Sachsenwahl: Wie soll man den Osten erklären?

Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg wird dem Osten wieder mal der Puls gefühlt. Dass die Lust am Widerspruch gegen Aufgezwungenes steigt, ist eine überfällige Reaktion. Ohne Aufrichtigkeit aber wird nichts Gutes dabei herauskommen. Ein Essay.

Chemnitz.

Im DDR-Wendewinter 1989/90 stieg ich zum ersten Mal im Leben in ein Taxi. Züge waren ausgefallen. Dunkle Nacht, die Fahrt im Dacia dauerte eine Stunde. Der Fahrer war redselig und verlor keine Zeit: "Deutschland muss jetzt erwachen und wieder groß werden", begann er, und er war der Erste, den ich ungeniert so reden hörte. "Die Vergangenheit ist vorbei, die Linken sind alle Verbrecher. Ich bin jetzt national eingestellt." Als ich ausstieg - kein Trinkgeld -, drückte er mir Aufkleber der Deutschen Volksunion, DVU, in die Hand. Die kamen aus dem Westen. Ich weiß nicht mehr, wie ich die wieder losgeworden bin.

Die Wahl einige Wochen später gewann die "AfD", was damals noch "Allianz für Deutschland" hieß. Die Ost-CDU, DSU, Demokratischer Aufbruch und anfangs auch die Deutsche Forumpartei hatten ein konservatives Wahlbündnis geschmiedet. "Keiner traute dem anderen, jeder glaubte, selbst der Größte zu sein", schrieb Helmut Kohl, Bundeskanzler und West-CDU-Chef, in seinen Lebenserinnerungen später ziemlich herablassend darüber. "Ich musste immer wieder dazwischengehen und zu schlichten versuchen." Die Allianz holte im März 1990 fast fünfzig Prozent der Stimmen. Es galt als ausgemacht, dass der große Kohl zwar nicht in Ostberlin regierte, diese letzte DDR-Wahl aber dennoch gewonnen hatte.

Es kamen die Einheitsjahre, von denen es heute drei grundverschiedene Erzählungen gibt, die eher selten miteinander verbunden werden. Jede von ihnen gibt eigene Erklärungen dafür her, warum der Osten so tickt, wie er tickt.

Die erbauliche Aufschwung-Saga von den "blühenden Landschaften" wurde einige Jahre lang vor allem in Leitartikeln und am "Tag der deutschen Einheit" erzählt. Zwei Dinge hatten darin keinen Platz: Rückschläge und Verwerfungen im Osten - und ein (selbst-)kritischer Blick auf den Westen. Als es im Osten nicht so schnell voranging wie gedacht, was zum Teil auch im Westen begründet lag, wo ja die Entscheidungen fielen, wurden die "Probleme im Osten" zu "Problemen des Ostens" umgemünzt. Kein Prüfstein gesamtdeutscher Politik, sondern eher eine regionale Angelegenheit.

Als Erklärung bot sich die Psychologisierung des "Ossis" an. Der hört nun seit fast dreißig Jahren, dass sein Herkommen anrüchig, seine Seele defekt, sein demokratisches Organ ungenügend ausgebildet sei. Bei ihm - und nicht zum Beispiel beim Deutschen generell - wurden autoritäre Prägungen und überkommenes Gedankenerbe vermutet und gesucht. Ostdeutsche Politiker verteidigten derweil jeden "notwendigen Einschnitt", jedes "unvermeidliche Opfer", während sich Teile der Westwirtschaft einer Sonderkonjunktur erfreuten. In dieser Diskurswüste wurde eine Politikerin wie Regine Hildebrandt, die als Ostdeutsche mit unverstellter Stimme für Ostdeutsche sprach, zum einsamen Lichtblick für viele, zur "Mutter Courage". Hildebrandt starb 2001 an Krebs. Man darf vermuten, dass die SPD in Brandenburg bis heute von ihrer Aura profitiert.

In der Aufschwung-Saga kamen Stimmen aus dem Osten nur vor, wenn sie quasi im Tonfall und im Interesse des Westens sprachen. Ein bisschen ging es zu wie bei den Parzellenbauern in Marx' "Achtzehntem Brumaire des Louis Bonaparte". Marx-Kundige, die es im Osten ja noch reichlich gab, zitierten das mit hintersinnigem Grinsen: "Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden. Ihr Vertreter muss zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den andern ... beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt."

