Schülerdemo übertrifft alle Erwartungen

Mehr als 2500 Schüler aus Südwestsachsen haben am Freitag in Chemnitz für eine bessere Klimapolitik demonstriert. Die Veranstalter waren vom Zuspruch überwältigt.

Chemnitz.

"Klimaschutz 6, Ethik 6, Verantwortung 6!" Dieses Zeugnis, das auf einem Plakat stand, haben am Freitag viele hundert Schüler der älteren Generation und der Politik ausgestellt. Der Zuspruch zur ersten "Fridays for Future"-Demonstration in Chemnitz, die an einem europaweiten Aktionstag stattfand, hat selbst die Organisatoren überrascht. "Am Anfang hoffte ich auf 200 Teilnehmer, angemeldet haben wir 500", sagte Anmelder Marvin Müller. Gekommen sind reichlich 2500, vor allem aus Chemnitz, dem Chemnitzer Umland und dem Zwickauer Raum. Bei ausgesprochen kühlem und regnerischem Wetter hielten die meisten über drei Stunden durch. Mitorganisator Erik Neubert: "Wir hatten Tränen in den Augen!"

Die Demonstration vom Freitag war die größte Umweltdemonstration, die Chemnitz bisher erlebt hat. Zuvor hatte eine Aktion zur Rettung des Hambacher Forsts diese Stellung inne, mit 80 Teilnehmern, sagte Erik Neubert bei einem Zwischenstopp vor dem Kundenzentrum des Energieversorgers Eins. "Dass ein bunt bemalter Schornstein als Symbol für die Stadt der Moderne gilt, ist auch ein Symbol für die Klimapolitik. Wenn Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt wird, sollte daraus ein Aussichtsturm geworden sein!"

Hunderte Plakate, am Ende vom Regen durchgeweicht, variierten das Thema Klimaschutz: "Es gibt keinen Planeten B", "Wenn die Welt eine Bank wäre, hättet ihr sie längst gerettet", "Die Dinos dachten auch, sie hätten noch Zeit". Der Philosoph und Soziologe Felix Ekardt, Landesvorsitzender des BUND Sachsen, nannte die Demonstranten in einem Redebeitrag "vernünftige junge Leute, die sich für elementare Menschenrechte einsetzen". Charlotte B., eine 14-jährige Chemnitzer Schülerin, rief ins Mikrofon: "Weil wir jung sind, dürfen wir nicht wählen, wer unsere Zukunft gestaltet. Aber wir tragen die Last dieser Politik. Also nehmen wir uns selbst die Wahl!" Als Charlotte sprach, hielt ihr eine Freundin ein aufmunterndes Plakat entgegen: "Lotta for future!" Viele junge Redner nach dem Auftritt wurden von Freunden umarmt und gefeiert: eine neue Generation, die lernt, sich politisch zu artikulieren.

Die Vorbereitungen zum Chemnitzer "Friday for Future" hatten mit einem offenen Informationstreffen Mitte Februar begonnen, an dem rund 100 junge Leute teilnahmen. "Die Schüler haben weit mehr Zeit in die Organisation gesteckt, als sie durch die Demo in der Schule fehlten", sagt Erik Neubert. Finanziell wurde die Aktion vom Jugendforum unterstützt,einer unabhängigen politischen Interessenvertretung der Chemnitzer Kinder und Jugendlichen. Die Lehrergewerkschaft GEW hatte sich vorab in einem offenen Brief mit den Schülern solidarisch erklärt. Der Stadtschülerrat, auf der Demo auch mit eigenen Rednern präsent, half bei der Kommunikation mit den örtlichen Schulen.

Ernste Probleme für teilnahmewillige Schüler seien den Organisatoren nicht bekannt geworden, sagte Marvin Müller. Viele Lehrer hätten positiv reagiert.

Unter den Demonstranten waren auch Grundschüler und ihre Lehrerinnen. Ein Elfjähriger vom Chemnitzer Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium sagte, er sei mit seiner halben Klasse hier. Die Zwölftklässler hätten sie mitgenommen, die seien schon 19. Er habe, so der Junge, vorher etwas Angst gehabt, ob die Polizei eventuelle Gegner der Schüler würde in Schach halten können. Am Ende verlief der gut drei Kilometer lange Protestmarsch um die Innenstadt in freundlicher Atmosphäre. Eine Klasse des Chemnitzer Berufsschulzentrums für Gesundheits- und Sozialwesen schoss ausgelassen ein Gruppenfoto auf der Rathaustreppe zur Erinnerung.

