Reise zum Mittelpunkt der Erde

Ein deutsch-deutsches Forscherteam erkundete vor 30 Jahren die Erde in 35 Kilometern Tiefe. Was diese Expedition mit Jules Vernes zu tun hat und was nicht.

Bad Elster/Potsdam.

In Jules Vernes Science-Fiction-Expedition beginnt die Reise in den Untergrund in einem isländischen Krater. Sie führt durch enge Gänge, palastartige Höhlen und ein unterirdisches Meer. Eine verschlüsselte Reiseroute weist dem Geologen Lidenbrock und seinem Neffen Axel den Weg.

Der Geophysiker Gerd Wolf muss bei dem Vergleich lachen. Denn "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" aus dem Jahr 1864 - sie ist bis heute eine unterirdische Fantasterei geblieben. Bereits in 14 Kilometern Tiefe herrscht eine Temperatur von 300 Grad, im Kern sind es 6700 Grad. Dorthin kann kein Mensch reisen.

Doch die Expedition, an die der 72-jährige Bad Elsteraner in diesen Tagen erinnern will, ist nicht so weit weg von der Idee des Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert, der die technischen Erfindungen seiner Zeit aufmerksam beobachtete, bevor er sie literarisch verarbeitete. Im Herbst 1990 erforschte ein deutsch-deutsches Wissenschaftlerteam die Erdkruste Mitteldeutschlands. Rund 35 Kilometer tief unter sächsischen Füßen: Laut dem Geophysiker Wolf gelangen damals Erkenntnisse, die bis dahin nicht möglich waren.

Hundert Jahre nach der Fiktion des Franzosen Jules Verne begann diese Reise in die Tiefe auf eigenartigen Fahrzeugen, die sich lindwurmartig von Hessen über Bayern bis nach Ostsachsen bewegten. Deutsches kontinentales reflexionsseismisches Programm, kurz: Dekorp-so der Name des Erkundungsprojektes, von dem eine Hauptprofillinie - MVE 90 - ab Bayern über Münchberg, Vogtland und Erzgebirge bis nach Bautzen führte und sich an geologischen Markern wie Münchberger Gneis oder Eibenstocker Granit orientierte.

Die eigenartigen Fahrzeuge - das war ein Tross Lkw-ähnlicher Gefährte, die mit mächtigen Rüttelplatten ausgestattet waren. Und anders als Vernes Forscher Lidenbrock mussten sich die Geologen des 20. Jahrhunderts dank dieser Technik nicht am Seil in den gefährlichen Schlund hinablassen, um sich ein Bild von der Unterwelt zu machen. Die Reise in den Untergrund übernahmen künstlich ausgelöste Erdbebenwellen, die - je nachdem, auf welche Gesteinsschichten sie stießen - unterschiedlich reflektiert wieder eingefangen wurden.

Man müsse sich das wie Ultraschall bei einer Schwangerschaft vorstellen, erklärt Manfred Stiller. Der 63-Jährige ist heute Senior-Wissenschaftler am Deutschen Geo-Forschungszentrum in Potsdam. Geofone empfangen die Signale, die digital in grafische Bilder umgewandelt werden. Starke Kontraste gibt es dort, wo zum Beispiel Luft, Wasser oder Lockergestein auf Festgestein treffen. Unterschiedliche Reflexionen bilden unterschiedliche Strukturen ab. Vor 30 Jahren hatte Stiller beim Projekt Dekorp für das auftraggebende Landesamt für Bodenforschung in Niedersachsen den Hut auf. Gerd Wolf war bei der Geophysik Leipzig GmbH angestellt. Das zweite Erkundungsunternehmen auf westdeutscher Seite kam aus Hannover, die Prakla Seismos AG.

Die Frage ist: Was konnte der Forscher aus den "Ultraschallbildern" lesen? Jedes Kind lernt in der Schule, dass das Erzgebirge ein Pultschollengebirge ist - vor 80 bis etwa 15 Millionen Jahren entstanden. Die erste Gebirgsbildung in der Region fand schon im Karbon vor 350 bis 250 Millionen Jahren statt. Die Gesteine des Erzgebirges wurden verfaltet und zusammengeschoben. In die aufgestapelte Gebirgsdecke drang Magma aus dem Erdinnern ein - so entstanden zum Beispiel Granite. Der Eibenstocker Granit - wie in der seismischen Grafik abgebildet - ist einer der größten im Erzgebirge. Wolf, Stiller und Co. gelang damals ein Blick in "das verborgene Fundament einer erloschenen Gebirgsbildung", wie Wolf es bezeichnet. Unterhalb der lamellenartig abgebildeten Schichten beginnt der Erdmantel. Man könne das gut am abrupten Aufhören der Reflektivität in der Grafik erkennen, sagt Manfred Stiller. Am Übergang von Erdkruste zu Erdmantel gebe es kaum noch reflektierende Kontraste.

