Trennungskinder in Sachsen bekommen mehr Geld

Ab Januar gilt eine neue Unterhaltstabelle. Doch nicht alle profitieren. Ein Verband fordert einen Mindestlohn für die Väter.

Chemnitz.

Mutter, Vater, Kind - dieses ideale Familienbild wird auch in Sachsen immer seltener. Mittlerweile wächst jedes vierte Kind überwiegend bei einem Elternteil auf. Der andere zahlt Unterhalt - zu 90Prozent sind das die Väter. Ab Januar bekommen die Trennungskinder zwischen 7 und 18 Euro mehr im Monat. Das hat das Oberlandesgericht Dresden jetzt für den Freistaat festgelegt. Laut der neuen Unterhaltstabelle stehen den Kindern je nach ihrem Alter und dem Einkommen des Unterhaltspflichtigen zwischen 342 und 844Euro zu.

Doch Kinder, deren Väter ein zu geringes Einkommen haben oder die für mehrere Kinder gleichzeitig zahlen müssen, werden von der Erhöhung nicht profitieren. Denn jedem Unterhaltspflichtigen steht ein Selbstbehalt zu - ein Teil seines Einkommens, der ihm für sein eigenes Leben bleiben muss. Und der hat sich mit der neuen Tabelle nicht verändert. So können Erwerbstätige 1080 Euro im Monat beanspruchen, Nichterwerbstätige 880 Euro. Insofern werden nach Schätzungen von Cornelia Blank, Fachanwältin für Familienrecht aus Dresden, zehn bis 20 Prozent der Väter ihren Unterhalt nicht erhöhen.

"Allerdings muss jedem Kind der Mindestunterhalt gezahlt werden", sagt Cornelia Blank. Er beträgt je nach Alter des Kindes zwischen 342 und 460Euro im Monat. "Dafür wird den Vätern viel abverlangt. Gerichte sehen es als zumutbar an, dass sie sogar einen Nebenjob aufnehmen", erläutert die Dresdner Fachanwältin.

Der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht kritisiert das Stagnieren des Selbstbehalts. "Seit Inkrafttreten der Unterhaltstabelle hat sich der Kindesunterhalt um rund 80 Prozent, der Selbstbehalt aber nur um 28 Prozent erhöht", sagt Verbandsvorstand Josef Linsler. "Vielen Vätern steht damit nicht mal der Mindestlohn zur Verfügung. Wir fordern deshalb wenigstens 1250Euro im Monat als Selbstbehalt", sagt er. Die Höhe des Selbstbehalts legen die Oberlandesgerichte anhand der aktuellen Preisentwicklung fest. Er gilt einheitlich für Deutschland.

Zudem bezeichnet der Verbandsvorsitzende die aktuellen Unterhaltsregelungen als nicht mehr zeitgemäß: "Sie müssen flexibler sein, weil dieses starre Rollenmodell - einer erzieht, einer zahlt - bereits die Ausnahme ist." In den meisten Fällen sei es so, dass beide Eltern anteilig die Kinder betreuen. "Doch egal, ob ich 20 Prozent oder 40 Prozent der Betreuung übernehme, der Unterhalt bleibt bei 100 Prozent. Das ist ungerecht und hat nichts mit einer gemeinsamen Elternschaft nach Trennung und Scheidung zu tun", sagt Josef Linsler.

"Die Betreuung des Kindes und die Unterhaltszahlung werden getrennt betrachtet. Daraus lässt sich kein Anspruch ableiten", sagt Familienrechtlerin Blank. Sie weiß, dass gerade vor Weihnachten Eltern oft streiten, bei wem das Kind feiern darf. Bestimmte Modelle hätten sich dafür bewährt, doch jede Familie muss eigene Lösungen finden. Ab dem 14. Lebensjahr dürfen die Kinder darüber auch selbst mit- bestimmen.Bericht und Unterhaltstabelle

Darf ich Weihnachten bei Dir bleiben?

Nach der Trennung streiten Eltern oft erbittert um die Kinder - Familienexperten aus Sachsen beantworten Fragen zum Umgangsrecht

Kinder brauchen feste Bezugspersonen, um gesund aufzuwachsen. Nach einer Trennung der Eltern ist das aber oft schwer. Gerade jetzt vor Weihnachten und Silvester bricht häufig Streit aus, bei wem das Kind bleiben darf. Die Empfehlungen der Familienrechtsexpertinnen beim Telefonforum hat Stephanie Wesely notiert.

Gibt es eine feste Altersgrenze, wann Kinder entscheiden können, bei wem sie sein möchten?

Nein. Aber mit zunehmendem Alter bekommt der vom Kind geäußerte Wille mehr Gewicht. Ab Vollendung des 14. Lebensjahres sind Kinder selbst verfahrensfähig, können eigene Anträge stellen oder in Beschwerde gehen und sich sogar einen eigenen Anwalt nehmen. In der Regel treffen aber die Eltern bis zur Volljährigkeit die Entscheidung.

