Sachsens ewiger Kartoffelversuch

Seit über 50 Jahren testet der Freistaat auf einem Feld bei Rochlitz, welchen Einfluss Dünger auf Pflanzen und Umwelt hat. Ein Ergebnis dürfte Öko-Bauern nicht überraschen.

Methau.

2016 ist ein Kartoffeljahr auf dem kleinen Feld am Ortsrand von Methau bei Rochlitz. So ist das in jedem vierten Jahr. Wenn man von oben herab auf den Acker blicken würde, könnte man sehen, dass die Pflanzen in einem bestimmten, wiederkehrenden Muster unterschiedlich gewachsen sind. Von unten ist das Muster nicht erkennbar, die Unterschiede schon: Hier und da stehen die Pflanzen wie eine Eins in sattem Grün beieinander, man findet aber auch lichte Stellen oder kleinere Gewächse. Zufall ist das nicht, es steckt System dahinter: Die Kartoffeln wachsen auf Feld L 28, einer von zwei landwirtschaftlichen Dauerversuchsanlagen in Sachsen.

L 28 gibt es seit 50 Jahren. Im Jahr 1965 angelegt, werden auf der 3300 Quadratmeter großen Fläche seitdem im Wechsel Winterweizen, Zuckerrüben, Sommergerste und Kartoffeln angebaut. Den Experten des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) kommt es nicht darauf an, möglichst viel zu ernten. Sie wollen wissen, wie sich Nährstoffe auf die Ernteergebnisse auswirken. Um langfristige Abläufe zu erfassen und Daten statistisch abzusichern, müssten solche Anlagen über mindestens 20 Jahre unverändert bewirtschaftet werden, heißt es. Nur so ließen sich Zusammenhänge zwischen Standort, Boden, Klima und Bewirtschaftung ableiten oder Rückschlüsse auf Bodenfruchtbarkeit, Untergrund und Atomsphäre ziehen.

In Methau funktioniert das so: Der Acker ist in 66 Parzellen aufgeteilt. Die vier Fruchtarten, die darauf im Jahreswechsel stehen, werden auf unterschiedliche Weise gedüngt. Auf einem Teil der Parzellen wird Kunstdünger (Stickstoff) in fünf Stufen ausgebracht, auf andere wiederum kommt Stallmist, Stroh oder gar nichts. Um darauf schließen zu können, wie viel Stickstoff möglicherweise in das Grundwasser gelangt, wurden in den 1990er-Jahren Gefäße in 60 Zentimeter Tiefe eingesetzt. Zweimal im Jahr werde das Wasser abgezogen und analysiert, erklärt LfULG-Referent Michael Grunert. Und was haben die Experten nun in all den Jahren herausgefunden? Belegt ist, dass mit steigender Düngung auch mehr Pflanzenschutz nötig ist, also mehr Pestizide auf die Pflanzen gespritzt werden müssen. Zweiter Punkt: Da die Sorten durch Züchtung ertragreicher geworden sind, wird auch der ausgebrachte Stickstoff-Dünger besser ausgenutzt. Wenn nicht gedüngt wird, fällt der Ertrag indes "dramatisch niedriger" aus, so Grunert.

Die wohl wichtige Erkenntnis aber ist diese: Stallmist bringt zwar gegenüber dem Einsatz von Kunstdünger im ersten Jahr weniger Ertrag, weil nur ein Viertel des gebundenen Stickstoffs für die Pflanzen verfügbar ist. Langfristig jedoch lasse sich damit nahezu der gleiche Ertrag erzielen wie mit Mineraldünger. Heißt: Landwirtschaft lässt sich auch ohne Kunstdünger betreiben, man kann ihn gut durch Mist ersetzen. Zudem habe der Mist eine positive Wirkung auf den Humusgehalt, also auf die organische Bodensubstanz. Und mit steigendem Humusgehalt geht der Ertrag nach oben.

Die Experten können mithilfe der Versuchreihen ableiten, welche Wirkung eine bestimmte Menge Mist auf den Humusgehalt des Bodens hat. Und sie wissen auch, welche Menge an Stickstoff unter welchen Bedingungen von den Pflanzen nicht aufgenommen wird. Belegt ist: Je mehr Stickstoff in den Boden kommt, umso mehr lässt sich im Sickerwasser nachweisen. Das Problem erhöht sich laut Grunert noch, wenn das Feld im Herbst "blank" bleibt und keine Zwischenfrüchte in den Boden kommen. Weil es im Herbst mehr regnet, werden mehr Stickstoffverbindungen ausgewaschen. Das hat Folgen für die Ökosysteme: Die Böden versauern, das Grundwasser wird verunreinigt, die Gewässer werden überdüngt.

Aber müssen die Versuche über einen so langen Zeitraum geführt werden? Weiß man nicht heute, nach 50 Jahren, schon genug? Nein, sagt LfULG-Experte Grunert: Es ändert sich im Laufe der Zeit einfach zu viel: Es werden neue Sorten gezüchtet, es kommen andere Pflanzenschutzmittel auf den Markt und das Klima verändert sich. So ist in Me-thau in den letzten Jahrzehnten die durchschnittliche Jahrestemperatur um 1,5 Grad Celsius gestiegen. Das habe Einfluss auf andere Faktoren. Die Geschwindigkeit, mit der der Dünger im Boden umgesetzt wird, ändere sich, sagt Grunert. Zudem werde die organische Substanz, der Humus, schneller abgebaut.

Die Daten, die hier und auf einem Feld in Spröda (Nordsachsen) erhoben werden, gehen in bundesweite Auswertungen ein, auf die die Agrarwissenschaft zugreift. Aber auch im Freistaat werden die Daten genutzt - für ein Düngebedarfsmodell, mit dem Landwirte den Bedarf an Dünger bestimmen können. Der älteste Dauerversuch Deutschlands ist übrigens in Halle zu finden - der "Ewige Roggenbau" wurde 1878 angelegt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...