Sachsen fehlen Experten für die Internet-Polizei

Der Markt bei IT-Spezialisten ist leer gefegt. Die Strategie des Freistaats hat dem bisher nichts entgegenzusetzen.

Dresden.

Sachsens Polizeistrategie, mit zusätzlichen Experten auf die wachsenden Gefahren aus dem Internet zu reagieren, läuft bisher ins Leere. CDU und SPD hatten im Herbst eine Extra-Einstellung von 100 IT-Spezialisten vereinbart und Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) in einer Regierungserklärung angekündigt, dass sie " insbesondere zur Bekämpfung der Cyberkriminalität" bestimmt seien. Davon ist kaum noch die Rede. Seit Monaten seien unbesetzte Stellen in dem vor Jahresfrist gebildeten sächsischen Cybercrime-Zentrum beim Landeskriminalamt (LKA) weiterhin verwaist, räumte die Regierung jetzt ein. Das Echo auf ausgeschriebene Stellen erfülle die Erwartungen nicht annähernd, heißt es aus den Polizeigewerkschaften.

Im aktuellen Haushalt sind die 100 Stellen zudem nur als befristet und unterdurchschnittlich bezahlt ausgewiesen. Unter der Rubrik "Umstellung und Anpassung von Polizeitechnik" sind jährlich etwa fünf Millionen Euro "Projektmittel" eingestellt, heißt es aus dem Finanzministerium. "Die durch den Koalitionsvertrag zusätzlich vereinbarten 100 Einstellungen von Spezialisten sind nicht nur beim LKA, sondern im gesamten Bereich der Polizei des Freistaates Sachsen vorzunehmen", teilte jetzt das Innenministerium mit. Zugriff auf diese Gelder haben auch Polizeihochschule, Bereitschaftspolizei, Polizeiverwaltungsamt und sogar die Landesdirektion Sachsen. Mit Unverständnis reagierte Verena Meiwald, Mitglied der Linken im Haushalts- und Finanzausschuss des Landtags. Vom ursprünglichen Ansatz sei nicht mehr viel übrig, sagte sie. "Das ist nicht der große Wurf."

Das LKA beschäftige neun IT-Experten, so das Innenressort. "Der Bedarf liegt aber mindestens beim Zehnfachen", meint Hagen Husgen, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei. Schon heute stapelten sich wegen Fachpersonalmangel Computer, die zu Ermittlungszwecken ausgewertet werden müssten. Nach Zahlen des Innenressorts wurden bis Ende Juni etwa 20 IT-Spezialisten eingestellt. Eine interne Aufschlüsselung besagt jedoch, dass darunter kaum "Cyber-Polizisten" sind.

Der Markt bei IT-Experten sei leer gefegt, heißt es aus der Wirtschaft. Das bestätigt Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida. Der Informatik-Professor bildet in wissenschaftlicher Spurensuche in Computern und im Internet aus und kennt den Bedarf. "An dieser Situation wird sich sobald nichts ändern", schätzt Klaus Hoogestraat, Chef des Sächsischen Verbands für Sicherheit in der Wirtschaft (SVSW), ein. Nach Ansicht des Dresdner IT-Managers mit eigener Firma werde es die Polizei "sehr schwer haben, gute Leute für gutes Geld zu holen."

Internet-Angriffe gibt es (fast) überall

Knapp 300 Angriffe aus dem Internet wurden 2014 auf das landeseigene Sächsische Verwaltungsnetz abgewehrt. Und das, obwohl das Netz weitgehend unabhängig von anderen Netzen funktioniert. Im eingehenden Internetverkehr seien über 73.000 Schadprogramme entdeckt worden, heißt es in einem Bericht der Landesregierung. Insgesamt gab es 2014 zwar mehrere Sicherheitsvorfälle in Sachsen, "aber die Auswirkungen blieben im tragbaren Bereich".

Von wachsender Intensität seien die Internet-Angriffe, schätzt aktuell das Innenministerium ein. Es spricht von "sich schnell weiterentwickelnden Bedrohungslagen".

