Taube Ohren

Gehörlose Kinder haben ein Recht auf barrierefreie Bildung. Doch in Sachsen gibt es keine Schule, an der regulär auch in Gebärdensprache unterrichtet wird. Sozialämter lehnen Anträge für Dolmetscher zudem häufig ab. Unter Eltern der betroffenen Kinder regt sich Widerstand.

Chemnitz/Dresden.

Der Motor brummt, während die Reifen und Achsen unter dem tonnenschweren Gewicht des Lkw quietschen. Der Fahrtwind rauscht, als der Laster vorbeirollt. Eigentlich nicht zu überhören. Doch für den mittlerweile sechsjährigen Willi aus Dresden waren diese Geräusche, die etwa 90 Dezibel entsprechen, bei einem Hörtest kurz nach seiner Geburt nicht wahrnehmbar. Und für seine Eltern Magdalena und Roberto Stenzel war es unvorstellbar, dass ihr Sohn gehörlos geboren sein könnte. Willi bekam ein Hörgerät, aber auch damit reagierte er nicht. Ein weiterer Test, diesmal mit 120 Dezibel, brachte Gewissheit. So laut ist immerhin ein startender Düsenjet. Willi ist einer von 80.000 Gehörlosen in Deutschland.

In der Klinik bekam Magdalena Stenzel zu hören, was ihr später noch häufiger begegnen sollte: Gebärdensprache sei Unsinn. Sie hindere das Kind womöglich daran, die Sprache richtig zu erlernen, zumal Stenzel und ihr Mann ja selbst die Gebärdensprache nicht beherrschen würden. Magdalena Stenzel, eine junge, engagierte Frau mit braunen, kurzen Locken, nahm Kontakt zur Frühförderung für gehörlose Kinder auf, doch auch dort konnte man ihr kein Angebot für Gebärdensprache machen. Die Lösung der Mediziner: ein Cochlea-Implantat. Die Cochlea ist die Hörschnecke im Ohr. Während Hörgeräte lediglich die Lautstärke von Geräuschen erhöhen, können solche Implantate die Funktion der beschädigten Teile des Innenohrs übernehmen und Audiosignale an das Gehirn übertragen. Dafür muss der Hörnerv aber noch funktionsfähig sein. Ab sechs Monaten kann Babys diese Hörprothese eingesetzt werden. Willi wurde mit elf und dreizehn Monaten jeweils unter Vollnarkose operiert.

Sie habe sich an den Erfolg dieses Implantats geklammert, sagt Magdalena Stenzel. "Damit sollte er geheilt sein." Tatsächlich konnte Willi nun endlich Geräusche wahrnehmen. Doch spätestens nachts, beim Schwimmen oder bei leeren Batterien war er wieder in seiner eigenen, stillen Welt - abgeschnitten von seinen Eltern. Damit fand sich Magdalena Stenzel nicht ab. Sie machte sich schlau, las Bücher zum Thema und versuchte es, wie schon in den Monaten zuvor, weiter mit Babyzeichen. Und Willi begann, sich mitzuteilen. Seine erste Gebärde: Licht. Dafür öffnet und schließt der Junge die Hand auf Kopfhöhe. Licht an, Licht aus. Mit anderthalb Jahren habe Willi bereits 50 Gebärden aktiv verwenden können. "Aber nicht das Sprechen vergessen", wurde Magdalena Stenzel stets bei der Frühpädagogik ermahnt.

Eine verbreitete Haltung hierzulande, weiß die Entwicklungspsychologin und Buchautorin Gisela Szagun. Anders als zum Beispiel in den Niederlanden oder Großbritannien hat die Gebärdensprache in Deutschland einen schwierigen Stand, gilt als rückschrittlich. Szagun sagt hingegen: Sprache ist wichtig für die geistige Entwicklung des Kindes, nicht nur fürs Verständigen. Das gelte sowohl für Laut- als auch für Gebärdensprache. Letztere sei besonders für Kinder mit einem Cochlea-Implantat nützlich, die Probleme haben, das Sprechen zu lernen. Die spätere Lautsprache könne auf die Gebärdensprache aufbauen, statt durch sie behindert zu werden. Und die Kinder könnten durch die Zweisprachigkeit nur gewinnen.

