Urlaub am Limit

Eigentlich könnte man Sommerferien ruhig angehen. Doch mancher sucht extreme Abenteuer. Zu ihnen gehört seit mehr als 20 Jahren ein Mann aus Niederwiesa in Mittelsachsen. Mit einem Chemnitzer hat er jetzt die höchsten Pässe der Welt gemeistert - und zwar auf dem Fahrrad.

Niederwiesa/Kaschmir.

Andrea Bräuer, Bibliothekarin an der Uni Chemnitz, fällt kein Stein, sondern ein Felsenbrocken vom Herzen. Als sie vor wenigen Tagen im "Spiegel" las, dass der indische Premier Modi der Konfliktregion Kaschmir ihre Autonomie entzog, dass er tausende zusätzliche Soldaten in das ohnehin hochmilitarisierte Gebiet entsandte und dass Touristen angeraten wurde, abzureisen, waren ihr Mann und ihr Sohn gerade wieder zu Hause eingetroffen. Wohlbehalten.

Einen Monat waren Peer Schepanski (43) und Peter Löbel (22) zuvor im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir in der tibetischen Region Ost-Ladakh unterwegs - auf sich allein gestellt mit ihren Fahrrädern. Ihr Ziel: die höchsten befahrbaren Pässe der Welt unter die Räder zu nehmen. Die liegen in jener Konfliktregion, deren Bewohner Anfang August von der Außenwelt abgeschnitten wurden: Indische Behörden hatten Handy-, Festnetz- und Internetverbindungen geblockt, auch das Fernsehen funktionierte nicht mehr. Kurz darauf gab es Tote.

Peer Schepanski weiß, dass der Kaschmir-Konflikt zu den großen ungelösten Konflikten der Weltpolitik gehört, weil sich hier mit Indien, Pakistan und China gleich drei Mächte gegenüberstehen. Alle drei kontrollieren Teile des einstigen Fürstentums im Himalaja. Trotzdem zieht es den 43-Jährigen dorthin. Dabei muss er sich sportlich nichts mehr beweisen.

Fast vier Jahre radelte er von 1997 bis 2000 um die Welt. Gemeinsam mit einem Lichtensteiner Freund absolvierte er 40.000 Kilometer auf dem Mountainbike. Zweimal unternahmen die Männer Expeditionen nach Neuguinea. Ins Guinness-Buch der Rekorde schafften sie es mit einem Eintrag als "höchste Radfahrer der Welt", weil sie den Weg zum Muztagh Ata (7546 Meter) in China 2009 bis in 7211 Metern Höhe mit den Rädern bewältigten. Noch nie stand ein Mensch so weit oben mit einem Bike. Ganz klar, dass so ein Mann im Urlaub nicht faul mit einem Buch am Strand liegen kann.

Als die Familie letzten Winter am Abendbrottisch Urlaubspläne diskutierte, war auch Nordindien im Gespräch. "Ich war dort schon mehrfach, aber immer gab es Probleme - durch den Monsunregen oder technischer Art", erzählt der selbstständige Gewerbetreibende. Einen neuen Plan hatte er da längst im Kopf: eine 500 Kilometer lange Strecke, die in Höhen von 3900 bis 5350 Metern durch einen Teil des Haupthimalaja in Nordindien führt - über die höchsten Passstraßen der Welt.

Partnerin Andrea lehnte den Plan ab, obwohl auch sie schon auf einem 6000er stand. Den ganzen Urlaub für so eine waghalsige Expedition opfern, das wollte sie nicht. Dafür meldete ihr Sohn Peter Interesse an. "Ich mache mit", verkündete er spontan - ohne zu ahnen, was da auf ihn zukommen würde.

Peter Löbel arbeitet in drei Schichten als Mechatroniker im VW-Motorenwerk in Chemnitz. Er ist kein Extremsportler, aber seit elf Jahren leidenschaftlicher Motorradgeländefahrer. Als er vor zwei Jahren die Fotos von seiner Mutter in über 6000 Metern Höhe im Himalaja sah, sei er stolz, aber auch ein bisschen neidisch gewesen, gesteht er. "Ich wollte es auch einfach mal wissen."

Die Männer waren noch nie länger zusammen unterwegs. Würden sie als Team in Extremsituationen funktionieren? Würden die Erfahrungen des Älteren reichen, um den Jüngeren zum Durchhalten zu motivieren? Würde es zum Streit kommen? Und dann war da noch das Versprechen gegenüber seiner Frau, gut auf den Jungen aufzupassen.

Mehrere Monate trainierten sie für ihr Unterfangen, zehn Wochen vor dem Start begann die heiße Phase: mit bis zu 270 Kilometern auf dem Rad durch das Erzgebirge - an einem Wochenende. In jeder freien Minute wurde gejoggt und in die Pedale getreten. Nie im Flachland.

