind, aus diesen Denkmustern auszubrechen.
    Hochproblematisch wird es, wenn allein aus Äußerlichkeiten Werturteile getroffen werden. Dazu liest man am besten den Beitrag der FP vom heutigen Donnerstag auf Seite 5, warum die sächsische AfD vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

  • 6
    5
    Deluxe
    23.01.2019

    Und um noch eins draufzusetzen:

    Wo es keine Rassen gibt, kann es logischerweise auch keinen Rassismus geben.

    Darüber sollten gewisse Kreise bitte mal gründlich nachdenken...
    Man muß sich nämlich entscheiden: Entweder dem politischen Gegner Rassismus unterstellen. Oder die Existenz menschlicher Rassen abstreiten. Beides zusammen geht nicht.

  • 6
    4
    Einspruch
    23.01.2019

    Dann gibt es also auch nur Hunde und Katzen, Pferde und keine verschiedenen Rassen davon. Die teilen sich auch über 80-90 Prozent aller Merkmale und unterscheiden sich nur durch Fellfarbe, Haare, Größe, Schnauzenlänge.
    Also sind alle Züchtervereine und Ausstellungen und Zuchtlinien auf dem Haufen der Geschichte zu entsorgen und man kann alles mit allem kreuzen untereinander und zum gleichen Preis verhökern und einen Ackergaul als Rennpferd benutzen. Die Arbeit der Züchter war also überflüssig.

  • 7
    3
    23.01.2019

    Es gibt Rassen, da Menschen sie erfunden haben. Oder gibt es etwa keine Dampflok, nur weil es nur eine Erfindung von Menschen ist? Man kann Menschen anhand von Äußerlichkeiten - nach Phänotypen - unterscheiden. Die Feststellung von real existierenden, erkennbaren Unterschieden ist in Naturwissenschaften, Medizin und Politik sehr weit verbreitet. Ob man diese real vorhandenen Unterschiede bei Menschen als "Rasse" bezeichnet, ist willkürlich. Ein Wort erhält seine inhaltliche Bedeutung nicht durch die Buchstaben, sondern dadurch, wie diejenigen, die es verwenden, inhaltlich verwenden. Wenn man Rasse nur als Beschreibung unterschiedlicher Äußerlichkeiten verwendet, ohne dabei eine wertende Bedeutung zu insinuieren, so wie es offensichtlich im geschilderten Fall geschah, was sollte dagegen sprechen?

  • 7
    5
    Malleo
    23.01.2019

    Es gibt keine Rassen. Frau Wernsing sagte es und alle haben das zu verinnerlichen.
    Rasse – ein Begriff, der in weiten Teilen der Naturwissenschaft abgelehnt wird, in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit aber durchaus eine Rolle spielt und sich auch per Gesetz nicht verbieten ließe.
    Gehört das Wort deshalb auf den Index und glaubt man damit das weite Feld Rassismus ad acta legen zu können?
    Evolutionsbiologen streiten noch heute darüber, ob es Sinn macht, von Rassen zu sprechen, von den Historikern ganz zu schweigen.
    Offensichtlich habe ich unbewusst beim Besuch des Grabes von Emanuel Kant am Königsberger Dom Blumen bei einem Rassisten niedergelegt, hat Kant doch als einer der Ersten die Menschen in Rassen eingeteilt?
    Ob er bei seinem Konzept „Rasse“ schon an „Rassismus“ gedacht hat?
    Ganz abgesehen davon wird der Begriff im GG verwendet und auch die Angelsachsen haben einen recht entspannten Umgang mit dem Begriff „Race“.
    Erinnert sei hier an das Buch von C. West „Race matters“ (Rasse ist wichtig).
    Bei diesem Titel bekäme Frau Wernsing wohl Schnappatmung, wenn es auf den deutschen Markt käme.
    Dass die menschliche Vielfalt komplex und dynamisch ist, ist auch in der Wissenschaft unbestritten.
    Vom vielfältigen Erkenntnisgewinn lebt die medizinische Forschung, die Pharmabranche und –das ist kein fake- die Kriminalstatistik.
    In den USA wurde schon ein Medikament speziell für Afroamerikaner zugelassen und die Forschung in Richtung vorausschauende Richtlinien für einen ethnisch korrekten Umgang mit medizinischen Unterschieden ist keine Utopie.
    Frau Wernsing würde sagen „Rassenmedizin“, kann man, muss man aber nicht!
    Egal ob Rasse, Ethnie oder Population, ich begegne Afrikanern, Amerikanern, Asiaten, Europäern oder Einwohnern in Australien als Mensch und habe dabei Erfahrungen gemacht, die Maßstäbe verändern.
    Ich hätte mir im Artikel der FP deshalb eine differenzierte Beschreibung gewünscht.
    Eine Waffe wird auch erst zur Waffe, wenn sie benutzt wird.

  • 13
    4
    Deluxe
    23.01.2019

    Jeder kann sehen, daß Schwarzafrikaner anders aussehen als Asiaten und Europäer wieder anders. Das sieht jeder, das weiß jeder, nur sagen darf man es offenbar nicht mehr. Obwohl es nunmal die Wahrheit ist. Erinnert mich an andere Zeiten - da sah auch jeder was fakt war, aber man traute sich nur hinter vorgehaltener Hand, diese für jeden sichtbare Wahrheit auch zu benennen.

    Ist ein bißchen wie bei des Kaisers neuen Kleidern...daß der nackt war, sahen alle. Gesagt hat es am Ende aber nur ein Kind, das keine Ideolgie kannte.

    Hallo!?
    Könnte man die Diskussion vielleicht versachlichen und in jedem Foto, das Menschen unterschiedlichen Typs vergleicht, Rassismus wittern?

    Man kann auch alles bis zur Sinnlosigkeit übertreiben. Bis man den Bogen so überspannt, daß die Bevölkerung ihr Verständnis verliert und es ins genaue Gegenteil kippt.

  • 10
    4
    fschindl
    23.01.2019

    wieder mal viele heisse Luft..wann wird eigentlich Artikel 3 GG geändert?

  • 14
    3
    Freigeist14
    23.01.2019

    Hilfe. Hier wird wieder mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ersetze die Bezeichnung "Rasse" durch -Varianten - und schon können allen aufhören zu hyperventilieren . Warum Schweden kleine Nasen haben und Aborigines eben nicht dürfte aber noch besprochen werden dürfen .



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