Restrisiko Kretschmer

Unermüdlich reist der Ministerpräsident durch Sachsen und stellt sich dem Bürger. Der kommunikative Stil, den er auch im Netz pflegt, birgt jedoch Gefahren.

Dresden.

Was er mit einer Äußerung für eine Lawine auslösen würde - von Haus aus hätte Michael Kretschmer es wissen können. Schließlich ist seine Lebensgefährtin Annett Hofmann eine frühere MDR-Journalistin. Und vielleicht hat er es ja auch gewusst und genau deshalb am Samstag auf Twitter auf den videogestützten Reporter-Vorwurf reagiert, Sachsens Polizei habe vergangenen Donnerstag ein ZDF-Team bei der Arbeit behindert und sich damit "zur Exekutive von Pegida/AfD-Anhängern" gemacht.

"Die einzigen Personen, die in diesem Video seriös auftreten, sind Polizisten", twitterte Kretschmer jedenfalls - und sorgte mit diesem Journalisten-Bashing auch überregional für Schlagzeilen. Warum Sachsens Ministerpräsident überhaupt reagiert hatte - obwohl es mit dem Dresdner Polizeipräsidenten, dem Landespolizeipräsidenten und seinem Innenminister viele andere "Zuständige" gibt -, bleibt Kretschmers Geheimnis. Der Tweet passt zu einem, der es sich als CDU-Generalsekretär von 2005 bis 2017 zur Aufgabe gemacht hat, Partei, Land oder Minister gegen Kritik zu verteidigen. Aber passt er auch zu einem Ministerpräsidenten?

Mit Kretschmers Amtsantritt im Dezember 2017 ist ein neuer Stil in die Staatskanzlei eingezogen - so kommunikativ wie der nunmehr 43-Jährige war kein sächsischer Ministerpräsident zuvor. Das ist durchaus logisch für jemanden, der als neuer Spitzenmann einer Partei, die ein Jahr vor einer schwierigen Wahl steht, seinen Bekanntheitsgrad steigern muss. Und so ist er inzwischen auf Facebook, Twitter und Insta-gram präsent und scheut auch nicht vor Live-Interviews zurück. Zudem durchpflügt er mit allerhand Gesprächsformaten das Land, um mit Bürgern direkt Kontakt zu halten - ohne dass die sich vorher zum Dialog anmelden müssen.Wo Kretschmer auch auftritt, ist das Publikum meist schon deshalb angetan, weil es Sachsens Nummer 1 hautnah erleben darf. Anders als Vorgänger Stanislaw Tillich, zu dessen Stärken nicht die freie Rede zählte, hält sich Kretschmer rhetorisch für stark genug, alle Fragen zu meistern. Doch egal ob mit seinen Ministern im Schlepptau beim "Sachsengespräch" der Regierung, auf Regionalkonferenzen der CDU oder unter dem Siegel "Direkt" im Gedankenaustausch mit dem Bürgermeister einer Gemeinde - immer bleibt ein Restrisiko. Denn auch Kretschmer unterlaufen Fehler. Mal wirkt es so, als habe er sich nicht im Griff, mal so, dass er den Fragestellern chronisch gefallen wolle. Er plaudert, sinniert, schimpft - und irgendwann passiert es dann.

Beim "Sachsengespräch" in Limbach-Oberfrohna macht Kretschmer sich ohne Grund die Band Kraftklub und deren Fans zum Feind. Ein älterer Herr beginnt eine längere Stellungnahme. Es geht um das Verhalten von Politikern und Rechtsextremismus. Kretschmer antwortet und pickt sich den Kampf gegen rechts heraus. Am Ende wird er Kraftklub als "unmögliche linke Band" abqualifizieren. Die Gruppe reagiert tags darauf mit einem ausgestreckten Mittelfinger.

