Sachsen will die Tagespflege ausbauen

Gesundheitsministerin Barbara Klepsch über die Personalnot in der Pflege und die Rolle der Angehörigen

Barbara Klepsch - Sächsische Gesundheitsministerin

Sachsen ist stärker als viele andere Bundesländer vom demografischen Wandel betroffen. Das macht die Situation in der Pflege hier besonders schwierig. Wie reagiert der Freistaat darauf? Oliver Hach sprach mit der sächsischen Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU).

Freie Presse: Frau Ministerin, die Zahl der Pflegebedürftigen wächst unaufhörlich, der Personalmangel wird immer größer. Von Pflegenotstand ist die Rede. Wie würden Sie die Situation in Sachsen beschreiben?

Barbara Klepsch: Die Pflege ist für uns in Sachsen, aber auch bundesweit, eine der großen Herausforderungen. Das gilt besonders für den Personalbedarf. Wir brauchen attraktive Bedingungen in der Pflege - aber ganz vorn an steht für mich die Wertschätzung für den Beruf. Wenn ich in den Pflegeeinrichtungen unterwegs bin, sind die Pflegekräfte Thema Nummer eins.

Sie selbst kommen aus dem Erzgebirge, dort ist die demografische Lage besonders dramatisch. Wer soll die Menschen einmal pflegen, die dort in 20, 30 Jahren pflegebedürftig werden?

Wenn ich mit den Menschen spreche, dann sagen sie mir, dass sie so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben wollen. Hier liegt der Ansatz und unser Ansporn. Dafür brauchen wir ein gut ausgebautes Netz zur Unterstützung. Immerhin werden von 170.000 Pflegebedürftigen in Sachsen drei Viertel in der eigenen Wohnung gepflegt, davon ein Großteil von den eigenen Angehörigen. Da muss man auf die Belastungen schauen, Beruf und Pflege unter einen Hut zu bringen.

Wie ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern?

Ein guter Schritt wäre, die Tagespflege auszubauen. Es gibt schon Tagespflegeplätze, wo die Pflegebedürftigen früh von zu Hause abgeholt, tagsüber professionell betreut werden und abends wieder ins häusliche Umfeld zurückkehren. Zugleich muss die Doppelbelastung der pflegenden Angehörigen ernst genommen werden, auch vom Arbeitgeber. Dafür veranstalten wir im November die Woche der pflegenden Angehörigen, um mit ihnen noch besser ins Gespräch zu kommen.

Sie setzen sehr stark auf pflegende Angehörige. Dabei liegt hier der Anteil in Sachsen unter dem Bundesdurchschnitt. Es wird also vor allem professionelles Personal benötigt. In Sachsen verdient eine Altenpflegerin in Vollzeit 800 Euro weniger als in Bayern. Was wollen Sie hier tun?

Tatsächlich liegt Sachsen im Bundesvergleich bei der Vergütung von Pflegekräften weit hinten. Bereits im Jahr 2014 wurde die Initiative "Pro Pflege Sachsen" unterzeichnet, dort sind alle Verantwortlichen an einem Tisch. Damals wurde vereinbart, tarifgerecht zu entlohnen. Unsere Aufgabe als Politik ist es, hier mit Nachdruck dranzubleiben.

Hier ist aber nichts passiert.

Ja, wir müssen noch mehr Druck machen. Träger und Einrichtungen sagen, sie wollen Tarif zahlen. Aber diese Mehrkosten müssen dann letztlich auch durch die Pflegekasse übernommen werden.

Die Kassen zahlen also zu wenig? Der Leiter eines Pflegedienstes errechnete für uns an einem konkreten Beispiel inklusive Anfahrtzeit einen Stundensatz von 20 Euro. Er fragt: Waren Sie schon mal für 20 Euro Stundensatz in einer Autowerkstatt? Arbeit am Menschen wird schlechter entlohnt als Arbeit an Autos.

Hier muss sich wirklich etwas tun. Aber es ist auch schon viel geschehen. Ab Mitte nächsten Jahres werden die Fahrtkosten in der ambulanten Pflege mit vergütet. Und ich halte auch die konzertierte Aktion von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für hilfreich, der anstrebt, dass Pflegesätze grundsätzlich die tarifliche Vergütung abdecken.