Wie lässt sich der Umgang an den Weihnachtstagen und über Neujahr regeln? Welche Modelle haben sich bewährt?

Wenn die Eltern nah beieinander wohnen, ist eine Aufteilung der Feiertage denkbar. Religiöse Besonderheiten und die bisherige Gestaltung des Weihnachtsumgangs sind maßgebend. Bei weiteren Entfernungen, und auch, um Kindern den Stress des häufigen Wechsels zu ersparen, hat sich auch ein jährlicher Wechsel bewährt, wobei ein Elternteil Weihnachen und der andere Silvester mit dem Kind verbringt. Im Folgejahr wird gewechselt.

Der Vater meines Kindes hat jedes zweite Wochenende ein Besuchsrecht. Nun besteht er darauf, dass es auch das komplette Weihnachtsfest bei ihm verbringt, weil das ja "sein" Wochenende ist. Darf er das? Wenn Sie eine extra Regelung für Feiertage und Geburtstage getroffen haben, gilt diese. Wenn nicht, hat der Vater Anspruch auf "sein" Wochenende, was im umgedrehten Fall ja auch Ihnen zugute käme.

Ist ein Wechselmodell, bei dem das Kind 14-tägig sein Zuhause wechselt, wirklich gut für das Kind? Braucht es nicht eher Beständigkeit?

In Deutschland findet gerade eine große Studie dazu statt. Mit Ergebnissen ist nicht vor Ende 2017 zu rechnen. Frankreich, Belgien und die nordischen Länder favorisieren schon über Jahre das Wechselmodell. Auch in Australien und den USA gibt es jahrelange Erfahrungen. Allerdings sieht man dort das Modell mittlerweile kritisch. Denn vor allem, wenn große Wegstrecken zurückgelegt werden müssen, ist der Nutzen dieses Modells kritisch zu sehen. Ob das Wechselmodell in einer Familie die richtige Betreuungsform ist, hängt von vielen Faktoren ab. Hierzu gehört die Persönlichkeit des Kindes, der Umgang der Eltern miteinander und die örtlichen Gegebenheiten. Es gibt viele Familien, bei denen es gut funktioniert.

Mein Schwiegersohn zahlt keinen Unterhalt, möchte aber ein halbiertes Umgangsrecht - das Wechselmodell. Er meint, er müsste beim Wechselmodell keinen Unterhalt zahlen, stimmt das?

Nicht grundsätzlich. Zunächst muss die Betreuung des Kindes wirklich paritätisch, also 50:50, erfolgen. Die Unterhaltsfrage hängt aber auch vom Einkommen der beiden Elternteile ab. Bei deutlich abweichendem Einkommen kann auch ein Ausgleichsbetrag zu zahlen sein. Beratung bekommen Sie dazu beim Jugendamt oder bei einem Anwalt.

Ich hätte gern das Wechselmodell. Die Kindesmutter stimmt nicht zu. Was kann ich tun?

Nach aktueller Gesetzeslage kann gegen den Willen des anderen Elternteils das Wechselmodell durch die Gerichte nicht angeordnet werden. Eine Ausnahme gilt nur, wenn das Wechselmodell bereits eine Zeit lang praktiziert wurde und ein Elternteil das nun abändern möchte. In diesem Fall wurde durch die Gerichte wegen des Kontinuitätsgrundsatzes auch schon mal die Weiterführung angeordnet.

Wir haben seit der Trennung unserer Kinder keinen Kontakt mehr zu unserem Enkel, da er jetzt in Nürnberg lebt. Sollten wir einfach mal bei ihm klingeln, wenn wir in der Nähe sind?

Bloß nicht! Sie provozieren Streit und schaden damit Ihrem Enkel. Ein Tipp wäre, im Vorfeld bei den Eltern anzurufen, dass Sie in Kürze auf dem Weihnachtsmarkt in Nürnberg sind, und sie zu fragen, ob Ihr Enkel gemeinsam mit seinen Eltern dorthin kommen darf, um den Nachmittag mit Ihnen zu verbringen. Sie sollten aber auch mit einer Ablehnung klarkommen.

Darf die Mutter meines Kindes uns Vorschriften machen, wie wir unser gemeinsames Wochenende verbringen?

Nein. Die Gestaltung des Umgangs obliegt dem Umgangsberechtigten, allerdings darf die Art der Gestaltung nicht dem Kindeswohl entgegenstehen.

Mein Ex-Mann meint, sein Kind nicht oft genug zu sehen, obwohl er sein Trainer ist und ihn zweimal pro Woche beim Training und zum Spiel am Wochenende sieht.

Das Training stellt keinen Umgang im rechtlichen Sinne dar, denn er sieht ihn zwar, aber nicht allein und dann auch nur unter vorgegebenen Bedingungen. Deshalb hat er trotz Trainings das Recht, weitere Zeit mit seinem Kind Zeit zu verbringen.

