Studie: Sachsen bundesweit Schlusslicht bei der Tarifbindung

Weniger Geld, längere Arbeitszeiten: Beschäftigte ohne Tarifvertrag müssen Abstriche in Kauf nehmen. Gewerkschaft und Wissenschaftler machen auch die jahrelange Niedriglohnpolitik dafür verantwortlich.

Dresden (dpa/sn) - Nirgendwo in Deutschland werden so wenige Beschäftigte nach Tarif bezahlt wie in Sachsen. Das geht aus einer am Freitag in Dresden vorgestellten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Demnach haben im Freistaat 39 Prozent der Beschäftigten einen Tarifvertrag, in den übrigen ostdeutschen Ländern sind es den Angaben zufolge im Durchschnitt 46 Prozent. In den westlichen Bundesländern werden mit 57 Prozent deutlich mehr als die Hälfte der Beschäftigten nach Tarif bezahlt. Bundesweit liegt die Tarifbindung der Mitarbeiter bei 55 Prozent.

Die niedrige Tarifbindung sei auch das Ergebnis eines über Jahre hinweg von der Politik propagierten Bildes von Sachsen als Billiglohnland, hieß es. Die Folgen für viele Beschäftigte in Unternehmen ohne Tarif: Weniger Lohn und längere Arbeitszeiten. Für ihre Studie im Auftrag des DGB Sachsen haben die Wissenschaftler unter anderem Daten des Statistischen Bundesamtes sowie das Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 2017 ausgewertet.

«In ganz Deutschland gibt es eine Erosion bei der Tarifbindung», sagte der Referatsleiter für Arbeits- und Tarifpolitik beim WSI, Thorsten Schulte. In Sachsen zeige sich die Situation besonders dramatisch. Mitte der 1990er Jahre hatten im Freistaat noch rund 70 Prozent der Angestellten einen Tarifvertrag in der Tasche. Nach Einschätzung der Wissenschaftler liegt das aber nicht an der kleinteiligen Wirtschaftsstruktur oder den Branchen, sondern vielmehr an Einstellung von Politik und Unternehmen: «Sachsen ist Schlusslicht, obwohl es einen starken industriellen Kern hat», so Schulte. So sei etwa in der Branche der Metall- und Elektroindustrie die Tarifbindung mit einem Drittel besonders schwach.

Sachsenweit gibt es große Unterschiede: Am unteren Ende rangiert die Land- und Forstwirtschaft mit einer Tarifbindung von vier Prozent, Spitzenreiter ist die Öffentliche Verwaltung mit 96 Prozent.

Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner, zugleich Präsident von Sachsenmetall, übte Kritik an den Gewerkschaften und verwies auf die im Grundgesetz festgeschriebene Tarifautonomie. Demnach könnten Unternehmen und Arbeitnehmer ihre Arbeitsbeziehung unabhängig vom Staat regeln. Diesen Weg wählten die meisten Beschäftigten, weil die «übergroße Zahl der Unternehmen» fair und leistungsgerecht bezahle, so Brückner. Seiner Ansicht nach werde die Tarifbindung erst dann steigen, wenn nicht mehr «Höchstbedingungen» werden, sondern lediglich ein Rahmen, der im Betrieb ausgestattet werde.

«Wir müssen auf Aufholjagd gehen», forderte dagegen Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach. Zwar habe sich seit der Regierungsbeteiligung der SPD im Jahr 2014 einiges geändert, so Schlimbach und verwies auf die Bonusregelungen für tarifgebundene Unternehmen. Es brauche aber mehr solcher Schritte - unter anderem ein Tariftreue- und Vergabegesetz. «Da erhoffe ich mir mehr von der künftigen Landesregierung.» Erst am Donnerstag hatte sich Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) für mehr Tarifbindung der Betriebe ausgesprochen. Laut Studie sind in Sachsen 15 Prozent der Betriebe an einen Tarifvertrag gebunden.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...