Sexuelle Übergriffe in Pobershau: Wohl mehr Missbrauchs-Fälle in Erzgebirge-Kirchgemeinde

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Strafrechtlich sind die sexuellen Übergriffe eines ehrenamtlichen Kirchenmusikers auf mehrere Kinder verjährt. Doch seit Jahresbeginn arbeitet eine unabhängige Kommission die Fälle aus den 90er Jahren auf. Offensichtlich gibt es mehr Betroffene als zuvor bekannt.

Pobershau.

In der Kirchgemeinde Pobershau im Erzgebirge gibt es laut einem Expertenbericht Hinweise auf mehr sexuelle Übergriffe als zuvor bekannt waren. Bislang war von drei Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren die Rede, denen sich ein ehrenamtlicher Kirchenmusiker Ende der 90er Jahre sexuell genähert haben soll. "Aufgrund glaubhafter Angaben der genannten Betroffenen geht die Kommission aktuell davon aus, dass mindestens eine weitere Person betroffen war, dies jedoch nicht öffentlich machen will", heißt es in einem Zwischenbericht der unabhängigen Aufarbeitungskommission, der am Freitag veröffentlicht wurde. Eine weitere Person habe "einen sexualisierten Übergriff verbaler Natur" etwa zehn Jahre nach den anderen Fällen beschrieben.

Die Kommission hatte zu Jahresbeginn ihre Arbeit aufgenommen. Bei einer Informationsveranstaltung im April hatte der evangelische Landesbischof Tobias Bilz Versäumnisse seiner Kirche im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Die Kirche habe lange gebraucht, um richtig handlungsfähig zu sein, beklagte er. "In dieser Zeit haben die betroffenen Frauen auch Erfahrungen gemacht, die sie retraumatisiert haben. Das tut mir außerordentlich leid." Schutzkonzepte und Strategien zur Intervention seien nicht klar genug und notwendige Schritte noch nicht festgelegt gewesen.

Erst durch Einsatz des damaligen Ortspfarrers waren die Vorfälle in Pobershau 2019 öffentlich geworden. Nach Einschätzung der Kommission stellen sich die Übergriffe "ohne vernünftige Zweifel als Straftaten" dar. Sie spricht von sexuellem Missbrauch von Kindern. Ein Strafverfahren war den Angaben nach jedoch 2020 von der Staatsanwaltschaft wegen Verjährung der Taten eingestellt worden. Deswegen hat es keine strafrechtliche Aufarbeitung gegeben. Die Kirche hat die Zusammenarbeit mit dem Musiker beendet.

Den Angaben zufolge haben die Experten der Kommission bis Ende August 18 mehrstündige Anhörungen von Betroffenen und Zeitzeugen geführt. Außerdem wurden vorhandene Dokumente gesichtet, sortiert und gesichert - rund 800 Seiten.

Die Kommission kritisiert in ihrem Zwischenbericht einen Mangel an personellen und finanziellen Ressourcen sowie unklare Verantwortlichkeiten zum Umgang mit solchen Verdachtsfällen in der Landeskirche. Auch seien Handlungsstandards hierzu nicht vorhanden beziehungsweise das Phänomen sexualisierter Gewalt in den Strukturen der Kirche nicht ausreichend bekannt gewesen. Deswegen hätten die Betroffenen und Personen, die mit den Vorfällen konfrontiert wurden, nicht die gebührende Hilfe erfahren können. Das habe bei diesen Menschen teils zu einer extremen Überforderung geführt, heißt es.

Um künftig besser gewappnet zu sein, empfehlen die Experten der Landeskirche ein Interventionsteam aufzubauen. Das könne bei solchen Verdachtsfällen Kirchenverantwortliche vor Ort professionell unterstützen, sodass sie selbst tätig werden. Außerdem müsse sich die Kirche mit dem Thema sexualisierte Gewalt insgesamt stärker auseinandersetzen. Die Kirchgemeinden bräuchten professionelle Unterstützung von Fachleuten, um institutionelle Schutzkonzepte zu erstellen. "Für haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sollten regional in ausreichender Anzahl Präventionsschulungen durch Fachleute angeboten werden, die strukturell abgesichert und transparent sind."

Die Arbeit der Kommission dauert an. Sie will Ende März 2023 in Pobershau einen Abschlussbericht vorstellen. (dpa)

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