Willi ist heute sechs Jahre, spricht mit seinen Eltern in Lautsprache, die wiederum antworten häufig mit Gebärdensprache. Nun sucht die Familie eine geeignete Schule für ihn. Gar nicht so einfach, denn in Sachsen gibt es keine Regelschule oder Förderschule für Hörgeschädigte, die bilingual, also in Gebärden- und in Lautsprache unterrichtet. Ein solches, bundesweit einzigartiges Inklusionsprojekt gibt es lediglich an einer Gemeinschaftsschule in Erfurt.

820 Schülerinnen und Schüler in Sachsen haben laut Kultusministerium den Förderschwerpunkt Hören. Nur sehr wenige davon seien gehörlos oder würden überwiegend in Gebärdensprache kommunizieren, sagt eine Sprecherin. Genaue Statistiken gebe es dazu aber nicht.

Die meisten von ihnen gehen dem Kultusministerium zufolge auf eine Förderschule für Hörgeschädigte. Davon gibt es in Sachsen drei, in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Die Georg-Götz-Schule, ein viergeschossiger, bewachsener Bau im Chemnitzer Stadtteil Kapellenberg, war ursprünglich mal für Schwerhörige ausgelegt. Von etwas mehr als 120 Schülerinnen und Schülern sind heute fünf gehörlos, im kommenden Schuljahr werden es sechs. "Ihr Anteil ist im gesamten Bundesgebiet kleiner geworden", sagt Schulleiterin Kristina Funk, und verweist auf moderne Technik, wie zum Beispiel die Cochlea-Implantate. Funk spricht mit ruhiger, langsamer Stimme. Ihr und ihren Kolleginnen ist anzumerken, dass sie es gewohnt sind, besonders deutlich zu reden. Dass sie das gegenüber Normalhörigen nicht immer gleich ablegen, darüber müssen die Frauen selbst schmunzeln.

Die Klassen sind sehr heterogen: Gehörlose sitzen neben Kindern mit Hörgeräten oder mit AVWS, kurz für Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung - das Gehörte wird dabei vom intakten Ohr nicht vollständig durch das Gehirn verarbeitet. Eine große Herausforderung für die Lehrkräfte. Damit sie und die Kinder sich möglichst gut verstehen, tragen sie sogenannte Klassenhöranlagen um den Hals, die wie ein I-Pod aussehen und sich mit ihren Hörgeräten oder Implantaten verbinden. Kinder mit AVWS tragen zusätzlich Kopfhörer. Gerade lernen die Erstklässler den Buchstaben "Q", für hörgeschädigte und gehörlose Kinder besonders schwierig. "Sie sehen die Artikulationsstelle nicht", erklärt Schulleiterin Funk. Einfacher seien Vokale, bei denen sich der Mund deutlich formt. Die Kinder lernen nicht nur, den Buchstaben korrekt auszusprechen, sondern auch das entsprechende Mundbild und Zeichen im Fingeralphabet. Für "Q" formt eines der gehörlosen Mädchen Daumen und Zeigefinger zu einem Bogen, der nach unten zeigt.

Die Grundschule dauert an der Georg-Götz-Schule ein Jahr länger und es gibt mehr Deutschunterricht. Ansonsten unterscheidet sich der Lehrplan nicht. Die Kinder können hier von der ersten bis zur zehnten Klasse lernen und einen Haupt- oder Realschulabschluss machen. "Es besteht jederzeit die Möglichkeit, an eine Regelschule zu wechseln", sagt Schulleiterin Funk. Auch deshalb sei es wichtig, dass der Unterricht an der Förderschule in Lautsprache stattfindet. Die Lehrkräfte nutzen zusätzlich die lautbegleitenden Gebärden. Dabei werden einzelne Worte durch Gebärden ausgedrückt. Die Gebärdensprache ist in Deutschland seit 2002 eine anerkannte Sprache, mit eigener Grammatik. Das Verb steht dabei am Satzende. Für die gehörlosen Kinder gibt es in der fünften und siebten Klasse einen Gebärdensprachkurs, der auch für alle anderen offen ist.