Es dauerte Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis die Heldensage vom "Sieg der Freiheit", vom "Ende der Geschichte" etwas komplexer, mit mehr Grau- und Zwischentönen erzählt werden konnte. Die sächsische SPD-Politikerin Petra Köpping rückte das Thema der ostdeutschen Lebenserfahrungen und -leistungen 2016 wieder ins Zentrum der Debatte - was manche im Westen heute, drei Jahre später, schon nervt.

Sie sollten es ertragen, denn die unaufgearbeitete Vergangenheit steht der Zukunft im Weg, wie Köpping schreibt. Die "Glasdecke" etwa, die Ostdeutsche am Aufstieg hindert, ist von Sozialwissenschaftlern inzwischen statistisch belegt. Sie fördere laut Köpping bei manchen einen "romantischen Blick zurück" und eine übergroße Konzentration auf die eigene (Ost-)Identität. Es sind solche Gefühle, die populistisch ausgebeutet werden können. Ein dunkler Lord wie der AfD-Spitzenkandidat in Brandenburg, der aus München stammt, mit rechtsextremen Vereinen umging und sich im Wahlkampf auf die Wende in der DDR berief, ist damit weit gekommen. Gefühle sind - nicht nur bei Wählern - faktenresistent.

Zur aufrichtigen Variante der Benachteiligungserzählung gehört die Tatsache, dass die Ostdeutschen sich 1990 mehrheitlich und in freier Entscheidung dem Westen überantwortet haben. Der Osten hatte die Wahl, und er wollte es so, dass es nach westdeutschen Regeln laufen sollte. Mehr Emanzipation und Eigenverantwortung waren nicht gewünscht; vielleicht wäre das auch nicht realistisch gewesen. Die Beitrittsentscheidung aber brachte Nebenwirkungen mit. Kaum hatten Kohls Mannen ihren Blankoscheck in der Tasche, verschwanden die "Runden Tische", zentrale Errungenschaft der friedlichen Revolution, die nun als unnütze "Plauderrunden" galten. 1992 verhinderte die Bonner Koalition aus CDU/CSU und FDP die Einführung einer Volksgesetzgebung, wie sie die Verfassungskommission beider Parlamentskammern ins Gespräch gebracht hatte.

"Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden."

Der preisgekrönte Literat Jürgen Becker, in Thüringen aufgewachsen, zu Hause in Köln, fasste das aufwühlende Geschehen jener Jahre später so zusammen: "Im wiedervereinigten Land, da sind Lebensläufe abgeknickt und Existenzen, Karrieren eingekracht; da sind neue Lebensläufe entworfen worden. Da wurden Rechnungen aufgemacht, und man hat darauf bestanden, dass es ein richtiges Leben im falschen gibt. Das Wunder der Einheit, das Desaster der Utopie. Die Illusion von westlicher Lebensart, die Legende von der östlichen Solidargemeinschaft."

In den Jahren nach der ersten Taxifahrt in eine nationale Echokammer habe ich nachts vor dem Chemnitzer Wohnheim und in der Kleinstadt bei Zwickau, wo ich später wohnte, manchmal Gebrüll von Neonazis gehört. Das wurde offiziell heruntergespielt. Es gab einen Jugendklub, in dem eine Stadträtin als Sozialpädagogin arbeitete, der fuhren rechtsradikale Halbstarke offen über den Mund: "Du halt's Maul!" Eine junge Berufskollegin von ihr, frisch ausgebildet, erklärte mir auf einer Hilfsreise nach Rumänien, bei der sie sich mächtig ins Zeug legte, sie hätte in ihrem Klub lieber mit rechten Jugendlichen als mit Linken zu tun, denn die Rechten benähmen sich "korrekt", wären "höflich zu Frauen" und machten keinen Stress. "Die Linken nennen mich F..."

Das waren keine Einzelmeinungen. Eine Zeitlang wurden hegemoniale, also vorherrschende rechte Jugendkulturen in ostdeutschen Klubs debattiert; es blieb aber ein Nischenthema. Für die sächsische Regierungs- und Bürgermeisterpartei CDU galt das Diktum Biedenkopfs, Sachsen wäre gegen Rechtsextremismus "immun".