Die Knappheit von IT-Experten hat ihren Grund auch im neuen IT-Sicherheitsgesetz, das der Bundestag im Juni beschlossen hat. Es verpflichtet Unternehmen zum besseren Schutz ihrer IT-Systeme und zur Meldung von Angriffen aus dem Internet. (uk)

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9Kommentare
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  • 1
    0
    berndischulzi
    27.07.2015

    Politiker in Sachsen scheinen sowieso recht weit von der Realität entfernt zu leben. Ansonsten würden die sich nicht so wundern, warum kaum ausländische Fachkräfte hier her kommen, oder warum Pendler lieber außerhalb Sachsens weiter arbeiten.
    Man ist ja als Billiglohnland verschrieen.

  • 3
    0
    mattgue
    15.07.2015

    Lieber Pixelhost, das ist kein Zynismus, das habe ich von diversen Unternehmern selbst schon gehört. Auch ein Unternehmer unserer Stadt durfte genau diese Äüßerung schon öffentlich in einer Talkrunde im MDR Kundtun. Das war übrigens auch der, der bei der Einführung des Mindestlohnes am lautesten geschriehen hat und seine mitarbeiter bedrohte das Unternehmen zu schließen , wenn sie darauf bestehen.

  • 7
    1
    gelöschter Nutzer
    15.07.2015

    Erneut eine Bankrotterklärung des Landes in Sachen Sicherheit und polizeilicher Ermittlung. Offensichtlich sind Regierungspolitiker nicht über das Lohnniveau im IT Bereich unterrichtet. Wer Fachleute braucht muss auch Marktgerechte Gehälter zahlen. Für Diätenerhöhungen sind regelmäßig Millionen Euro in der Kasse. Soll der Staat zur Sicherheit seiner Bürger Geld in die Hand nehmen, ist er plötzlich schwerfällig. Mit diesen Staat ist kein Staat mehr zu machen. Die Kriminellen werden es zu schätzen wissen.

  • 3
    0
    zeal
    15.07.2015

    Es sind Nichtmal Stellen ausgeschrieben.

    http://www.polizei.sachsen.de/de/32903.htm

  • 6
    0
    mattgue
    15.07.2015

    Ich hatte auch mal ein Angebot meiner Heimatstadt:
    - 4 Monate als Trainiee zum kennenlernen für 500 Euro
    - danach ein Jahr Probezeit
    - nach erfolgreichen Bestehen Vertrag auf 2 Jahre befristet in der Tarifgruppe E9

    Seitdem arbeite ich in Bayern, verdiene das doppelte und bin froh das ich den Job damals nicht angenommen habe.
    Aber ich denke, das man in meiner Heimat früher oder später auch noch auf den Trichter kommt, das Geiz nicht unbedingt Geil ist.

  • 2
    1
    Pixelghost
    15.07.2015

    @ vomdorf, Zyn an

    Aber Geld ist doch nicht alles. Und es ist besser was zu machen, als zu Hause rumzuhocken, selbst wenn es für Lau ist. Man fühlt sich so bestätigt und gebraucht. Und man kommt unter Menschen.
    Zyn aus

  • 3
    1
    Pixelghost
    15.07.2015

    PS: Ich beziehe mich auf die Kommentare zu folgendem Artikel:

    http://www.freiepresse.de/WIRTSCHAFT/Finanzminister-fordert-Limit-von-3000-Euro-fuer-Bargeld-Zahlungen-artikel9245449.php

    In den Kommentaren war von der totalen elektronischen Kontrolle der Bürger durch den Staat die Rede und ich hatte die Frage nach dem Personal dafür gestellt.

    Ich denke, die Frage ist jetzt beantwortet.

  • 3
    2
    Pixelghost
    15.07.2015

    Nach Ansicht von #mias kann es doch nicht so schwer sein ein paar Algorithmen einzustellen.
    Die brauchen keinen Mindestlohn, sind in keiner Gewerkschaft und ob befristet oder unbefristet spielt auch keine Rolle. Arbeitzeitregelungen und Fürsorgepflicht müssen auch nicht beachtet werden.
    Nach ein paar Tagen sind dann alle Computer ausgewertet und man kann sie wieder entlassen.
    Ach halt, ich habe ja die totale Kontrolle der Bürger vergessen. Da wird man sie wohl weiterbeschäftigen müssen.

  • 9
    0
    vomdorf
    15.07.2015

    wenn ich lese: 100 Stellen zudem nur als befristet und unterdurchschnittlich bezahlt ausgewiesen.... weiß ich eigentlich, warum sich kein experte bewirbt. die können nämlich nicht nur *IT*, sondern auch rechnen.



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