Als die komplette Ausrüstung Anfang Juli vor dem Haus stand, fragte sich jeder in der Familie, wie das alles mit dem Flugzeug transportiert werden sollte. Neben den zwölf Kilogramm schweren Expeditionsrädern hatte jeder 45 Kilogramm Gepäck am Mann. Das kam auch, weil die beiden zum Abschluss noch einen 6000er besteigen wollten: den Mentok Kangri (6250 Meter).

"Den hatten wir uns ausgesucht, weil es der einzige in dieser Region freigegebene Gipfel ist. Alle anderen liegen in Sperrgebieten. Außerdem erhebt er sich malerisch über dem kristallklaren Tsomoriri-See, der in 4522 Metern Höhe liegt", erzählt Schepanski. "Mit unserer Fahrradexpedition wollten wir uns auf diese Bergtour praktisch vorbereiten, uns dafür akklimatisieren."

Das hieß aber auch, dass neben Zelt, Schlafsäcken, Isomatten, Kochgeschirr, zehn Kilo Verpflegung, Helmen, großer Notfallapotheke, Ersatzschläuchen und Ersatzradachsen noch zwei komplette Bergsteigerausrüstungen mitgenommen werden mussten - und zwar auf der gesamten Fahrradtour. Mit 60 Kilogramm Übergepäck standen die Männer in Frankfurt am Abfertigungsschalter von Etihad Airways - und wurden ohne Aufpreis durchgewinkt. "Das war ein überraschend positiver Start", erinnert sich Löbel.

Der erste Schock folgte in Neu-Delhi, in dessen Großraum 30 Millionen Menschen leben. "Wir haben in der indischen Hauptstadt einen Tag verbracht. Danach hatten wir nur einen Wunsch: schnell weg", berichtet Schepanski. Die Stadt sei ein einziges Chaos mit unvorstellbarem Lärm, Gestank und Bergen von Müll gewesen. "Viel, viel schlimmer, als ich es von früheren Reisen kannte."

In einem Jeep ging es 600 Kilometer bis Manali (2050 Höhenmeter), Startpunkt der Radtour. Die Stadt gilt als Tor zum Himalaja. "Als wir ankamen, regnete es leicht. Als wir nach drei Tagen startklar waren, schüttete es wie aus Kannen. Der Monsunregen, den wir um diese Zeit noch nicht erwartet hatten, kannte kein Erbarmen." Die Männer hatten sich als Tagesetappen immer um die 50 Kilometer vornehmen wollen. Manchmal standen auch 80 auf dem Plan. Geschafft haben sie es trotz des Wetters irgendwie immer, auch wenn sich die Straßen mitunter in reißende Bäche verwandelten und sie die Räder schieben mussten.

Zur ersten ungeplanten Pause im Dorf Marhi - 3500 Meter - zwangen sie Übelkeit und Durchfall. Dabei hatten sie Trinkwasser immer nur gefiltert getrunken, extra Filter von daheim mitgenommen. "Am dritten Tag waren wir wieder fit für den fast 4000 Meter hohen Rothang-Pass, was übersetzt Leichenhaufen-Pass heißt. Über den verläuft eine uralte Handelsroute. Weil es früher durch Schneeverwehungen immer wieder Tote gab, erhielt der Pass diesen Namen", weiß der Niederwiesaer. Der Pass gilt auch als Wetterscheide. In der Tat gingen die Regengüsse endlich in Nieselregen über.

In der ersten größeren Stadt, Keylong, steuerten die Sachsen das Krankenhaus an. Peer Schepanski litt an einer Bronchitis und erneut an Durchfall und Erbrechen. Ein Arzt war nicht da, aber eine Schwester, die es den Männern ermöglichte, mit einem Arzt in Hyderabad zu skypen. "Wir haben Telemedizin praktiziert", schmunzelt der 43-Jährige. Alles, auch die Medikamente, die er bekam, sei kostenlos gewesen, da sie zufällig in einem Regierungskrankenhaus gelandet waren. Weil nun die schwerste Strecke mit rund 1500 Höhenmetern bevorstand, pausierte das Team erneut zwei Nächte.

Der folgende Doppelpass (4975 und 4995 Meter) sei die Strecke gewesen, auf der sich beide unterwegs geschworen hätten: Nie wieder! Peter Löbel sagt: "Es war extrem schlimm. Dazu kamen der Anblick von in die Tiefe gestürzten Lastern und Kolonnen von Militär-Lkws mit 200 Meter langen Abgaswolken."