Der Magdeburger Szenekenner David Begrich spricht von zwei Generationenkohorten in Ostdeutschland, "deren kollektive politische Erfahrung sich daraus speist, ein politisches System gestürzt und anschließend den neuen Staat in Rostock und Hoyerswerda gezwungen zu haben, vor ihrem rassistisch motivierten Willen zurückzuweichen." In Rostock und Hoyerswerda hatte es in den 90er-Jahren fremdenfeindliche Übergriffe gegeben, der Staat zeigte sich dagegen machtlos.

In der Literatur brachten diese Jahre der zurückweichenden Staatsgewalt, der Entvölkerung und der Neonaziwelle ein eigenes Genre hervor. Sie bilden die dritte Erzählung über den Osten, die heute wirkmächtig ist. "Baseballschlägerjahre" nannte sie vor einigen Tagen ein Autor in der "Zeit". Die auf Extremisten konzentrierte Perspektive fand auch in Rainald Grebes sarkastischer Hymne "Brandenburg" ihren Ausdruck, die das Bild vom ländlichen Osten wohl tiefer geprägt hat, als jede Hochglanzwerbung heute gegenzuhalten vermag: "Da stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln..." Übertrieben? Gewiss. Aber da war noch mehr, lange vor Pegida und der AfD.

In Zwickau besuchte ich 1997 einen Vertriebenenfunktionär, der war in der DDR Professor. Nun versuchte er die Leute allen Ernstes - mit gesenkter Stimme, vor einer antiquarischen Landkarte - von einer "panslawischen Verschwörung gegen germanische Stämme" zu überzeugen. Meine Großeltern waren Vertriebene, aber die hatten aus Abscheu vor den Hitlerverbrechen nur die neuen, polnischen Namen ihrer Heimatorte benutzt,privat und öffentlich. In Chemnitz traf man den aus den alten Bundesländern zurückgekehrten Gründer eines konservativen Autorenverbandes, der schon unter Kohl mit dem "linken Zeitgeist" haderte. In Leipzig gab es einen DDR-Dramaturgen, nun in Verantwortung beim MDR, der in einem langen Monolog "Sachsen Glanz und Preußens Gloria" als seinen Sehnsuchtsort beschwor.

Es war alles schon längst da, was jetzt politisch geworden ist. "Niemandes Gedankenwelt ist so geordnet, dass sie nicht, öffentlich vorgeführt, zu verwirren, zu erschrecken vermöge", schreibt Jürgen Becker. Allerdings geht der Sozialwissenschaftler David Begrich von einer "regressiv-autoritären Unterströmung" im Osten aus, die breiter ist als die AfD-Wählerinnenschaft. "Aus einem vielschichtigen Ressentimentmix hat sich eine grundsätzliche Ablehnung westlicher und westdeutscher sozialer Praxen und Kulturen entwickelt. Sie artikuliert sich autoritär und rassistisch."

Dass sich spezifisch ostdeutsche und westdeutsche Mentalitäten herausgebildet und die "Missverständnisse sich kenntlich gemacht" haben, bemerkte Jürgen Becker lange vor der letzten Wahl. "Und wer gehofft hatte, es werde das große Erzählen beginnen, das Nacherzählen all der Jahrzehnte, in denen man, auf der Seite der Schandmauer, auf der Seite der Friedensgrenze, getrennt voneinander lebte, hört in ein Schweigen hinein, das aus zweierlei Sprache besteht." Becker vermutet, dass sich die "Geschichte der Trennungen" einem Ende vielleicht erst nähert, "wenn unsere Nachkommen einmal damit umgehen wie mit einem alten, ramponierten Fotoalbum, in das die eigene Erinnerungsspur nicht mehr hineinführt."

Die "eigene Erinnerungsspur" ist eine Ressource, die uns im Osten zur Verfügung steht. Sie könnte gegen destruktive gesellschaftliche Tendenzen helfen. Was es brauche, seien schließlich "schlichte, einfache und gerade Menschen", nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht gewiefte Taktiker, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer in übleren Zeiten als den heutigen schrieb. Widerstandsfähige Leute mit dem Wunsch zur Aufrichtigkeit - auch gegen sich selbst.

