Unentdeckte Orte: Die Wiedergeburt von Hohenwendel

Vom Luxus-Domizil eines Fabrikanten zum Heim der FDJ: Schloss Hohenwendel im Erzgebirge hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Nach langem Verfall wird die Jugendstil-Villa nun behutsam restauriert - und wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Thermalbad Wiesenbad.

Wenn man sich Wiesenbad von Norden auf der Landstraße nähert, kann man das Dach mit den frischen roten Biberschwanzziegeln und dem Glockentürmchen gerade noch aus den Baumwipfeln herausragen sehen. Doch man muss schon wissen, wonach man sucht. Schloss Hohenwendel versteckt sich in dichtem Wald an einem Berghang - und war jahrzehntelang vergessen.

"Zur Wende habe ich noch gar nicht gewusst, dass es das Schloss gibt", erzählt Andreas Oelmann. Das will was heißen. Der 64-Jährige stammt schließlich aus dem Nachbardorf. Heute ist der Rentner und einstige Lehrausbilder für Metall- und Bauberufe hier der Hausmeister und so etwas wie die gute Seele dieses verwunschenen Ortes.

Schloss Hohenwendel ist eigentlich eine opulente Jugendstil-Villa. 2000 Quadratmeter Nutzfläche und ein mehr als 22.000 Quadratmeter großes Grundstück gehören zum Anwesen. Einst gab es hier Tennisplätze und sogar einen Badeteich. Nach langem Verfall beginnt das Schloss nun wieder im alten Glanz zu erstrahlen. Von außen schon, innen wird noch gebaut - behutsam und mit viel Liebe zum Detail. Der Besitzer hat die Immobilie vor fünf Jahren bei einer Auktion ersteigert und legt Wert auf Diskretion. Für die "Freie Presse" hat er Andreas Oelmann mit der Führung durch das Haus beauftragt. Erstmals seit Jahren kann sich die Öffentlichkeit nun ein Bild machen, was sich dort tut.

Am Eisenberg, nahe der Mündung des Pöhlbachs in die Zschopau, stand schon vor 500 Jahren das Rittergut Streckewalde. Arthur Schmidt aus Annaberg, der in Berlin als Industrieller reich geworden worden war, kaufte das Rittergut 1898, ließ es abreißen und an seiner Stelle zwischen 1909 und 1912 eine schlossartige Villa im Jugendstil errichten. Die Pläne für das Gebäude stammen von dem Architekten Otto Schulze-Kolbitz aus Berlin, der dort unter anderem das Preußische Abgeordnetenhaus entwarf. Kommerzienrat Schmidt ließ den oberhalb der Villa vorhandenen Burgturm zu einer malerischen Burgruine umbauen, später kam ein Mausoleum im Park hinzu, von dem heute nur noch das Sockelgeschoss erhalten ist. Zum Besitz gehörten ebenfalls ein Gestüt, Bedienstetenhäuser und eine Gärtnerei. Nach Arthur Schmidts Tod übernahm seine Enkelin Wendula im Jahr 1932 die Villa - nach ihr wurde der Bau ab 1935 Schloss Hohenwendel genannt.

Andreas Oelmann führt die Besucher in den großen Saal mit einer gewölbten Fensterfront, der einst als Speiseraum genutzt wurde. Überall im Gebäude wurden bereits neue Fenster eingesetzt - teure Unikate, für die ein Tischlermeister aus Wiesa anhand der Originalstücke Schablonen anfertigen ließ. Ab 1913, so glauben die Bauleute heute, hat die Industriellenfamilie in dem Haus gelebt. Beim Ausbau der alten Fenster fand man einen Lieferschein der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen vom 21. September 1912.

Neben dem Speisesaal befindet sich die einstige Bibliothek. Auch hier wird mit großem Aufwand restauriert: Die alte Holzvertäfelung an den Wänden wird Quadratmeter für Quadratmeter abgebeizt, um sie zu erhalten. Die repräsentativen Zimmer im Erdgeschoss sind noch mit originalen Parkett- und Fliesenböden ausgestattet. Und bevor man auf dem Weg nach oben in den ersten Stock das Foyer durchquert hat, wo einst ein Leuchter in einem Lichthof schwebte, stößt man am Fuß der geschwungenen Holztreppe auf zwei mit Schnitzereien verzierte Holzsäulen. Zwei elektrisch beleuchtete Engelsfiguren, gut einen halben Meter hoch, zierten einst die Säulen. "Wo die verblieben sind, weiß keiner", sagt Oelmann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Besitzer von Hohenwendel enteignet. In der DDR zogen die Staatspartei SED und Massenorganisationen ein. Anfang der Fünfzigerjahre diente das Haus zunächst als Parteischule, später als Pionierleiterschule und ab 1962 als "Haus der Jungen Pioniere". In den frühen Siebzigerjahren übernahm die Freie Deutsche Jugend (FDJ) das Schloss zunächst als Fortbildungszentrum, ab 1976 bis zur Wende dann als Erholungsheim des FDJ-Zentralrats. Auch Egon Krenz, einst FDJ-Chef und am Ende der DDR Erich Honeckers Nachfolger an der Spitze von Staat und Partei, übernachtete hier.

Inzwischen sind weitere 30 Jahre ins Land gegangen - eine Zeit, die lange von Leerstand und Niedergang geprägt war. Es gab Ideen, das Haus gesundheitstouristisch zu nutzen, was gut zur Kurklinik in Thermalbad Wiesenbad gepasst hätte. Der heutige Besitzer, so viel verrät Andreas Oelmann, will hier nun ein Hotel mit Wellnessbereich und Restaurant einrichten. Das Haus wird behindertengerecht gestaltet, an den Nordgiebel wird noch ein Fahrstuhl angebaut. Wann das Hotel eröffnen wird, steht noch nicht fest. Klar ist aber: Es wird noch ein Weilchen dauern. Sein Chef sei jetzt 56 Jahre alt, berichtet der Hausmeister. "Er hat mal gesagt, er will hier seinen 60. Geburtstag feiern."

Virtueller Rundgang 

In diesem Jahr präsentiert die "Freie Presse" Ihnen wieder interessante "Unentdeckte Orte" - coronabedingt jedoch nur virtuell. Gehen Sie ab heute mit uns online auf eine Tour durch die Spinnmühle in Wolkenburg. Durch die Räume führen Ortsvorsteherin Annett Groh und Gästeführer Reinhold Kaminsky.

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44 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    10
    klapa
    15.08.2020

    Das will er auch nicht, Frei.., er verkriecht sich feige hinter seiner Anonymität.

  • 3
    8
    Freigeist14
    15.08.2020

    Auf den "Roten " ist wie immer Verlass - jedoch kann er mich gern vom Gegenteil überzeugen .

  • 9
    2
    Fabian101
    15.08.2020

    Warum kürzt die Freie Presse in Ihrem Artikel die Geschicht ab und erwähnt nicht, das Wendula Schmidt mit dem hohen NSDAP und SA-Stabschef Otto Wagener verheiratet war was letzlich zur Enteignung führte?

  • 6
    3
    Freigeist14
    15.08.2020

    Nicht alles ,was vor 1914 erbaut wurde , lässt sich dem Jugendstil zuordnen . Dieses Schloss ist eher im Reformstil und sogenannten Heimatschutzstil erbaut worden . Jugendstil-Zitate kann ich hier nicht feststellen .