Das reichte den Eltern einer gehörlosen Schülerin, die die zehnte Klasse der Georg-Götz-Schule besuchte, zuletzt nicht mehr. Sie klagten im März dieses Jahres vor dem Landessozialgericht in Chemnitz, dass ihrer Tochter ein Dolmetscher für Gebärdensprache gestellt werden müsse und der Sozialhilfeträger die Kosten dafür zu tragen habe. Das Gericht gab ihnen Recht.

Dabei haben Gehörlose ohnehin einen Anspruch auf Eingliederungshilfe. Gebärdensprachkurse für sich und ihren Mann muss Magdalena Stenzel wiederum beim Jugendamt beantragen. Beides sei problematisch. Entweder heiße es: "Ihr Sohn hört und spricht doch. Wozu braucht er einen Gebärdensprachdolmetscher?" Oder: "Sie selbst sind doch nicht gehörlos, wozu brauchen Sie einen Gebärdensprachkurs?" Immer wieder müsse sie beweisen, dass Willi trotz Cochlea-Implantat nicht ausreichend verstehe, so Stenzel. Immer wieder müsse sie sich als Mutter erklären, warum der Kurs wichtig sei, damit sie mit ihrem Kind altersgemäß und in allen Situationen kommunizieren kann.

Jens Langhof, Vorsitzender des Landesverbandes der Gehörlosen Sachsen, kennt die administrativen Hürden. Gebärdensprachdolmetscher an Förderzentren für Hörgeschädigte zu bekommen, sei besonders schwierig, da hier davon ausgegangen werde, dass barrierefrei unterrichtet wird. Lautsprachbegleitende Gebärden, Lippenlesen, Bilder und Texte sind aus Sicht von Langhof - der selbst gehörlos ist - jedoch kein vollwertiger Ersatz für die Gebärdensprache. Trotzdem seien der dortige Unterricht und auch die Materialien des Kultusministeriums, wie dieser für Hörgeschädigte gestaltet werden kann, auf Lautsprache ausgerichtet.

Das Kollegium der Georg-Götz-Schule habe von dem Urteil im Fall ihrer Schülerin aus der Zeitung erfahren. Wenig später sei der Dolmetscher ohne Anmeldung im Klassenzimmer erschienen. Schulleiterin Funk hätte sich eine andere Kommunikation gewünscht. Grundsätzlich habe aber niemand etwas gegen Gebärdensprachdolmetscher. "Optimal wäre ein Tandem mit einer festen Lehrkraft für Gebärdensprache", sagt Funk. Diese könnte dann gezielt eingesetzt werden. Doch in einem Bundesland, in dem akuter Lehrermangel herrsche, fehle Personal eben auch an Förderschulen. Das sächsische Kultusministerium sagt, es mangle an geeigneten Bewerbern. Familie Stenzel sagt, es fehle überhaupt ein Konzept.

Während die sächsische Regierung noch an einem neuen Inklusionsgesetz arbeitet, hat Magdalena Stenzel eine bundesweite Petition gestartet. Über 10.000 haben bereits unterzeichnet, im Herbst soll sie an Politiker des Landtags übergeben werden. Die Forderung: Gebärdensprache endlich als gleichwertige Sprache anerkennen und gehörlosen Kindern wirkliche, barrierefreie Bildung ermöglichen. Bei ihrem Sohn ist mittlerweile klar, wo er nach dem Sommer eingeschult wird. Die Familie hat eine freie Schule in Sachsen mit einem inklusiven Ansatz gefunden. Willi wird dort das erste und einzige gehörlose Kind sein. Auf die Kostenbewilligung für die Gebärdensprachdolmetscher, die ihn im Unterricht unterstützen sollen, warten die Stenzels allerdings noch.

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