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 10 Bewertungen
16Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    2
    Nixnuzz
    05.09.2019

    @steph58: 1 grüner. Ich würde es auch begrüßen, wenn ein Ossi mal die Position eines Normalo-Wessies einnehmen würde und sich die Argumentation seiner Landsleute zumuten würde?..Muss ja nicht auf "Bild-Niveau" ablaufen. Und ständige Spitzen in jedem 2.Halbsatz unterminiert jegliche Verständ-nis/-igungsbereitschaft.

  • 7
    2
    steph58
    05.09.2019

    Warum die Ostdeutschen so an Minderwertigkritskomplexen, kann ich nicht verstehen. Wir haben doch viel Positives im Osten erreicht.
    Ich würde empfehlen: seid doch endlich mal stolz auf das Erreichte und legt diese Weinerlichkeit ab.
    Ich habe gute Bekannte, die nach 20 Jahren im Westen wieder zurück nach Chemnitz kommen. Und darüber freue ich mich sehr.

  • 3
    3
    Nixnuzz
    05.09.2019

    Lesenswerter Artikel und Nachdenkenswert. Frage mich allerdings, ob er auch die Gemüter der Wessies erreicht? So fern nicht ein wenig weltsichtig und weitsichtig wird das dort nicht ankommen. Und wenn höchstens als erneutes "Ossi-Gemaule". Aus meiner bisherigen Ost-West-Bilanz ist es schwer, miteinander zu reden. Zusätzlich wird eine verdrehte Gleichwertigkeit projeziert: "Ihr im Westen habt dies.. jens ..aber wir waren die Ersten und Besser.. ja im Osten gekauft oder geklaut" Also überzogen: Ohne die DDR ward ihr auch nix! Nö - wir hatten Italiener, Türken, Yugos und was weiß ich alles, die unser Handwerk machten und - ach ja - Nazies! Vielleicht sollte ein ebensolcher Artikel die Befindlichkeit der Wessies unterhalb der politischen/medialen Ebene geschrieben werden. Deren Wissen über diese Befindlichkeit der Ossies ist doch gleich Null! @Malleo: 1 grüner!

  • 2
    6
    Malleo
    04.09.2019

    OlaF
    Meine positive Reaktion auf Ihr Statement mit einer kleinen Ergänzung garniert, landete offensichtlich im Nirwana.
    Sie kennen das sicher.
    Vielleicht überlegen es sich unsere netten Wortbegleiter noch.

  • 2
    4
    Malleo
    04.09.2019

    ..Korrektur, sorry
    Erst gestern...
    ..und " toxischen braunen....

  • 7
    5
    Malleo
    04.09.2019

    Ein 2. Versuch.
    Herr Schilder und der CR haben die paar Zeilen per mail. Was stört daran die Moderatoren?

