Ski Unheil

Herwart hat Ende Oktober ganze Arbeit geleistet. Ausgerechnet dort, wo sich bald auf der Kammloipe Tausende Skilangläufer tummeln wollen, hat der Sturm den Wald unpassierbar gemacht. Die Forstleute müssen es nun richten. Sie stehen unter Druck: von Bürgermeistern, Hoteliers und Wintersportlern.

Klingenthal/Schöneck.

Hansi Lerche haut kein Sturm um. Seit 35 Jahren arbeitet sie im vogtländischen Forst. 2007 musste sie mit ansehen, wie Kyrill in ihren Wäldern wütete und 135.000 Kubikmeter Schadholz hinterließ. Ein Jahrhundertsturm - hieß es damals. Zehn Jahre später erlebt die 60-Jährige mit Herwart schon wieder ein Jahrhundertereignis. Mit jedem Tag, der seither vergangen ist, haben sich die Schadholzmengen erhöht. Denn an viele Stellen gelangen die Forstwirte erst nach und nach. Aktuell geht die Leiterin des Forstbezirks Adorf von 137.650 Kubikmetern Bruchholz durch abgeknickte und umgeworfene Bäume aus. Das ist etwas mehr als 2017 planmäßig geschlagen werden sollte. Ein Viertel der von Herwart im gesamten Sachsenforst zu Fall gebrachten Stämme liegt im Bezirk von Hansi Lerche. Hinzu kommen Schäden im Privatwald. Schätzungen gehen im Vogtland von 11.000 Kubikmetern aus.

Selbst einer sturmerprobten Frau wie Hansi Lerche blutet da das Herz. Auf der Passhöhe in Mühlleithen, 860 Meter über dem Meeresspiegel, schmerzt der Anblick besonders. Dort, wo jeden Winter Skilangläufer in Scharen in die Kammloipe einsteigen, um nach Carlsfeld oder in die entgegengesetzte Richtung nach Schöneck zu laufen, geht derzeit nichts. Absperrbänder und Schilder weisen darauf hin, dass der Wald nicht betreten werden darf. Abgeknickte Fichten säumen den Kammweg. Anstelle dichter Bestände tun sich große Lichtungen auf. Zwischen der Loipenbrücke über der B 283 und dem Rammelsberg im Osten liegen auf einer fünf Kilometer langen Strecke noch etwa 150 Bäume wie Mikadostäbe ineinander geschachtelt, jeder um die 80 Jahre alt.

Benno Künzig, der erst seit einem halben Jahr das Revier Klingenthal leitet und aus Heidelberg ins Vogtland kam, sieht sich vor der Herausforderung seines Lebens. Nicht nur als Forstwirt. Als sächsischer Forstskimeister über die 10-Kilometer-Distanz ist er begeisterter Langläufer. Für ihn kann der Winter eigentlich nicht früh genug beginnen - vor allem seit er nahe von Ostdeutschlands berühmtester Loipe lebt und arbeitet. Doch in diesem Jahr ist das anders. "Wir brauchten trockene Kälte, damit der Boden richtig durchfriert und wir mit unserer Technik hantieren können, ohne den Boden zu sehr zu schädigen", sagt der 29-Jährige. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der seit Oktober andauernde Regen hat den Waldboden in einen Schwamm verwandelt. Er gibt nach, wohin man tritt. Durch die Nässe konnte Herwart viele Fichten gleich mit dem ganzen Wurzelballen umlegen. An vielen Stellen sieht man nur schwer, unter welcher Spannung die Bäume liegen. Genau das müsse ein Forstwirt aber erkennen, damit ihn ein Stamm nicht erschlägt, sagt Künzig.Hansi Lerche spricht von einer Schlammschlacht, in der sich die Forstleute befinden. "Wir machen bewusst fachlichen Blödsinn. Denn eigentlich hätten wir jetzt im Winter keine Eile und könnten uns Zeit nehmen", sagt die Forstchefin. Doch Zeit ist genau das, was sie nicht hat.

Spätestens ab Weihnachten sind die Ferienquartiere in den Kammlagen ausgebucht. Auch in den Februarferien, bestätigt der Bürgermeister von Muldenhammer, Jürgen Mann. 500 Gästebetten sind in seinen sechs Ortsteilen hergerichtet. Das Gros der Wintergäste tummelt sich auf der Kamm- und auf den Ortsloipen. Bis zu 80.000 Läufer frequentieren jedes Jahr allein die Kammloipe zwischen Schöneck und Johanngeorgenstadt. Läge jetzt schon genug Schnee, könnten sie ihre Bretter im Auto lassen. Jürgen Mann, der im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Kammloipe für deren vogtländischen Abschnitt zuständig ist, hält engen Kontakt mit der Forstamtsleiterin Lerche. Wöchentlich bringt sie ihn und alle Anliegerkommunen auf den aktuellen Stand.