Präsent waren Parteien und parteinahe Gliederungen: die Grüne Jugend, Linke und Jusos mit Plakaten oder Fahnen, die "Partei" schenkte Tee aus. Die AfD wurde mit Sprechchören gescholten, weil sie den Klimawandel leugnet, CDU und FDP für herablassende Äußerungen kritisiert, der Klimaschutz sei Profisache. "Wegen Euch Profis stehen wir hier", stand auf einem Plakat. Der 17-jährige Heinrich R. aus Chemnitz, in der Grünen Jugend aktiv, fiel am meisten auf: Er trug ein Eisbärenkostüm.

Eine weltweite Bewegung

"Fridays for Future" ist eine internationale Schüler- und Studentenbewegung, die sich zum großen Teil über das Internet selbst organisiert. In Deutschland gibt es bereits mehr als 300 Gruppen, sagte am Freitag der Aktivist Marvin Müller beim ersten Chemnitzer Schülerstreik für das Klima. Die Bewegung hatte zum europaweiten Aktionstag aufgerufen, um für einen effizienteren Schutz des Weltklimas zu demonstrieren. Mehrere hundert Schüler kamen am Freitag nach Chemnitz aus dem Zwickauer Raum, dort ist eine weitere Gruppe in Gründung. Die Schüler, die sich auf das Vorbild der Schwedin Greta Thunberg berufen, fordern "echten Klimaschutz", wie es auf der Webseite von "Fridays for Future" heißt. Mit dem Fernbleiben vom Unterricht wollen sie ausdrücken, dass ein Schulbesuch sinnlos wäre, wenn die Politik im Kampf gegen den Klimawandel nicht entschlossener vorgehe. Der nächste europaweite Streiktag ist für den 24. Mai 2019 geplant. Die Chemnitzer Organisatoren planen ein Auswertungstreffen am 20. März, 17.30 Uhr im Kulturzentrum Weltecho. (ros)

Protest und Reaktionen

An den Klimaprotesten in Deutschland haben am Freitag nach Schätzungen der Veranstalter mehr als 300.000 Schüler und Studenten teilgenommen. Zu den größten Kundgebungen in Berlin, Köln und München kamen nach Polizeiangaben jeweils mehr als 10 000 Teilnehmer. Auch in Städten wie Freiberg oder Dresden fanden Schülerstreiks statt. Die Bundesregierung will das laufende Jahr nach Angaben von SPD-Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles zum "Klimajahr" machen. Im verabredeten "Klimakabinett" sollten verschiedene Gesetzesvorhaben vorangetrieben werden. In einer aktuellen Stunde des Bundestages erfuhren die Schüler am Freitag viel Zuspruch und Verständnis. Kritik kam vor allem von der AfD, deren Abgeordnete forderten, die Schulpflicht durchzusetzen. Rund 23.000 Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum haben sich per Unterschrift mit den Schülern solidarisch erklärt. (dpa)

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 3 Bewertungen
12Kommentare
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  • 5
    4
    Blackadder
    16.03.2019

    @saxon: Punkt 2 ist nicht Aufgabe der Schüler, sondern der Politik, die endlich mal mit den über 20.000 Wissenschaftlern zusammen arbeiten muss, die sich mit #scientistsforfuture hinter die Schülerproteste stellen.

    Zu den ständigen Forderungen, jeder protestierende Schüler müsse, um Ernst genommen zu werden selbst in Sack und Asche gehen, gab es gestern bei extra3 ein schönes Filmchen. Treffend!

  • 3
    4
    Hinterfragt
    16.03.2019

    Die Demo ist hier spätestens am Montag Morgen wieder vergessen, wenn es hier auf der Straße vor der Schule, wie im Massenstau auf der A4, zugeht ...

  • 9
    5
    saxon1965
    16.03.2019

    @CPärchen: Meine Meinung ist, dass es keine größeren Opportunisten und besseren "Gutmenschen" in unserem Land gibt als die GRÜNEN. Das ist genau so eine Klientelpartei wie die FDP, aber keinesfalls eine Volkspartei.
    Leider erkennen das viele Wähler nicht bzw. sie sind da halt anderer Meinung wie ich.

