Seidentapeten in Wildenfels: Wiedergeburt einer Kostbarkeit

In der DDR hatte man die Rettung aufgegeben, jetzt gelingt Fachleuten Stück für Stück die Wiederherstellung einer einmaligen Wandgestaltung. Zum Europäischen Tag der Restaurierung erklären sie, wie groß der Aufwand ist.

Wildenfels.

Roxana Naumanns Arbeitsgerät ähnelt dem eines Zahnarztes. Mit einer Art Scaler, mit dem der Dentist Zahnstein entfernt, kratzt sie vorsichtig Farbe und Papier von einer hochempfindlichen Oberfläche, Schicht für Schicht. Das lose Material wird abgesaugt, die feinen Strukturen, die zum Vorschein kommen, die Fäden aus Seide und Silber, sind nur durch ein Mikroskop richtig zu erkennen. "Es ist eine Gratwanderung zwischen sauber und kaputt", sagt sie.

Am Sonntag steht die junge Frau vor Besuchern auf Schloss Wildenfels bei Zwickau. Zum zweiten Mal hat der Verband der Restauratoren zum Europäischen Tag der Restaurierung eingeladen. Und hier auf einem Bergsporn am Fuße des Erzgebirges, wo bis 1945 die Grafen zu Solms-Wildenfels ihre Gemächer hatten, wird ein besonderer Schatz gehoben: Seidentapeten aus dem 18.Jahrhundert, die teils bereits als verloren galten. "Das gibt es in Deutschland und Europa wahrscheinlich nicht noch einmal", sagt Roxana Naumann.

Bereits bis zum Jahr 2012 war es gelungen, die Wandbespannungen aus dem Blauen Salon auf Schloss Wildenfels zu restaurieren: filigran gearbeiteter Stoff mit orientalischen Motiven, den Graf Friedrich Ludwig zu Solms-Wildenfels und Tecklenburg 1737 während des Russisch-Österreichischen Türkenkriegs nach der Belagerung der osmanischen Schwarzmeerfestung Otschakow nach Sachsen brachte. Man vermutet, dass die reich mit Silberfäden bestickten seidenen Bespannungen aus dem Zelt des Sultans oder eines osmanischen Kriegsherrn stammen. Die Behänge wiesen zu Beginn der Restaurierung zwar Schäden durch Rußablagerungen auf, waren aber nie übermalt oder mit anderen Tapeten überklebt worden.

Ganz anders war die Lage im Chinesischen Kabinett, einem kleinen Nebenraum auf Schloss Wildenfels. Dort versuchte man in der 1980er-Jahren vergeblich, den kostbaren Seidenbehang unter mehreren Schichten Farbe und DDR-Blümchentapete hervorzuholen. Als die Freilegung misslang, wurde die Wandbespannung abgenommen, eingerollt und in Zwickau eingelagert, wo sie in Vergessenheit geriet. Erst vor einigen Jahren erinnerte man sich wieder an die historische Ausstattung des Chinesischen Kabinetts: Applikationen tauchten auf sowie Fotos des Raumes aus dem privaten Album einer Gouvernante aus der Zeit um 1945. Als man die Tapetenrollen wieder hervorholte, waren die Experten vom Zustand schockiert. "Ich habe selten so viele Kollegen ratlos gesehen", berichtet Christine Kelm vom Landesamt für Denkmalpflege.

Roxana Naumann und ihre Kollegin Henrike Tuchel nahmen sich als selbstständige Restauratorinnen schließlich der schwierigen Aufgabe an. Eine erste Musterbahn wurde wieder aufbereitet und mit - unter einer Zierblende versteckten - Magneten an der Wand befestigt. Fehlstellen wurden mit Japanpapier aus Fasern des Maulbeerbaums aufgefüllt, das eine etwas andere Struktur als der ursprüngliche Seidenstoff hat. Das sei gewollt, sagt Roxana Naumann. "Restaurierung bedeutet nicht neu machen. Die Spuren der Zeit sollen immer ablesbar sein."

Ziel ist es, alle fünf Bahnen in dem Raum wieder herzustellen. All das wird finanziert von Ostdeutscher Sparkassenstiftung, Bund und Land sowie durch private Spenden - im Auftrag des Vereins Freundeskreis Schloss Wildenfels. Dessen Vorsitzender Karl Weiß erinnert am Sonntag an die Gründung des Freundeskreises vor 21 Jahren und ist hocherfreut über die Wiedergeburt der Seidentapeten: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns einmal an solche Objekte heranwagen."

Schloss Wildenfels nahe der Autobahnausfahrt Zwickau Ost ist geöffnet dienstags und donnerstags von 10 bis 18 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr sowie 2019 noch am Sonntag, 20. Oktober sowie am Wochenende 26./27. Oktober von 14 bis 18 Uhr. Eintritt: 3 Euro.

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