In Hoyerswerda bejaht er die Forderung einer jungen Frau, die sich für eine Sonderwirtschaftszone in der Lausitz ausspricht: "Ein sehr, sehr wirkungsvolles Instrument, da hat sie vollkommen recht." Wenig später lässt er verbreiten, er habe das nicht so gemeint und sei falsch verstanden worden. Bei einem Forum in Sayda verkündet Kretschmer Pläne, dass Sachsen künftig auch in Chemnitz Medizinstudenten ausbilden möchte. Mehrere Ministerien sind davon überrascht - weil Kretschmers Ankündigung wohl eigentlich noch nicht spruchreif war.

Manchmal sind Kretschmers Ansagen mindestens missverständlich. Wenn er etwa im Mai bei einer Parteiveranstaltung in Thallwitz durch eine Anekdote von zu Hause Zweifel daran sät, ob Grund- und Gymnasiallehrer - wie zuvor von seiner CDU/SPD-Koalition ausgehandelt - gleichbezahlt werden sollten. Oder wenn er im August bei einem CDU-Termin in Frauenstein angibt, dass bei der Kita-Umfrage der Regierung Eltern und Erzieher angeblich auch nach kostenlosem Vorschuljahr und kostenlosem Mittagessen gefragt wurden, und gleich noch behauptet, dass die Kita-Gebühren in Sachsen eh "mit zu den niedrigsten" gehören.

Dabei ist Kretschmer, der bereits mit 27 Jahren 2002 in den Bundestag kam, lange genug dabei, um zu wissen, was Politiker-Sätze auslösen können - erst recht, wenn sie von einem Ministerpräsidenten stammen.

Als er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Anfang Juni zu Gast im MDR-"Riverboat" ist, gesteht die einstige Landespolitik-Korrespondentin, Kretschmer früher nicht gern interviewt zu haben - sie hätte ihm "auch ein Baguette hinhalten" können, ohne dass er sich von seiner Botschaft abbringen ließ: "Der sagt ohnehin, was er will." Und Kretschmer? Gibt zu, dass es ihm in Interviews auf seine Botschaft ankommt und nicht auf die Frage des Journalisten: "Das wäre ja noch schöner." Es war wohl als Scherz gemeint.

Bewertung des Artikels: Ø 4.1 Sterne bei 9 Bewertungen
6Kommentare
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  • 4
    5
    Letsop
    21.08.2018

    Bewerten wir doch einfach das jüngste Verhalten des Herrn Kretschmers im Zusammenhang mit der Polizei.
    Grundsätzlich ist es dabei sowohl für Bürger als auch Medien problematisch, irgend etwas öffentlich gegen die Polizei vorzubringen. Polizei ist eine Kategorie, wo Politik, Polizeiführung, Polizeigewerkschaften und Polizeidienststellen sofort eine verschworene Gemeinschaft bilden, wenn es um Kritik an irgendwelchen polizeilichen Maßnahmen geht. Da haben es sogar öffentlich-rechtliche Medien schwer, etwas entgegenzusetzen.

    Wer dieses polizeiliche Zusammenspiel mal auf einer etwas anderen Ebene sehen möchte, der sollte auf der aktuellen Homepage der "Gewerkschaft der Polizei Sachsen" nur das letzte Polizeifest auf einem Elbdampfer anklicken. Dort sind alle von dieser verschworenen Gemeinschaft beisammen.

  • 4
    4
    Deluxe
    21.08.2018

    Kretschmer hat die Landtagswahl 2019 im Nacken und möchte sich die Option einer Koalition mit der AFD nicht generell verbauen.
    Das zumindest ist mein Eindruck vom Geschehen.

    Zumal es durchaus sein kann, daß diese Koalition unter einem AFD-Ministerpräsidenten gebildet werden muß. Und da die CDU nunmal sehr an der Macht hängt und seit 1990 ununterbrochen in Sachsen regiert hat (das Wahlvolk verstehe ich bis heute nicht - aber sei's drum), wird sich lieber die CDU selbst spalten als eine Koalition mit der AFD auszuschließen.

    Verbal wird man das natürlich tun, aber nach der Wahl mit "Verantwortungsbewußtsein" und "Sachzwängen" begründen, um es schließlich doch zu machen.