  • 5
    5
    saxon1965
    16.03.2019

    1.) Tokru@: "... für den Weltfrieden ... instrumentalisieren lassen. ... Um den Menschen geht es bzw. ging es dabei nie."
    Wie bitte?! Um wen geht es beim Frieden denn? Das Thema ist heute so aktuell wie lange nicht. Noch mal nachdenken bitte.
    2.) Ich muss meine Meinung zum Schülerstreik teilweise revidieren.
    Jedoch müssen nun all die jungen Menschen auch beweisen, dass sie es ernst meinen. Da gilt es zu aller erst sich über Zusammenhänge schlau zu machen (Globalismus, natürliche Einflüsse auf die Erderwärmung, alternativen zur Energiegewinnung, zur Mobilität usw.). Nicht zuletzt muss bei allen Alternativen die gesamte Umweltbilanz auf den Tisch und man muss sich entscheiden, ob man zum Beispiel saubere Windkraftenergie über Landschafts- und Tierschutz stellen will oder welchen Einfluss Deutschland und Europa überhaupt nehmen kann, solange USA, China, Indien u. a. m. sich einen Dreck um die Umwelt scheren.
    Dann gilt es natürlich es uns "Alten" zu bewiesen, dass man Klima- und Umweltschutz auch leben kann. Da gilt es auf einige alltägliche Annehmlichkeiten zu verzichten und das hört beim Urlaubs-Vergnügungs-Flug noch lange nicht auf.
    Aber ich hoffe ernsthaft, dass weltweit ein Umdenken stattfindet. Dass nicht mehr einzelner Profit um jeden Preis, sondern der schonende Umgang mit unser aller Erde in den Vordergrund gerückt wird.
    Ein wenig Bedenken habe ich jedoch, dass das dieses Gesellschaftssystem zulässt.

  • 7
    5
    BlackSheep
    16.03.2019

    Ich dachte dabei geht es ums Klima, aber wenn ich den Beitrag von DT.. lese, einigen scheint es immer und überall um die AfD zu gehen.

  • 3
    5
    bürgerenergie
    16.03.2019

    Danke!

  • 6
    5
    CPärchen
    15.03.2019

    Perfekt! Demokratie wurde verstanden. Rein von meiner politischen Haltung wäre ich nicht mitgelaufen, aber darum geht es mir nicht.

    Ich finde es toll, dass sie für ihre Anliegen auf die Straße gehen. Und wegen der Schulpflicht: Das überlasse ich den Lehrern und Eltern der Schüler selbst.

    Nur instrumentalisieren sollten sie sich nicht. Anton Hofreiter von den Grünen wurde heute Morgen gefragt, ob er die Demos auch genehmigen würde, wenn es gegen Europa oder um Migration gehen würde. Widersprüchliches Herumgerede.

    Kurzum: Die Kinder haben es verstanden :)

  • 9
    10
    872889
    15.03.2019

    Größter Respekt an die Jugend !!! Bleibt dran und lebt bitte auch das, wofür ihr auf die Straße geht. Gebt es auch weiter an eure Eltern und Großeltern - denn es geht um EUCH und EURE Welt von morgen.

  • 13
    5
    Einspruch
    15.03.2019

    Und durchgefroren und nass haben sich dann alle auf ihre warme geheizte Bude mit Internet und Fernsehen gefreut, von den Eltern bezahlt.

  • 19
    20
    DTRFC2005
    15.03.2019

    Hat die AFD Angst, die potentiellen Jungwähler nicht zu erreichen ? Wir sind triefnass aus der Stadt gekommen, aber mit einem guten Gefühl.

  • 20
    15
    Tokru
    15.03.2019

    Früher habe ich mich für den Weltfrieden und den Sozialismus instrumentalisieren lassen. Andere Zeiten andere Ideologien. Um den Menschen geht es bzw. ging es dabei nie. Es geht um Machterhalt und Profit und zur Durchsetzung ist jedes Mittel ist recht.

  • 15
    22
    KristinS
    15.03.2019

    Wenn die Lehrer das nächste mal streiken wollen, erinnern sie sich hoffentlich an die Schulpflicht. Das Thema der Jugend geht uns alle etwas an, die Themen der Lehrer betreffen nur sie persönlich. Hoffentlich lassen sich die Schüler nicht unterkriegen. Jetzt haben sie endlich eine Lobby.



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