Mein Sohn ist sieben Jahre alt und lehnt es oft ab, seinen Vater an den Besuchswochenenden zu treffen. Es gab da einen Zwischenfall, wo er das Kind in sein Auto gezogen hat, damit es ihn nicht wieder ablehnt. Kann man das Kind zum Umgang zwingen?

Zwingen kann man es nicht. Aber durch das Jugendamt oder einen Mediator sollte geprüft werden, warum das Kind seinen Vater nicht sehen möchte. Oftmals lehnen Kinder den Umgang nur ab, um den anderen Elternteil nicht traurig zu machen. Versuchen Sie deshalb, den Vater nicht negativ darzustellen und die Gewissenskonflikte des Kindes nicht zu verstärken. Darüber hinaus sind Sie als Mutter verpflichtet, das Kind positiv auf den Umgang vorzubereiten und dafür Sorge zu tragen, dass dieser auch stattfindet. Denn grundsätzlich haben sowohl Kind als auch Vater das Recht auf Umgang miteinander.

Ich bin Mutter eines Grundschulkindes. Da ihm das Lernen schwerfällt, üben wir immer am Wochenende, auch wenn Leistungskontrollen anstehen. Mein Exmann lehnt das an seinen Wochenenden aber ab. Muss er sich nicht an solche Absprachen halten?

Wenn es ihm um das Wohl des Kindes geht, sollte er sich daran halten. Kommen Sie hier nicht weiter, wäre es ratsam, dieses Thema im Jugendamt in einem moderierten Gespräch zu klären und zu einer Lösung zu kommen.

Ich darf meine Töchter (drei und knapp zwei Jahre alt) nur einmal pro Woche für vier Stunden sehen. Reicht das?

Dies erscheint sehr wenig. Denn eigentlich gilt, je jünger die Kinder sind, umso häufiger sollte der Umgang auch für kürzere Zeiten erfolgen. Im konkreten Fall ist jedoch zu prüfen, welche Umgangszeiten mit dem Kindeswohl vereinbar sind.

Während der Weiterbildung meiner Frau betreute ich unser Kind die ganze Zeit über. Dann ging die Beziehung in die Brüche. Sie möchte jetzt, dass ich meinen Sohn nur noch alle zwei Wochen sehe. Er leidet darunter, er hat eine innigere Beziehung zu mir als zu seiner Mutter. Was kann ich noch tun?

Das kann eine individuelle Wahrnehmung von Ihnen sein. Möglicherweise sieht das die Mutter anders. Normalerweise soll ein Umgang so gestaltet sein, dass die Beziehung zur Hauptbezugsperson Priorität hat. Wenn das Kind mehr Umgang haben möchte und dies auch seinem Wohl entspricht, kann die Regelung angepasst werden. Am besten geschieht das im Einvernehmen der Eltern, andernfalls auch mit Hilfe des Familiengerichts.

Darf mein neuer Lebensgefährte, der nicht Vater des Kindes ist, auf meinen Sohn (3,5 Jahre) allein aufpassen oder muss der leibliche Vater zustimmen?

Da Sie als Mutter für die Regelung der Alltagsfragen zuständig sind, können Sie entscheiden, wer Ihr Kind in Ihrer Abwesenheit beaufsichtigt. Dass das Kind mit Ihrem Lebensgefährten und dem leiblichen Vater Umgang hat, ist nicht zu beanstanden. Wichtig ist es aber immer, dass es Ihrem Kind gut geht.

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1Kommentare
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  • 4
    1
    BertaH
    05.12.2016

    Die Unterhaltsregelungen müssen angepasst werden ??? Warum ... um immer mehr die Kinder zwischen den Eltern hin und her zu schicken??? Der größte Anreiz um sich mehr um die Kinder zu kümmern ist das finanzielle. Also betreue ich meine Kinder mehr, muss ich weniger Unterhalt zahlen ... SUPER für die Kinderarmut in Deutschland die zumeist die Alleinerziehenden trifft. Ja dann wird das ja noch schlimmer. Väter bekriegen ihre Exfrau vor Gericht, um endlich dieser finanziellen Verpflichtung nachzukommen. Das Wechselmodell als Standard. Den Eltern wird nicht zugemutet ständig die Haushalte zu wechseln und kein richtiges zu Hause zu haben. Aber den Kindern mutet man es zu? Was das Wechselmodell aus den Kindern gemacht ist noch nicht mal erwiesen. Deutlich zeigen sich aber die Probleme von Trennungskindern die genau in diesen strittigen Familienmodell aufwachsen .... hmmm sag ich nur. In wenigen Fällen ist ein WM sinnvoll. Das setzt aber voraus, dass die Eltern an einem Strang ziehen, respektvoll mit einander umgehen uns sich so nicht ausspielen lassen. Wir experimentieren mit Kindern .... bei Tieren achten wir auf Artgerechte Haltung in Tierparks und Zoo ... aber wie dürfen diese Versuche zu Lasten unserer Kinder machen ... sehe ich sehr kritisch!



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