  • 8
    3
    Täglichleser
    21.08.2018

    Vor allen sein Verhalten zur AfD-Demo
    beim Merkelbesuch. In jetzt 2 Videoausschnitten der FP, sieht man
    eindeutig, dass hier der Pressemann provoziert wird. Sich eigentlich nicht provozieren lässt. Sich aber die Polizei täuschen lässt und vollkommen falsch
    reagiert. Da gibt es doch klare Richtlinien
    für die Polizei im Umgang mit den Beteiligten. Die hätten nur sagen müssen weitergehen, sie dürfen demonstrieren und
    die dürfen filmen. Und viele sehen das, nur
    der Landesvater nicht.

  • 14
    0
    Hankman
    20.08.2018

    Es ist ja nett, wenn wir einen MP haben, der nahbar ist, mit den Leuten an der Basis redet und sich in den sozialen Netzwerken tummelt. Kretschmer sollte sich aber bei alldem immer genau überlegen, was er sagt und zusagt. Wenn er wiederholt mit Äußerungen vorprescht und dann wieder einen Rückzieher machen muss, lässt ihn das auf die Dauer unglaubwürdig erscheinen. Er hat aber nur eine Chance, sich als Ministerpräsident Achtung zu erwerben, wenn er nicht nur nahbar und kommunikativ, sondern auch verlässlich ist.

    US-Präsident Trump sollte ein abschreckendes Beispiel sein: Mit seinen zahllosen spontanen Tweets und Äußerungen, oft unüberlegt und leider auch viel zu oft unsinnig, hat er sich selbst unglaubwürdig gemacht - und jede Menge Chaos verusacht. Nein, das ist nicht modern. Das ist leider nur dumm und kreuzgefährlich.

  • 12
    4
    suzuki
    20.08.2018

    Nach den Vorfällen mit ZDF-Journalisten in Dresden sollte es nun wohl auch dem letzten klar denkenden Bürger bewusst geworden sein, dass Herr Kretschmer weder fachlich noch moralisch für das Amt des Ministerpräsidenten geeignet ist. Er reist in Sachsen umher, verspricht jedem alles, setzt sich dabei auch schon mal ganz locker über Fachkompetenzen der Ministerien hinweg und praktiziert damit Populismus in Reinkultur. Wer genau hinschaut sieht: dieser Politiker lässt sich von der AfD vor sich her treiben, ist hilflos, alles aus Angst vor Machtverlust, ganz im Stile eines treuen Parteisoldaten, wie er schon vor Jahren von Medien eingeschätzt wurde und jetzt erneut beim Besuch der Kanzlerin in Sachsen demonstriert hat . Substantielles hat Herr Kretschmer nicht anzubieten. Wenn er und seine Partei so weiter macht, haben wir 2019 die AfD als Wahlsieger. Wollen wir das? Wenn schon CDU, dann aber doch bitte mit einem/einer fähigen Kraft an der Spitze. Günter Hering, Hohenstein-Ernstthal

  • 17
    1
    423949
    20.08.2018

    Diese Liste von Michael Kretschmers Versprechen, die nie umgesetzt werden, wird schon nach wenigen Monaten Amtszeit immer länger: Bei seinem Besuch in Flöha meinte Kretschmer - übrigens vor versammelter Presse - noch, Sachsen wird sich bei den Flüchtlings-Ankerzentren zurückziehen, am nächsten Tag kamen sie dann doch. Für Döbeln versprach der Ministerpräsident, man wolle die Stadt nach Jahren wieder ans Bahnnetz anbinden, doch anstatt das auch umsetzen, wird die Region von seiner eigenen Regierung weiter abgekoppelt.
    http://www.lvz.de/Region/Doebeln/PlusBus-statt-Zug-Regierung-uneins-ueber-Nahverkehr-nach-Doebeln

    Man darf die Frage stellen, ob Kretschmer gerade nur als CDU-Wahlkampfattrappe durch das Land reist, um in Kohl'scher Manier allen blühende Landschaften zu versprechen. Aber am Ende passiert von alledem nach der Wahl nichts.



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