    Dieses Essay von Herrn Schilder verdient aufmerksam gelesen zu werden, ist es doch authentisch und von ideologischen Ballst befreit.
    Er gestern wurde ebensolcher in Form von einer Frau Geipel bekundet, dass sich im Wahlergebnis der Trend zum „toxische braunen Osten“ manifestiert habe.
    Das Sahnehäubchen war die in perfider Arroganz geäußerte Behauptung, dass „die Menschen im Osten den Hitler in sich konserviert“ haben.
    Soviel zur Frage Ideologie und Selbstverständnis einer ehemaligen Spitzensportlerin, die sich offensichtlich am Osten abarbeitet.
    Die Einbindung persönlicher Reflexionen des Verfassers ist nachvollziehbar.
    Jeder Ostdeutsche kann seine ebenso mit einbringen.
    Das mache ich mal für mich.
    Ich wurde 40 Jahre in der DDR sozialisiert, den Rest habe ich weiter mit viel Arbeit, Erkenntnisgewinn und sehr vielen neuen Erfahrungen, die bekanntlich Maßstäbe verändern, im zusammengefügten Deutschland, verbringen dürfen.
    Das Wort Wehleidigkeit, was vielen Mitteldeutschen nachgesagt wird, kenne ich nicht.
    Ich erkläre gern warum.
    Die von der Treuhand ab 1990 flächendeckend betriebene Plünderung Mitteldeutschlands, deren erste nach dem Krieg von den Russen vollzogen und mit Reparationsleistungen erklärt wurde, ist eine Erfahrung, die für 17 Mio. Menschen unvergesslich bleiben wird.
    Das Wirken der Treuhand kam einer Deindustrialisierung ganzer Regionen in Sachsen, Sachsen- Anhalt und Thüringen gleich und war damit gleichwohl ein perfektes Konjunkturprogramm für die alten Bundesländer, potentielle Konkurrenten mussten weg.
    Es herrschte Goldgräberstimmung, „Aufbauhelfer“ überströmten das Land und installierten bis in die Gegenwart wirkende (geschlossene) Netzwerke in Wirtschaft, Politik, Justiz, Universitäten, Polizei und Medien, deren Ziel einzig die Erhaltung ihrer Einflussmöglichkeiten ist.
    Die gern ins Feld geführten Hinweise auf den Strukturwandel vergleichbarer Regionen, wie dem Ruhrgebiet, sind dumm und in keinem einzigen Punkt zutreffend.
    Wer stellt nach der großen Abschreibung die Frage, warum die in Wellen wiederkehrende Aufmerksamkeit für angeblich ostdeutsche Befindlichkeiten immer häufiger durch die Medien getrieben wird?
    Befindlichkeiten, deren Grenzen zur Larmoyanz nicht mehr zu unterscheiden sind?
    Wer aber 1989 so naiv war, dass er der Persil-Werbung ebenso viel glaubte, wie dem Versprechen nach blühenden Landschaften, wurde zweifelsfrei enttäuscht und fand sich, unabhängig von Bildung, Fleiß, Engagement oder all den Eigenschaften, die notwendig sind, um selbstbestimmt ein Leben für sich und die Familie zu gestalten, schnell in einer Umbildungsmaßnahme oder auf dem Arbeitsamt wieder.
    Es bedurfte viel Glück aber auch ein Stück weit jener benannten Eigenschaften und einer Firma, die sich auch dem Turbokapitalismus erfolgreich bediente, um von der wenig sozialen Marktwirtschaft gleichfalls zu partizipieren.
    Jene, die nicht der Arbeit hinterherzogen und in ihrer Heimat blieben, durften all diese Erfahrungen machen, die ihr Leben mehr als deutlich prägten.
    Sie haben aber den unschätzbaren Vorteil, ob der Sozialisierung in zwei völlig verschiedenen Gesellschaftssystemen, sehr deutlich und sensibel (Fehl-)Entwicklungen differenzieren zu können, die in keinem noch so hochkarätigen Seminar gelehrt werden.
    Deshalb kann jeder, der 1989 die körperliche Mauer in Berlin und den Eisernen Vorhang wegfegte, seine mehr oder weniger erfolgreiche Lebensgeschichte erzählen.
    Angesichts der epochalen Herausforderungen, die sich dieses Land im wahrsten Sinne des Wortes selbst ins Land geholt hat, fahren die Menschen in Mitteldeutschland ihr keineswegs durch Einheitsfeiern verschüttetes Sensorium aus, um zu sagen, wir wissen wie es geht, wenn von den sogenannten politischen Eliten die Realität verdrängt oder negiert wird.
    Nach den aktuellen Geschehnissen spekulieren die „Meinungsschaffenden“ schon von rechten Umsturzplänen am Horizont, es sind Panikattacken, die zeigen, dass sich diese Demokratie offensichtlich nur noch als ausgesprochene Kompromisswirtschaft im Krisenmodus versteht.
    Ich bin dennoch dankbar in einer Demokratie, übrigens die „schlechteste aller bekannten Staatsformen, ausgenommen aller anderen“ (Churchill), zu leben.
    Das heißt aber nicht, dass man dieser Demokratie, die 1989 über die DDR und ihre Menschen gekommen ist, keine kritischen Fragen stellen darf und Fehlentwicklungen, die auf einer einsamen, zutiefst antidemokratischen Entscheidung einer Kanzlerin basieren, demonstrativ- auch auf der Straße-unterstreicht.
    Wenn das in Sachsen besonders ausgeprägt ist, nun, ihnen sagt man ja gern nach, dass sie sensibler, präziser und ingenieurmäßiger sind, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit und die Einhaltung von Regeln geht.
    Manche Zeitgeister sehen diese Sensibilisierung unter deren verstellten Blick einer braunen Verschwörung, andere, wie der Schweizer Roger Köppel: „Wir erleben keinen Angriff auf die Demokratie, sondern ihre Verwirklichung“
    Da mich u.a. auch der Uranbergbau in Sachsen viele Jahre geprägt hat, ist mir „mente et malleo“ (Geist und Hammer oder „denke und schlage“) geläufig.
    Bergbau ist anstrengend, gefährlich aber lohnend, wenn man erst den Kopf der Geologen nutzt, um dann mit Hammer und Schlägel das Erz zu gewinnen.
    Sachsen und Bergbau gehören zusammen, begründet sich doch der Reichtum, die kulturelle Vielfalt(!) und die industrielle Entwicklung des Freistaates aus dieser Arbeit.
    Nicht von ungefähr sagt man: „Alles kommt vom Bergwerk her“
    In Abwandlung dessen wünsche ich mir von den Rechtsstaatverwaltern und auch von den Medienschaffenden jenes „mente et malleo“: viel(!) denken und weniger oder erst dann sprechen.
    Dass das hervorragend gelingen kann, hat Herr Schilder eindrucksvoll bewiesen.

