Reformationsfeier in schwierigen Zeiten

Der Fall des zurück- getretenen Landesbischofs beschäftigt die Evangelische Kirche auch an ihrem höchsten Festtag.

Meißen.

Fetzenweise steigt der Nebel am Morgen über der Elbe auf. Noch verhüllt der Dunst Albrechtsburg und Dom Meißen. Hier, wo einst Sachsens Wiegenlied erklang, will die Evangelische Landeskirche an diesem Donnerstag ihr Wiegenfest feiern. Der Reformationstag erinnert an jenen legendenumrankten Thesenanschlag Martin Luthers 1517 in Wittenberg, der die Reformation einläutete. 502 Jahre später ist der Tag, zumindest hierzulande, kein normaler Festtag. Seit dem Rückzug von Landesbischof Carsten Rentzing befindet sich die Evangelische Landeskirche in Aufruhr.

Wo hört für die Kirche wertkonservatives Christentum auf, wo fängt Rechtsextremismus an? Das ist die Frage, die der Fall aufgeworfen hat. Der Landesbischof war wegen seiner Mitgliedschaft in einer schlagenden Studentenverbindung unter Druck geraten. Per Internet-Petition forderten Kritiker, Rentzing solle sich öffentlich von nationalen, antidemokratischen und menschenfeindlichen Ideologien distanzieren. Auch ein Auftritt 2013 in der Bibliothek des Konservatismus, die der Neuen Rechten zugeschrieben wird, wurde ihm angekreidet. Schließlich kam heraus, dass Rentzing als Student Texte verfasste, die seine eigene Landeskirche als "elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich" einstufte.

"Positionen, die ich vor 30 Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr", versicherte Rentzing. Und stellte dennoch, "um Schaden von seiner Kirche abzuwenden", sein Amt zur Verfügung. Woraufhin sich zahlreiche Unterstützer zu Wort meldeten. Per Online-Petition fordern mehr als 20.000 Unterzeichner Rentzings Verbleib im Amt.

Dass nicht er, sondern Oberlandeskirchenrat Thilo Daniel in Meißen die Predigt hält, war schon vor dem Rücktritt abgesprochen, sagt Daniel. Auch wenn er nun als Stellvertreter des Landesbischofs vorerst dessen Aufgaben wahrnimmt. In seiner Predigt ruft Daniel - entsprechend des Geistes der Reformation, die ganz auf das Wort Gottes vertraut - zur Besinnung auf. Es gebe eine Fülle von Fragen, "auf die wir eine Antwort suchen". Fragen, "die unversöhnt nebeneinander stehen". Doch gelte es, im Gebet an Dr. Rentzing und dessen Familie zu denken. "Der Weg zur Versöhnung führt zur Mitte des Glaubens hin."

Das Thema treibt die Christen nicht nur im Erzgebirge und Vogtland um, wo Rentzing als Pfarrer wirkte und viel Sympathie genießt, sagt Daniel. "Das bewegt die ganze Landeskirche." Im Landeskirchenamt ist er für Theologische Grundsatzfragen zuständig. Die Frage, ab wann Positionen so weit nach rechts rücken, dass sie für die Evangelische Landeskirche untragbar werden, fällt damit in seine Zuständigkeit. Auf der Herbstsynode der Landeskirche ab 15. November in Dresden, bei der Rentzing mit einem Gottesdienst verabschiedet wird, soll das Thema eine Rolle spielen.

Dass sich der Nebel freilich so schnell lichtet, wie er sich an diesem Reformationstagsmorgen über Dom und Albrechtsburg verzogen hat, scheint allerdings wenig wahrscheinlich. Auf dem Meißner Markt beispielsweise erinnern Betonklötze an den Fall der Mauer. An der Aktion ist auch die evangelische Kirche beteiligt. Auf Stickern hinterließen Menschen Wünsche zum Thema "Mauern abbauen". Auf einem Aufkleber steht: "Jeder Meinung vorbehaltlos begegnen und gemeinsam herausfinden, was wahr und richtig ist." Das Wort "Jeder" ist unterstrichen. Auf einem anderen heißt es: "Mit allen reden (auch mit der AfD)." mit oha

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