Das Gleiche gilt im Eibenstocker Forst, wo die Schäden allerdings bei weitem nicht so groß sind.Hansi Lerche hat die Zusage gegeben, dass bis vor Weihnachten die Kammloipe und die meisten Zubringer beräumt sind. "Wir können allerdings nicht für jede Ortsloipe Buckstürze machen und haben uns deshalb mit den Bürgermeistern auch über einige Ausweichstrecken unterhalten", sagt Lerche. Das betrifft zum Beispiel die Zubringer vom Sachsengrund zum Kamm und von Hammerbrücke Richtung Schneckenstein, der auch durch Privatwald führt. Dass der Forst sein Versprechen halten kann, hofft auch Familie Goldhahn. Sie betreibt direkt an der Kammloipe in Mühlleithen ein Ferienhotel mit 60 Betten. "Der Winter ist für uns die Hauptsaison. Da sind wir zu 100 Prozent ausgelastet", umreißt Senior-Chefin Christine Goldhahn den Stellenwert der weißen Jahreszeit. Die Hälfte der Gäste buche schon ein Jahr im Voraus und natürlich kämen alle wegen der exzellenten Kammloipe. Eine große Werbetafel mit rotem Richtungspfeil weist auf dem Kamm den Weg zu ihrem Hotel. Doch der ist im Moment noch abgesperrt. Denn hinter den Ferienquartieren von Mühlleithen steht faktisch kein Baum mehr. "Es gab in den vergangenen Wochen immer wieder Anfragen, ob denn die Skisaison gesichert sei", berichtet Christine Goldhahn. Manchmal weiß sie selbst nicht, woher sie ihre Zuversicht nimmt.

Auf der böhmischen Seite des Kamms, wo der Sturm noch mehr wütete und eine Million Kubikmeter Schadholz hinterließ, geht man das Problem anders an. Dort gab es Anfang November einen Erlass, wonach die Loipen und Wanderwege zwischen Bublava nahe Klingenthal und Prebuz unweit von Weitersglashütte bis 31. März 2018 gesperrt bleiben. Am Skihang von Bublava hatte Herwart sogar zwei Masten eines Sessellifts abgeknickt. "Wir sind froh, dass der Sachsenforst das Problem anders angeht", sagt Thomas Meisinger, der jedes Jahr zirka zwölf Kilometer Kammloipe im vogtländischen Abschnitt mit seinem riesigen Spurgerät präpariert. Allerdings weiß er auch: Je schlechter der Forst die Wege hinterlässt, umso höher muss der Schnee liegen, um ordentliche Loipen zu legen.Forstamtsleiterin Lerche weiß, dass manche Wege aussehen wie nach einen Bombenangriff. Bis zu einem halben Meter tief graben sich die Räder der schweren Technik in den weichen Boden. "Wir werden immer wieder gefragt, warum wir nicht mit Pferden arbeiten", erzählt Lerche. "Aber da würden wir Jahre brauchen, bis der Wald beräumt ist." Außerdem sei der Einsatz von Pferden zum Rücken der Stämme gerade in Hanglagen für die Tiere lebensgefährlich. Lerche hofft, mit Baggern die Wege noch vor Weihnachten halbwegs planieren zu können.

Unweit der Talsperre Muldenberg kontrolliert Revierförster Steffen Fiedler, wie die Arbeiten vorankommen. Hier, wie auch in anderen Bereichen des Forstamtes Adorf, werden die Sachsenforstbeschäftigten von Privatunternehmen unterstützt. Dazu gehört die Firma Forstdienste von Marvin Warg, der als sogenannter Abstocker mit der gefährlichsten aller Arbeiten befasst ist: Man trennt mit einer Motorsäge umgeworfene Stämme von dem mächtigen Wurzelteller. "Da muss man vorher abschätzen, in welche Richtung der fällt", sagt der 26-Jährige. Und er müsse auch sehen, dass ihm der Stamm nach dem Absägen nicht um die Ohren fliegt. Einen "Fluchtweg" hat er immer im Blick.

Erst wenn Männer wie Warg fertig sind, kommen Harvester zum Einsatz. Jene Multitalente, die den Stamm aufnehmen, blitzschnell entasten, auf die gewünschten Längen zersägen und am Wegesrand ablegen. Ein einziger Mann bedient die Maschine. Etwa 100 Jahre alt ist die Fichte, die Jens Müller vom Forstunternehmen Pöhler am Wanderweg zum Schneckenstein gerade hochzerrt. Hansi Lerche zeigt auf Schonungen mit jungen Weißtannen. Ihre Zäune wurden durch umgestürzte Bäume niedergerissen. "Auch hier müssen wir ganz schnell etwas tun. Sonst waren alle unsere Bemühungen zum Waldumbau umsonst." "Viele Schonungen sind im Moment ein gedeckter Tisch für das Wild."

Bilder vom Zustand der Kammloipe liefern fünf Webcams auf www.kammloipe.com

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