  • 12
    0
    jurasi
    04.09.2019

    Ein sehr schöner Artikel, der auch ein Stück weit traurig macht. Traurig auch darüber, dass die Kluft zwischen Ost und West nicht kleiner werden kann. Nicht, wenn zum Beispiel immer noch in den Medien (auch in den öffentlich rechtlichen Medien) sämtliche statistische Umfragen nach Ost und West analysiert werden. Warum werden nicht die Daten von Nord und Süd bei der Sonntagsumfrage zur Wahl verglichen?
    Wenn keiner den Grießbreitopf vom Herd nimmt, wird er auch nicht aufhören überzukochen.

  • 7
    4
    Pelz
    04.09.2019

    @OlafF
    Genauso sieht es aus!!!
    Wenn ich könnte, würde ich Ihrem Beitrag 10 grüne Daumen geben.

  • 13
    6
    HHCL
    04.09.2019

    "... viele kennen Berlin, Bremen und das Ruhrgebiet"

    Was man so kennen nennt, wenn man da mal zur Städtereise oder kurz in den Urlaub hinfährt. Ein gewisser Anteil hat evtl. einen teil der Familie, der dort jetzt lebt und tiefere Einblicke.

    "Sie gehen mit offenen Augen und Ohren durchs Land und sind schon seit geraumer Zeit aus ihrem Tal der Ahnunslosigkeit herausgekommen."

    Auch das ist richtig, nur guckt man oft nur auf die Stellen, die einen interessieren bzw. irgendwie bewegen. Im Ruhrgebiet wird man Beispiele für sehr gelungene Integration beobachten können und man wird Beispiele für gescheiterte Integration, Parallelgesellschaften, etc. "sehen" können. So nimmt jeder mit nach Hause, was er für das wahre Ruhrgebiet oder Berlin hält. So wird es entweder zum Vorbild für gelingende Integration und Migration oder zum Abschreckenden Beispiel.

    Wichtig wäre, dass einem das bewusst wird und man sich angewöhnt auch Dinge anzusehen, die nicht nur die eigene Sicht der Welt unterstreicht. Das tun leider immer weniger. Hier hat sich leider ein Denken breit gemacht, dass alles Fremde als böse, feindselig und bedrohlich einordnet. Wer so in die Welt zieht, wird dort auch nur böses finden und froh sein, wenn er wieder in seiner Parzelle ist und alles genau so erhalten wollen.

  • 15
    0
    Hankman
    04.09.2019

    Wow, großartig. Der Text gibt viel Stoff zum Nach-Denken. Danke! Ich könnte auch viele Seiten füllen mit meinen Vor- und Nachwendeerfahrungen. Da gibt es in der Tat wenig Schwarz und wenig Weiß - dafür Hunderte Grautöne und Schattierungen ... Vielleicht sollten wir wirklich mal anfangen mit dem "großen Erzählen" und uns vergewissern, wer wir sind und warum.