Neben der schlechten Bezahlung gibt es in auch den Personalmangel. Bis 2030 braucht Sachsen 16.000 zusätzliche Pflegekräfte, vorsichtig gerechnet. Wie wollen Sie dieses eklatante Defizit wirksam bekämpfen?

Wir bilden viel aus, aber nur wenige kommen in Sachsen in der Pflege an. Da wäre ein erster Ansatz hinzuschauen: Warum ist das so?

Das ist so, weil in Sachsen Pflege zu schlecht bezahlt wird.

In der Tat wandern Arbeitskräfte ab. Aber es geht auch um Wertschätzung, um Attraktivität der Arbeitsbedingungen. Der Beruf muss familienfreundlich gestaltet sein. 60 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege in Sachsen arbeiten in Teilzeit, viele würden gern Vollzeit arbeiten. Junge Leute wollen sich im Beruf entwickeln und brauchen Weiterbildungsmöglichkeiten. Außerdem gibt es Assistenzsysteme, die die Ausübung von Pflegeberufen im Alter länger ermöglichen. All das muss stärker genutzt und auch finanziert werden.

Müssten Sie den Bürgern nicht auch ehrlich sagen: Wir brauchen massive Zuwanderung, damit wir das nötige Personal für die Pflege bekommen?

Wir sind schon dabei, Pflegekräfte aus Osteuropa zu holen. Wir werden gemeinsam mit der Bundesregierung Aktionen in weiteren Ländern starten, etwa in Vietnam. Zuwanderung ist ein Thema, es wird aber nicht alle Probleme lösen. Wir müssen vor allem auch zu Hause verstärkt in die Schulen gehen und für diesen Beruf werben. Die Attraktivität des Pflegeberufs muss bei den jungen Menschen ankommen, das kam in den letzten Jahren zu kurz.

Am Dienstag startet das Sozialministerium die sogenannten Pflegedialoge - Auftakt ist in Annaberg-Buchholz. Was ist das Ziel dieser Veranstaltungsreihe?

Ziel ist, die Pflege in die Öffentlichkeit zu bringen - mit allen Partnern, die dort tätig sind, einschließlich der Angehörigen. Wir wollen sie an einen Tisch holen um herauszufinden, wo vor Ort weiterer individueller Bedarf liegt.

Aber es gibt doch schon das Pflegenetz mit Koordinatoren in den Landkreisen, da müssten Sie die Situation ja bereits kennen.

Wir haben die Pflegekoordinatoren vor zwei Jahren etabliert - einen pro Landkreis. Um die Strukturen vor Ort weiter auszubauen, um etwa die 360.000 Einwohner im Erzgebirgskreis mit einem Netz gut zu versorgen, braucht es noch einiges mehr. Erkenntnisse dafür verspreche ich mir von dem Pflegedialog.

Zum Beitrag: Anzahl der Pflegebedürftigen in Sachsen steigt deutlich an

1Kommentare
👍0👎1 VaterinSorge 10.09.2018 In einer Kommune in Dänemark wurden alle Haushalte mit Personen über 60 Jahren mit japanischen Dusch-WC's der Marke TOTO Washlet ausgestattet um zu testen, wie sich die Technik auf den Pflegezeitpunkt auswirkt. Im Vergleich zu anderen Kommunen stellte man dann fest, dass allein durch diese simple Hilfe der Zeitpunkt der Pflege um 5 bis 7 Jahre nach hinten verschoben hat. Die Ursache wird darin gesehen, dass mit einsetzenden Wahrnehmungsempfinden und größeren Mobilitätseinschränkungen besonders die Intimhygiene darunter leidet, Angehörige das mitbekommen und mobile Pflegedienste beauftragen. Dann rutschen Betroffene in einen Ablauf der mit einer Windelhose beginnt und einem stationärem Pflegeplatz endet. Sicherlich ist altern nicht aufzuhalten und über 80 sein auch nicht ohne und schon gar nicht selbstverständlich. Aber würdevoll alt werden und gesund sterben, das sind doch Dinge, die man anstreben kann.
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