SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig im Portrait: Lieber auf Augenhöhe

Martin Dulig ist seit 2014 Sachsens Wirtschaftsminister und zugleich Stellvertreter des Ministerpräsidenten. Er kämpft darum, dass die SPD wieder die Chance zur Regierungsbildung bekommt. Denn er will regieren, um etwas zu verändern.

Chemnitz/Dresden.

Im Straßenwahlkampf hat Martin Dulig immer einen kleines rotes Podest dabei. "Fünf Minuten Dulig", steht auf den Seiten des vielleicht 25 Zentimeter hohen Quaders. Bei seinen ersten Auftritten in Fußgängerzonen stieg er auf das Podest und hielt eine kurze Rede über das, was ihm und seiner SPD am Herzen liegt, wie er sich die Zukunft in Sachsen vorstellt. Doch so richtig wohl hat der 45-Jährige sich auf der Kiste nicht gefühlt. Einmal wäre er sogar beinahe gestürzt, weil er sich bei seiner Rede zu heftig bewegt hat. Deshalb steht er jetzt immer neben seiner roten Box und versucht, die Passanten zum Zuhören zu bewegen. "Das ist besser so, ich rede zu den Leuten lieber auf Augenhöhe", sagt der SPD-Spitzenkandidat.

Das ist nicht zuletzt das Credo seines Wahlkampfes für die Landtagswahl, bei der es für Dulig auch um das politische Überleben geht. Schon bei der Wahl 2014 war das Ergebnis mit 12,4 Prozent nicht berauschend, obwohl die Sozialdemokraten um zwei Prozentpunkte zulegen konnten. Nach aktuellen Umfragen würde die SPD nur noch ein einstelliges Ergebnis einfahren. Das wäre zu wenig, um die Koalition mit der CDU in Dresden fortsetzen zu können. Trotzdem bleibt Duligs Ziel eine stabile Regierung im Freistaat. "Es gehört zu meinem Anspruch, dass die SPD gestalten will. Wir brauchen eine Trotzreaktion aus Zuversicht", sagt der sächsische SPD-Vorsitzende.

Zuversicht ist so etwas wie das Leitmotiv seines Wahlkampfes. Der Vater von sechs Kindern und Großvater von inzwischen drei Enkelkindern ist den Missmut und die diffuse Unzufriedenheit seiner sächsischen Mitbürger leid. "Ich möchte in einem Land leben, in dem nicht Angst, Sorge und Missgunst, sondern Lebensfreude, Zuversicht und Zufriedenheit herrschen. Dazu haben wir in Sachsen allen Grund", sagt Dulig. Statt über Migrationspolitik und rechte Gewalt diskutiert er mit Schauspielern, Schriftstellern und anderen Kulturschaffenden. "Einfach mal über Glück reden", hieß eine Diskussionsrunde in Pirna mit der Schauspielerin und Fotografin Judith Döker. Oder "einfach mal über Mut reden" ein Gespräch mit der Regisseurin Mo Asumang in Dresden. Dulig will bewusst das Positive in den Vordergrund rücken. "Schlechte Nachrichten und Missmut gibt es genug", erklärt der SPD-Politiker seinen Ansatz.

Entsprechend ist auch die Kampagne der sächsischen SPD auf ihren Spitzenkandidaten zugeschnitten. Sie soll für Zuversicht, Hoffnung und eine neue Aufbruchstimmung stehen. "Was mir am Herzen liegt", heißt es auf den Großplakaten. "Martin Dulig ist ein Politiker, dem die Menschen vertrauen. Seine hohen Sympathiewerte zeigen: Martin Dulig steht für die Leidenschaft, die Zukunft zu gestalten und gleichzeitig unsere demokratischen Werte zu verteidigen", sagt Henning Homann, der als SPD-Generalsekretär den Wahlkampf leitet.

Sich den Menschen auf Augenhöhe zuzuwenden, das hat der im vogtländischen Plauen geborene Diplompädagoge schon als Jugendlicher gelernt. Er war in der Jungen Gemeinde aktiv, die er nicht nur als christliche Gemeinschaft kennenlernte, sondern auch als eine Organisation von Jugendlichen, in der bereits vor der Friedlichen Revolution 1989 die Ideen von Demokratie und Toleranz gelebt wurden.

Duligs Familie zog 1983 nach Moritzburg, wo er immer noch lebt. Nachdem er 1990 seine Berufsausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur begann, wurde er 1992 Mitglied der SPD. Dann hat ihn die politische Arbeit gepackt. Sechs Jahre bis 1998 arbeitete er als Jugendbildungsreferent der SPD. 1999 gründete er zusammen mit Freunden den Verein Netzwerk für Demokratie und Courage, dessen Bundesvorsitzender er noch immer ist. Als Mitbegründer der Jusos Sachsen war Martin Dulig in den Jahren 1999 bis 2004 deren Landesvorsitzender. 2000 schaffte er es erstmals in den SPD-Landesvorstand.