Die wissenschaftliche Tradition von Dekorp reicht in Westdeutschland bis 1982 zurück. Der von wirtschaftlichen Interessen getriebenen Erkundung von Erdöl- und Erdgaslagerstätten sei es zu verdanken gewesen, dass sich ab den 70er-Jahren beidseits der Grenze die Reflexionsseismik entwickelte und in den 80ern ein hohes Niveau erreichte, erklärt Gerd Wolf. Der Geophysiker spricht von einem anfänglichen "Datenbeifang", der sich als "Eintrittsfenster in die strukturelle Abbildung der Erdkruste" erwiesen habe. Laut Wolf brachte ein Tiefenseismik-Projekt der DDR von 1978 im Erzgebirge allerdings noch keinen grundlegenden Erkenntnisgewinn über Struktur und Evolution der Kruste.

Zwölf Jahre später dann der Durchbruch: Der Herbst 1989 hatte politisch den Weg für ein Großprojekt frei gemacht, das an Dekorp anknüpfte und 1990 auch einen "letzten spektakulären Grenzdurchbruch" erzeugte. Wolf spricht von einem "seismischen Feuerwerk, mit dem die die Deutsche Einheit im Erzgebirge begleitet wurde".

Am 24. September 1990 rollten die riesigen Rüttelfahrzeuge bei Posseck an der sächsisch-bayrischen Grenze im Vogtland über die damals noch existierende innerdeutsche Grenzlinie. Wie Gerd Wolf erinnert sich auch Manfred Stiller an diesen Moment: "Das war abenteuerlich, zum Teil mussten noch Grenzzäune geöffnet werden."

Messpunkt 6184 sei der letzte im Westen, sein Nachfolger der erste im Osten gewesen - in einem Nachrichtenbeitrag des damaligen DDR-Fernsehens wurden die grenzüberschreitenden Messungen dokumentiert. Laut der zweiminütigen "Aktuelle Kamera"-Sequenz aus dem Deutschen-Rundfunk-Archiv übergaben die westdeutschen Wissenschaftler in Posseck an die ostdeutschen Forscher. Rund 100 Leute waren über ein Vierteljahr bei dem gesamtdeutschen Erderkundungsprojekt - noch ein Jahr zuvor politisch unmöglich - im Einsatz. Ende Oktober seien sie dann in Ostsachsen fertig geworden, erinnert sich Gerd Wolf.

Einmal quer durch die Erdkruste Sachsens, immer an der Schnittstelle zum Erdmantel entlang: Im Vergleich zu den über 6300 Kilometern, die als Entfernung bis zum innersten Erdkern gelten, sind diese 35 Kilometer Tiefe nur ein Klacks. Aber selbst die bleiben tatsächlich unerreichbar, weil "die Tiefenseismik eine Faszination der greifbaren Unerreichbarkeit bleibt", so Wolf.

Das Projekt Dekorp lief bundesweit bis 1996. Die deutsch-deutsche Erkundung von 1990 hatte das damalige Forschungsministerium in Bonn komplett finanziert. Und das Niedersächsische Landesamt auf westdeutscher und das Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam auf ostdeutscher Seite konnten als Auftraggeber mit der Praklas Seismos in Hannover und der Geophysik in Leipzig auf zwei Unternehmen zugreifen, die das technische Know-how dazu lieferten. 30 Jahre später profitiert beispielsweise die Geothermie von den Erkenntnissen.

Eine hoch entwickelte und konkurrenzfähige Geophysik gehöre in Deutschland der Vergangenheit an, zieht Gerd Wolf nach 30 Jahren Bilanz. Das, was nach dem wissenschaftlichen Handschlag bei Posseck kam, sei ebenso einzigartig gewesen: "Es begann der Auflösungsprozess der großen traditionsreichen Erkundungsbetriebe im vereinten Deutschland der 90er-Jahre", berichtet der 72-Jährige. Die Geophysik Leipzig und die Prakla Seismos wurden abgewickelt. Aus rein wirtschaftsliberalen Gründen, sagt Wolf - das ostdeutsche Unternehmen als Opfer des flächendeckenden Exodus in der ehemaligen DDR, das westdeutsche, weil es bei sinkenden Erdöl- und Erdgaspreisen auf dem internationalen Erkundungsmarkt nicht mehr konkurrenzfähig war. Dieser politisch zu verantwortende Verlust lasse an der technologischen Zukunftsausrichtung Deutschlands zweifeln, ist Wolf überzeugt.

Bei Jules Verne gehen ebenso nicht alle Träume in Erfüllung. Seine Abenteurer verfehlen ihr Reiseziel. Der Vulkan Stromboli spuckt sie wieder aus - als Antwort darauf, dass man damals über die Zustände im Erdinnersten noch nicht so viel wusste wie heute. Das Innerste der Erde - es ist bis heute unerreichbar.

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