Studie: Sachsen ist bundesweit Schlusslicht bei Tarifbindung

Gerade einmal 39 Prozent der Beschäftigten werden im Freistaat nach Tarif bezahlt. Welche Ursachen hat diese Sonderstellung?

Dresden.

Nirgendwo in Deutschland werden so wenige Beschäftigte nach Tarif bezahlt wie in Sachsen. Laut einer am Freitag in Dresden vorgestellten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wurden 2017 nur 39 Prozent der Beschäftigten nach Tarif entlohnt.

In den übrigen ostdeutschen Ländern seien es 46 Prozent gewesen, im gesamten Bundesgebiet 55 Prozent. Für ihre Studie im Auftrag des DGB Sachsen werteten die Forscher um WSI-Referatsleiter Thorsten Schulten Datenmaterial des Statistischen Bundesamtes sowie mehrere Zeitreihen aus dem Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus.

Demnach ist die Tarifbindung zwar in ganz Deutschland seit Mitte der 1990er-Jahre rückläufig - in Sachsen sei dieser Negativtrend jedoch "besonders dramatisch" ausgefallen, hieß es unter Verweis darauf, dass Mitte der 1990er-Jahre noch rund 70 Prozent der Beschäftigten nach Tarif bezahlt worden seien.

Laut Schulten lässt sich Sachsens geringe Tarifbindung nicht mit Strukturmerkmalen wie den kleinteiligen Betrieben oder der Branchenzusammensetzung begründen. "Sachsen ist Schlusslicht, obwohl es einen starken industriellen Kern hat", betonte der Wissenschaftler. So sei etwa in der Metall- und Elektroindustrie - in der in Sachsen wie auch in Westdeutschland etwa jeder zehnte Arbeitnehmer, in den anderen ostdeutschen Ländern hingegen nur jeder 20. beschäftigt ist - die Tarifbindung mit nur einem Drittel besonders schwach.

Das Ausbleiben einer strukturell erwartbaren höheren Tarifbindung führen die Forscher nicht nur auf die "Tarifflucht einzelner Unternehmer" etwa in der Metallbranche zurück, sondern auch auf "besondere politische Rahmenbedingungen". Dazu verweisen sie auf das lange zur Investorenwerbung gepflegte Leitbild des "Billiglohnlandes Sachsen".

DGB-Landeschef Markus Schlimbach hält nun eine "Aufholjagd" für erforderlich. Dazu schlug er eine Tariftreueklausel für das Vergabegesetz vor. Dies befürwortet auch SPD-Landeschef Martin Dulig, der sich damit als Wirtschaftsminister seit 2014 nicht gegen Vorbehalte von Koalitionspartner CDU durchsetzen konnte. Die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft will erst nach einer "wissenschaftlichen Prüfung" der Studie Stellung nehmen. Der Landeschef des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, Alexander Krauß, forderte eine Stärkung der Tarifbindung: "Es kann uns nicht zufriedenstellen, wenn nicht einmal vier von zehn Beschäftigten nach Tarif bezahlt werden."

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
4Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 1
    0
    Zeitungss
    12.05.2019

    @jever..: Ein Antwort mit ähnlichen Inhalt hat das Licht der Welt leider nicht erblickt, das Soll der Zensur war noch nicht erfüllt, der Inhalt zu den Ursachen lief mit der Realität synchron, passte aber nicht ins CDU-Sachsen.

  • 1
    0
    Zeitungss
    12.05.2019

    Dieser Punkt geht klar an Sachsen. Demnächst fährt wieder einmal ein Sonderzug auf "Einkaufstour" , einmal Ordnung schaffen fällt hier niemanden ein. Sonntagsreden helfen dabei recht wenig, es sollten schon Taten sein, was man in der Dresdener Hofburg zwar weiß, aber nichts dagegen unternehmen möchte, so mancher Bürger wird auch den Grund dafür kennen. In der Hofburg selbst ist die Bezahlung bekanntlich zukunftsweisend organisiert, Leistungen fürs Volk sollten aus dieser Gegebenheit nicht abgeleitet werden.

  • 6
    1
    jeverfanchemnitz
    11.05.2019

    Weiß nun jeder warum unsere jungen Leute das ach so schöne Sachsen verlassen und warum uns Fachkräfte in fast allen Branchen fehlen? Danke CDU. Billiglohnwerbung seit der Wende. Tolle Leistung.

  • 5
    3
    cn3boj00
    11.05.2019

    Sachsen ist bei Tarifbindung Schlusslicht, und beim Bruttoeinkommen vorletzter.
    Bei den Diäten im Landtag, die demnächst auf fast 6000 Euro angehoben werden, rangiert Sachsen dank der großzügigsten Aufwandspauschalen aller Landtage auf Platz 2 knapp hinter Bayern. Da die Diäten versteuert, die Aufwandspauschale dagegen steuerfrei ist, dürften die Netto-Bezüge der Ageordneten die von Bayern sogar übertreffen. Bei der Werbung als Billiglohnland, wo Tarife ein Fremdwort sind, haben Sachsens Politiker sich selber natürlich ausgenommen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...