  • 19
    4
    OlafF
    04.09.2019

    @Blackadder: Viele Menschen im Osten haben Erfahrungen mit Migration, viele kennen Berlin, Bremen und das Ruhrgebiet. Sie gehen mit offenen Augen und Ohren durchs Land und sind schon seit geraumer Zeit aus ihrem Tal der Ahnunslosigkeit herausgekommen. Positiv bewerten viele die Integration, wo verschiedene Personengruppen als Quelle von Kreativität und Wohlstand friedlich miteinander leben. Leider stehen Orte, wo bestimmte Personengruppen unter sich bleiben möchten und sich den geltenden gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen nicht anpassen und sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit alimentieren lassen in einem Gegensatz dazu. Erschwert wird die Angelegenheit, weil Polizisten, Richter und Sozialarbeiter meistens andere Migranten kennenlernen, als Künstler, Schauspieler und Intellektuelle. Die arbeitenden und gesellschaftlich aktiven Migranten sind bereits seit langem in unserer Gesellschaft angekommen. Vor denen kann keiner Angst haben....auch keine Wirtschaftsökonomen.

  • 10
    11
    Hinterfragt
    04.09.2019

    Ei,Ei, Ei... da wird doch die DSU als konservativ bezeichnet ...
    Und CDU, ... arbeiteten mit denen zusammen ...
    Ei, Ei, Ei ....

  • 13
    27
    Blackadder
    04.09.2019

    @Olaf: man darf aber auch nicht vergessen, dass die Migrationsangst dort am größten ist, wo die Zahl der Migranten am tiefsten ist. Vielleicht hilft ja auch gegen Migrationsangst einfach ein stärkeres Kennenlernen. Mehr miteinander, Das, was viele im Westen eben schon seit Jahrzehnten haben. Angst hat man oft vor Dingen, die man nicht kennt.

    PS: Kalbitz als dunkler Lord....sehr gelacht. Oder ist er der, dessen Name nicht genannt werden darf?

  • 19
    3
    ChWtr
    04.09.2019

    Dieses Essay von Ronny Schilder unterschreibe ich zu 95%.

    Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen, außer - dass mein Bericht zum momentanen Zustand Mitteldeutschlands, aber auch der in ganz Deutschland, sehr wahrscheinlich noch viel umfangreicher ausfallen würde. Lassen wir das lieber!

    Den letzten Absatz übernehme ich zu 100% und er gibt ein klein wenig Hoffnung.

    "Der Osten hatte die Wahl, und er wollte es so, dass es nach westdeutschen Regeln laufen sollte. Mehr Emanzipation und Eigenverantwortung waren nicht gewünscht; vielleicht wäre das auch nicht realistisch gewesen. Die Beitrittsentscheidung aber brachte Nebenwirkungen mit."

    Mit der obigen These oder Erkenntnis bin ich nicht ganz einverstanden, relativiere jedoch - da die Einschränkung "(...) vielleicht wäre das auch nicht realistisch gewesen (...)" vom Autor selbst nachgeschoben wurde.

    Das das Thema Deutsche Wiedervereinigung so komplex ist, zeigt uns nicht nur das Wahlverhalten "im Osten" - es sind die vielen Umbrüche der ehemaligen DDR Bürger (egal ob Prominent oder nicht!). Und letztlich ist es eine gesamtdeutsche, gesellschaftliche Aufgabe, die Probleme in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands anzupacken und wenigstens versuchen, in den Griff zu bekommen. Da sind wir alle gefragt. Ein weiter so oder die eingestandene, sehr wahrscheinlich unbeabsichtigte öffentliche Erkenntnis der Kanzlerin, "was man denn hätte anders machen können", ist da wenig hilfreich.

  • 21
    10
    OlafF
    04.09.2019

    Migrationsangst kann nur sinken, wenn Integration gelingt. Das hängt jedoch davon ab, ob die Integrationssfägigkeit aller mit dem Wunschdenken einiger zusammenpasst. Eine Bereicherung der Gesellschsft kann also nicht herbeigeredet werden, sondern muss sichtbar sein. Neuköln ist nicht überall und Sachsen ist nicht Berlin.

  • 19
    5
    gura4
    04.09.2019

    Das ist die beste und treffendste Beschreibung der ostdeutschen „Seelenlandschaft“ die ich gelesen habe - es fehlt noch das i-Tüpfelchen "Migrationsangst".



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