Neben der politischen Arbeit studierte Dulig Erziehungswissenschaften an der TU Dresden. 2004 schloss er sein Studium, währenddessen er freiberuflich als Trainer in der Erwachsenenbildung jobbte, als Diplompädagoge ab. Im selben Jahr wurde er erstmals in den Sächsischen Landtag gewählt. Drei Jahre lang war er Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion, bevor er 2007 das Amt des Fraktionsvorsitzenden von seinem Vorgänger Cornelius Weiss übernahm. Seit 2009 ist Dulig als Nachfolger von Thomas Jurk auch Vorsitzender der SPD Sachsen. Nach der Bildung der Koalition mit der CDU wurde er im November 2014 Sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr sowie Vizeministerpräsident des Freistaates.

Als sächsischer Wirtschaftsminister reist Dulig fast wie ein Missionar durchs Land, um die Unternehmer aufzurütteln, sich konzentrierter und zielstrebiger auf die Zukunft vorzubereiten. "Wenn es wehtut, ist es zu spät. Die Unternehmen müssen jetzt etwas tun", erklärt der Minister. Er komme meist von Auslandsreisen sehr nachdenklich zurück, weil es dort oft innovativer und kreativer zugeht. "Ich habe manchmal das Gefühl, wir sitzen hier auf einem ganz schön hohen Ross", sagt Dulig. Für ihn befindet sich Sachsen industriepolitisch in einer Zeitenwende. An der Digitalisierung komme niemand vorbei. "Wir sollten uns erden. Wir brauchen in der Wirtschaft das Bewusstsein, zehn Jahre vorauszudenken", meint der Wirtschaftsminister. Seine feste Überzeugung: Sachsen braucht einen neuen Innovationsschub.

Im Wahlkampf setzt sich Dulig vor allem auch für den Nachwuchs ein. "Hort und Kitas kostenlos", heißt die konkrete Forderung auf den Wahlplakaten. Als sechsfacher Vater, so denkt er, kann ihm da niemand die Glaubwürdigkeit absprechen. Für Dulig ist die Forderung nach kostenloser Bildung und Betreuung ein Hebel, um den Geldbeutel junger Familien zu entlasten.

Bisher nicht ganz aufgegangen ist seine Strategie, die Große Koalition in Berlin endlich zu einer Entscheidung bei der Grundrente noch vor dem Termin der Landtagswahl zu treiben. Allein in Sachsen würden rund 240.000 Rentner sofort profitieren und mehr Rente erhalten. Für den SPD-Politiker ist das Thema Grundrente eine Frage des Respekts. "Friseurinnen, Paketboten und Putzfrauen leisten viel für unsere Gesellschaft. Dennoch droht vielen am Ende ihres Berufslebens die Altersarmut", schrieb Dulig als Ostbeauftragter seiner Partei an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Man könne nicht immer nur davon reden, dass die Menschen im Alter vernünftig leben sollen, man müsse auch etwas dafür tun, schrieb er weiter. "Respekt vor dem Geleisteten", heißt es auf den Wahlplakaten. Doch in Berlin wurde nur kurz aufgehorcht, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Eine Entscheidung über die Grundrente falle im Herbst, hieß es unisono - zu spät, um die Landtagswahl noch im Sinne der SPD zu beeinflussen.

Der Wahlkämpfer Dulig ist davon überzeugt, vor der schwierigsten Landtagswahl seit 25 Jahren zu stehen - einer Richtungsentscheidung. "Ich will kein Sachsen der Verzagtheit, der Sorge und der Angst. Ich will ein Sachsen, in dem man respektvoll und anständig miteinander umgeht", sagt der SPD-Politiker und reist deshalb ohne Unterbrechung mit seinem Küchentisch durch die Lande, wie schon seit mehr als drei Jahren. Die Küchentischtour ist ein Format, um mit den Wählerinnen und Wählern Gespräche zu führen - auf Augenhöhe.


Fünf Fragen an Martin Dulig


Aus dem Wahlprogramm der SPD Sachsen

Kinder und Familie

Die SPD Sachsen will gute Bildung für alle und den Geldbeutel der Eltern schonen. Deshalb soll der Hort nichts kosten - und dann Schritt für Schritt auch die Kindertagesstätten. Außerdem soll die Betreuung der Kleinsten verbessert werden. Langfristig sollen 6000 neue Erzieherinnen und Erzieher eingestellt werden.

Bildung

An den Schulen strebt die sächsische SPD längeres gemeinsames Lernen an. Die Schülerinnen und Schüler sollen nicht schon nach der vierten Klasse getrennt werden. Die Lehrpläne sollen modernisiert werden. Es sollen mehr praktisches Wissen und soziale Werte vermittelt werden. Der Digitalpakt soll zügig umgesetzt werden.