Entschädigt hat sie die Hochebene von Moora, die mit 4800 Metern etwa so hoch liegt wie der Montblanc. "Hier haben wir imposante Wetterwechsel erlebt, von Sonnenschein bis zu Schnee- und Graupelschauern. Mitunter schien es, als würden die Wolken den Boden küssen", schwärmt Schepanski. Rückenwind habe sie zwei Tage über die Ebene getragen. Endlich stellte sich ein Hochgefühl ein. Zu dem trug auch die Begegnung mit tibetischen Nomaden und deren Yakherden bei.

"Obwohl wir uns kaum verständigen konnten, haben sie uns tibetischen Buttertee und Kekse gereicht", davon ist Löbel noch immer beeindruckt. Schließlich näherte sich das Team dem Taglang, dem zweithöchsten Straßenpass der Erde in 5350 Metern Höhe. "Der sah ganz nah aus, aber in Wirklichkeit waren es 22 Kilometer, die es bei minus acht Grad und Schneefall extrem steil bergan ging." Auf dem Pass gab es den Lohn: Die Wolken verzogen sich einen Moment und die Sonne schickte wärmende Strahlen.

Fortan ging es zwei Tage bergab. In etwa 4200 Metern Höhe passierten die Sachsen Gerstenfelder, noch etwas weiter unten empfingen sie Pappeln und Weidenbäume. Nach zwölf Tagen im Sattel waren der Indus-Fluss und die Stadt Leh (3500 Meter) erreicht. Damit auch ein vorher gebuchtes Gästehaus mit Dusche und heißem Wasser. "Dass uns dort der Bademeister vom Warmbad über den Weg laufen würde, war unglaublich", strahlt Schepanski.

Fünf Tage blieben die Männer hier, zum Erholen und zum Kräftesammeln für ihr letztes Unterfangen: die Besteigung des Mentok Kangri - 200 Kilometer entfernt von Leh. Er gilt als schönster Berg der Region. Dicker Neuschnee hüllte ihn ein. Noch kein Bergsteiger hatte deshalb in dieser Saison die Route gewagt. "Wir waren die Ersten, haben den Berg geöffnet für dieses Jahr, wie es in der Bergsteigersprache heißt", berichtet der Niederwiesaer.

Diesmal machten sich die Männer nicht allein auf den Weg. Sie hatten sich mit jenem nepalesischen Sherpa aus Kathmandu verabredet, den Peer Schepanski schon von einer Tour von vor zwei Jahren kannte. "Er ist sehr erfahren und auf ihn ist zu 100 Prozent Verlass. Außerdem war er schon mehrfach auf diesem Berg." 200 Kilogramm Gepäck schleppten sie auf dem Rücken von Pferden über zwei Zwischenlager bis ins Basislager in 5400 Metern Höhe.

"Dort waren wir erst einmal ziemlich entsetzt über den Müll", beschreibt der 43-Jährige den ersten Eindruck. 50 Kilogramm hätten sie auf dem Rückweg eingesammelt und mit bis nach Leh genommen.

Rund 900 Höhenmeter trennt die Seilschaft im Basislager vom Gipfel, als sie morgens um zwei Uhr aufbricht und sich mit Eisaxt und Steigeisen, an Seilen gesichert, den Weg durch extrem rutschiges und steiles Gelände bahnt. Um acht Uhr liegen sich die Männer auf dem Gipfel in den Armen. Zum Empfang gibt es Sonnenschein. Wie auf Bestellung.

Auch jetzt, wo die Sachsen wieder daheim sind und von 1000 Todesopfern durch den Monsunregen in Indien lesen, lassen die Müllberge sie nicht los. "Ich stelle eine zunehmende Vermüllung des Landes fest", beklagt Schepanski. Ein Berg in dieser Gegend werde völlig gesperrt, weil die darunter liegenden Dörfer kein sauberes Trinkwasser mehr hätten. In Leh hätten beide kurzerhand beschlossen, bei der lokalen Forstministerin vorzusprechen. Fast die Hälfte der Weidenbäume sei dort im Absterben. "Die Ministerin wollte zum Beleg Fotos, sie wüsste davon nichts", berichtet Schepanski.

Er versucht rückblickend, nur an die spektakuläre Landschaft zu denken. "Und die Menschen, die wie alle Himalaja-Völker sehr gastfreundlich sind, auch wenn sie einen nicht verstehen." Peter Löbel bewegen noch immer die krassen Gegensätze: zwischen arm und reich, sauber und vermüllt, naturbelassen und verbaut. Mit dem Rad würde er sich die Reise nicht noch einmal antun. Seine nächste Tour, um andere Kulturen kennenzulernen, ist durch Vietnam geplant. Dann jedoch auf dem Motorrad - und mit der Freundin.

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