Videosprechstunde beim Arzt wird bisher kaum genutzt

Vor einem Jahr wurde das Fernbehandlungsverbot in Sachsen abgeschafft. Warum sich trotzdem nicht viel geändert hat.

Dresden.

Kurzer Draht statt weiter Wege und langer Wartezeiten: Seit einem Jahr können Patienten in Sachsen den Arzt auch per Videosprechstunde konsultieren. Doch die Bilanz ist bisher eher dürftig, wie Recherchen der "Freien Presse" ergaben.

Derzeit bieten gerade mal rund 160 Mediziner und Psychotherapeuten eine Videosprechstunde an, teilte die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) auf Anfrage mit. Jeder Vierte von ihnen ist ein Hausarzt. In den allermeisten Fällen blieb es allerdings beim Angebot: Lediglich sechs Mediziner rechneten die Leistung im ersten Quartal dieses Jahres ab. Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor, die KVS rechnet mit einer steigenden Tendenz. Zum Vergleich: In Sachsen gibt es rund 7500 niedergelassene oder angestellte Vertragsärzte.

Die Fernbehandlung ist unter Ärzten nach wie vor umstritten. Viele Jahre durften sie Patienten nur dann per Telefon oder Videoverbindung behandeln und beraten, wenn sich diese zuvor persönlich in der Praxis vorgestellt hatten. Die Sächsische Landesärztekammer hatte dieses ausschließliche Fernbehandlungsverbot als eine der ersten in Deutschland im vergangenen Jahr abgeschafft. Vor einem halben Jahr wurde zudem der Katalog der zugelassenen Fachgebiete und Indikationen deutlich erweitert.

KVS-Vorstandschef Dr. Klaus Heckemann bewertet den aktuellen Stand grundsätzlich positiv: "Erste Ergebnisse lassen sich bereits jetzt sehen und sind für Patienten spürbar." Allerdings rechne er nicht damit, dass "in Zukunft eine Vielzahl von Ärzten diese Leistung anbieten wird." Begründung: Die Vergütung biete zu wenig Anreiz.

Für die ausschließliche Betreuung eines Patienten im Rahmen einer Videosprechstunde erhalten Ärzte derzeit 9,38 Euro. War der Patient zuvor schon mal in der Praxis, gibt es für die Videosprechstunde zusätzlich 4,26 Euro. Für eine Fernbehandlung per Telefon existiert gar keine Abrechnungsmöglichkeit.

Darüber hinaus fehlen offenbar vielerorts die technischen Voraussetzungen wie schnelles Internet und eine gesicherte Datenverbindung. Die Nutzung von Skype oder anderen offenen Systemen sei "keinesfalls gestattet".

Befürworter der Videosprechstunde sehen darin eine sinnvolle Ergänzung der ärztlichen Tätigkeit. "Sie eignet sich gut für Routinekon-trollen, ersetzt aber nicht die Sprechstunde in der Praxis", sagt der Leipziger Hausarzt Dr. Thomas Lipp, der auch dem Vorstand der Landesärztekammer angehört.

Lipp betreut Patienten in einem Pflegeheim per Videotelefonie; die Heime wurden dafür mit verschiedenen medizinischen Geräten ausgestattet. Der Test wird von der AOK Plus unterstützt. Die KVS fördert unter anderem ein Modellprojekt mit einem Zschopauer Augenarzt, um die Versorgung mithilfe der Fernbehandlung zu verbessern.

Neben Kassenärzten bieten zunehmend auch private Unternehmen, darunter auch große Klinikkonzerne, die Leistung an. Aus Sicht der KVS sind die Angebote der Kliniken "ein prinzipiell richtiger Schritt im Sinne einer sektorübergreifenden Versorgung".

Allerdings beobachte man gewisse Entwicklungen mit Sorge, sagt Heckemann. "Patienten werden als Kunden betrachtet, denen Versorgungsleistungen verkauft werden sollen - für gewinnorientierte Unternehmen sind das lukrative Geschäftsmodelle." Ähnlich äußert sich auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung.

Alle Anbieter einer Videosprechstunde finden Sie in der Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Dazu muss bei den genehmigungspflichtigen Leistungen "Telemedizin - Videosprechstunde" ausgewählt werden.

asu.kvs-sachsen.de/arztsuche

 

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