Verkehr

Mit einer Landesverkehrsgesellschaft will die SPD die Kleinstaaterei der Verkehrsverbünde überwinden und für ein einheitliches, einfaches und preiswertes Tarifsystem sorgen. Außerdem will die SPD die Straßenausbaubeiträge abschaffen.

Klimaschutz und Energiepolitik

Sachsens SPD will bis spätestens 2038 aus der Kohle aussteigen, wenn möglich, auch früher. Bis 2050 soll Sachsen sich vollständig aus erneuerbaren Energien versorgen.

Polizei, Recht und Verwaltung

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung soll forciert werden. Die SPD ist für die Kennzeichnung von Polizeibeamtinnen und -beamten. Die Arbeit in der sächsischen Justiz soll attraktiver werden.

Wohnen, medizinische Versorgung

Die Mieten in Großstädten sollen gedeckelt werden. Ein Pflegetarifvertrag und Polikliniken sollen die medizinische Versorgung verbessern. (cul)

Zum Landtagswahl-Spezial

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    Nixnuzz
    16.08.2019

    Vielleicht wäre es sinnvoll von Ihm, mal aufzuzeigen, was in der Handlungsmacht Sachsens runter bis zu den Dörfern und Gemeinden liegt. Wo endet der schöne Ruf nach "dem Staat" wenn vieles vor der eigenen Haustür zwecks Handlung liegt? Worin liegt Sachsens eigene Handlungsvollmacht? Worin liegen die Unmöglichkeiten des Landes? Zur Wahrheit gehören wohl auch Informationen an den Wähler, was eine SPD für Sachsen regional weder Machen noch Versprechen kann? Als sächsischer Wirtschaftsminister..kennt er doch die Hauhaltslage? Jeder Wähler kennt doch sein persönliches "Soll und Haben"? Vielleicht hört sich demgegenüber politisch das "Haben und Soll" etwas progressiver an?..Dann klappts auch mit dem Flug zum Mars...

  • 4
    1
    Blackadder
    16.08.2019

    Stonep: Das Wahlprogramm und das, was man will in allen Ehren, aber wenn man sich als SPD in den Jahren der Mitregierung so von der CDU vorführen lässt, bleibt ein schales Gefühl (z.B. Polizeigesetz!).

  • 4
    5
    Hinterfragt
    16.08.2019

    "...Philipp Morris investiert in ein großes Logistikzentrum in Leipzig. Auch in Leipzig am Flughafen entsteht ein Werk zum Flugzeugbau. Das schafft gute Arbeitsplätze in Sachsen. ..."

    Wow!
    - Sind es nicht die Produkte von Philipp Morris, die Menschen krank machen und töten? Die u.a. enorme Kosten für die Krankenkassen und Krankenhäuser verursachen?
    - Flugzeugbau - für was, der Flugverkehr soll doch durch Verteuerung eingeschränkt werden? Wegen CO² schon davon gehört?

    "...Seit Jahren arbeitet er einen Tag lang mit in verschiedenen Firmen und erfährt, wie es ist, ..."
    ... Mindestlohn zu bekommen, bzw. mehrere Jobs zu haben um mit der Familie über die Runden zu kommen?

    @SPDSachsen, glauben Sie eigentlich selber an Ihr Geschriebenes?

  • 6
    9
    SPDSachsen
    15.08.2019

    Martin Dulig setzt sich wirklich für Sachsen ein. Auch in Berlin z. B. für die Grundrente. Erst in dieser Woche gab es wieder tolle Nachrichten aus dem Bereich Wirtschaft. Philipp Morris investiert in ein großes Logistikzentrum in Leipzig. Auch in Leipzig am Flughafen entsteht ein Werk zum Flugzeugbau. Das schafft gute Arbeitsplätze in Sachsen. Außerdem geht die Arbeitslosigkeit zurück, der Minister kümmert sich um Langzeitarbeitslose und hat ein eines Programm aufgesetzt und für junge Leute gibt es endlich Jugendberufsagenturen, die sich kümmern wenn Jugendliche die Schule verlassen und einen Job suchen.
    Und er hat ein Ohr für die Unternehmer (egal ob groß oder klein) und die Beschäftigten. Seit Jahren arbeitet er einen Tag lang mit in verschiedenen Firmen und erfährt, wie es ist, Dachdecker zu sein, Bäcker, ein Hostel zu haben und und und... Das hat kein Minister vor ihm gemacht! Hut ab.

  • 8
    7
    Stonep
    15.08.2019

    Das Wahlprogramm liest sich wirklich gut. Ich hoffe, sie stürzt nicht ganz ab.

  • 4
    2
    Zeitungss
    15.08.2019

    @Maschinenbauer: ? ? ? ? ? Viele angefangene Baustellen !

  • 9
    1
    Maschinenbauer
    15.08.2019

    Das sind viele schöne Worte. Doch was hat Herr Dulig selbst in den letzten 5 Jahren als Wirtschaftsminister bewirkt?



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...