Sachsens erster Moderator

Im Alter von 78 Jahren ist der langjährige Landtagspräsident Erich Iltgen am Sonntag gestorben. Anteilnahme gab es aus allen Landtagsfraktionen.

Dresden.

Eigentlich schien Erich Iltgen die falsche Konfession zu haben, als es um den Posten des ersten Landtagspräsidenten Sachsens nach der deutschen Einheit ging. Am 14. Oktober 1990 hatte die CDU mit 53,8 Prozent der Stimmen die Landtagswahl haushoch gewonnen. Und ihr Spitzenkandidat, der künftige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, war eben auch Katholik, genau wie Iltgen. Doch letztlich blieben diejenigen, die eine Dominanz der Katholiken nicht guthießen, in der sächsischen Union in der Minderheit - und der Weg für Iltgen war frei.

Das Amt, das er als 50-Jähriger übernahm, bekleidete er 19 Jahre lang. Dreimal wurde er wiedergewählt, erst mit der Landtagswahl im August 2009 nahm er - als damals bundesweit dienstältester Präsident eines Landesparlamentes - Abschied aus der aktiven Politik.

Iltgen, der im Juli 1940 in Köln zur Welt kam, hatte bereits als Sechsjähriger beide Eltern verloren. Noch mit der Mutter war er während des Zweiten Weltkrieges als Flüchtlingskind vom Ruhrgebiet ins sächsische Penig gekommen. Später verschlug es ihn und seinen Bruder in ein Heim in Thammenhain. Nach der achten Klasse ging es in eine zentrale Ausbildungswerkstatt in Erfurt, wo er erst Landmaschinenschlosser wurde und danach eine einjährige Aufbaulehre zum Traktorenschlosser absolvierte. Später folgte ein Ingenieurstudium in der Nähe von Potsdam, bevor Iltgen nach Stationen im Kraftwerksanlagenbau Radebeul und im Sächsischen Serumwerk Dresden 1985 Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats wurde, für das er im Wendeherbst 1989 Kontakt zu Demonstranten und (Noch-)Regierenden aufnahm.

So wurde Iltgen Moderator des Runden Tisches des Bezirks Dresden. Er und der heutige CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvize Arnold Vaatz seien "die beiden wahrscheinlich bedeutendsten Personen bei der Wiedererrichtung des Landes Sachsen in der Zeit vom Umsturz-Oktober 1989 bis zur Wahl des ersten neuen Landtags im Oktober 1990", urteilt Biograf Stefan Rössel ("Ein Leben für die sächsische Demokratie").

Iltgen selbst sah sich als Landtagspräsident gar nicht so sehr in der Rolle des Politikers, dafür gebe es Parteien und "die zweite Gewalt" - womit er die Regierenden bewusst zu bezeichnen pflegte. Zugunsten der "ersten Gewalt", des Landtags, legte er sich auch mit Biedenkopf an, selbst wenn es "nur" um die Zuständigkeit für die Unterzeichnung der vom Parlament zuvor beschlossenen Gesetze ging. Die Arbeitsfähigkeit des Landtags, dessen Verwaltung laut Iltgen "mit zwei Zimmern und vier Mitarbeitern" anfing, hatte für ihn eben oberste Priorität.

Geschätzt wurde Iltgen dafür auch von der Opposition. Als "einen Konservativen, wie man ihn sich auch als Linker wünscht", würdigte ihn Linke-Fraktionschef Rico Gebhardt. Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) nannte seinen Vorgänger "einen der bedeutendsten Gründungsväter unseres Freistaats". Mit seiner "sachlichen und fairen Art" habe Iltgen den Landtag auch durch schwierige Zeiten geführt. Am Sonntag ist Iltgen nach schwerer Krankheit gestorben. Der Landtag will ihn - voraussichtlich am 21. Juni - mit einem Staatsakt ehren.

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