Terror-Prozess: Polizei als Anschlagsziel

Der angebliche Anführer der Gruppe Freital wollte auch ein Polizeirevier mit Waffengewalt erstürmen. Nur eine Schnapsidee?

Nicht nur Flüchtlingsunterkünfte und alternative Wohnprojekte standen auf der Anschlagsliste der mutmaßlichen Terrorgruppe Freital. "Timo hatte den Plan beziehungsweise die Idee, das Polizeirevier Freital anzugreifen." Mit dieser Aussage hatte Justin S. den angeblichen Rädelsführer Timo S. bereits in seiner Polizeivernehmung belastet. Gestern bestätigte der jüngste der acht Angeklagten diese Aussage im Prozess am Oberlandesgericht Dresden. Timo S. habe einen Streifenwagen stoppen, die Beamten "kampfunfähig" machen und mit der Schusswaffe aus dem Auto ins Revier stürmen wollen. Er selbst habe das für eine Schnapsidee gehalten, sagte der 19-jährige Justin S.

Auch der Freitaler NPD-Stadtrat Dirk Abraham rückte in den Fokus der gestrigen Vernehmung. Der NPD-Mann habe die Gruppe mit Infos versorgt, sagte Justin S. Konkret über Demonstrationen von Linken. In einem der Chatrooms der Gruppe im Internet sei Abraham eine Art "vollwertiges Mitglied" gewesen.

Von den Verteidigern seiner Mitangeklagten wurde der einzige geständige Angeklagte Justin S. gestern ins Kreuzverhör genommen. Es ging nochmals um die Sprengkraft der in Tschechien erworbenen und für Anschläge benutzten Böller. Am Vortag hatte Justin S. eingeräumt, um die Sprengkraft gewusst und mögliche Folgen einer Explosion für Menschen zumindest erahnt zu haben. "Würden Sie alle tschechischen Böller als tödlich einschätzen?", wollte ein Verteidiger wissen. "Nein, La Bomba nicht unbedingt", entgegnete Justin S. und ergänzte damit seine Aussage vom Vortag. Da hatte er beteuert, beim Angriff auf ein linkes Dresdner Wohnprojekt nach einer selbst gebastelten Kette von La-Bomba-Böllern gegriffen zu haben, statt nach den sonst zur Verfügung stehenden Krachern der Typen Cobra 6 und Cobra 12. Ob diese Kracher in Tschechien frei verkäuflich gewesen seien, wollte ein Verteidiger des Mitangeklagten Mike S. wissen. Das waren sie. "Hatten Sie damals Kenntnis über Todesfälle?", fragte der Anwalt weiter. Ja, sagte Justin S., denn es habe Berichte über Personen gegeben, die mit den Böllern experimentiert hatten und getötet worden waren. Der Rechtsanwalt ließ nicht locker. Aber das sei ja beim Experimentieren passiert, ob ihm so etwas auch von sachgerechter Verwendung bekannt gewesen sei, bohrte der Verteidiger. Unhinterfragt blieb, was der Anwalt unter sachgerechter Verwendung verstand. Die Gruppe hatte die Böller, die sogar Kühlschränke zu zerfetzen vermögen, auf Fensterscheiben fremder Wohnzimmer geklebt. Vom prasselnden Splitterhagel war am 1. November 2015 ein syrischer Flüchtling in Freital schwer verletzt worden.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...