Visionen für Oberwiesenthal

In Sachsens größtem Wintersportort macht man sich Gedanken um den Tourismus: Was geht noch mit Schnee, was kommt danach? Es sind kühne Blicke in die Zukunft von Bürgern, die Kommunalpolitik mitgestalten wollen. Doch was können sie ausrichten, falls neue Sesselbahnen am Fichtelberg wieder am Naturschutz scheitern?

Oberwiesenthal.

Manchmal muss man wieder träumen dürfen. Von der Miriquidi-Arena, Mitteleuropas größtem Skigebiet, konkurrenzlos nördlich der Alpen. Von der ersten Gipfel-zu-Gipfel-Bahn der Welt, der längsten freischwebenden Seilbahn Europas, einem Bauwerk der Superlative. "Es verbindet zwei Länder, zwei Kulturen und die zwei höchsten Gipfel des Erzgebirges", sagt Lutz Heinrich. "Wir leben Europa."

Seit fast 30 Jahren schwirrt die Idee durch die Köpfe von Visionären in Oberwiesenthal: Fichtelberg auf sächsischer und Klínovec/Keilberg auf böhmischer Seite mit einer Seilbahn zu verbinden. Vor fünf Jahren gab es dazu sogar schon eine detaillierte Studie, jetzt wurden die Pläne für die "Länderschaukel Erzgebirge" wieder hervorgeholt. Es ist Freitagabend und Lutz Heinrich hat im städtischen Kulturhaus auf dem Podium eine Gruppe von Mitstreitern versammelt. "Zukunft Oberwiesenthal - Ambition 2030" heißt die Veranstaltung. Einige Dutzend Bürger sind gekommen, die meisten haben hier vorher schon zwei Stunden Wahlkampf erlebt.

Lutz Heinrich (67), einstiger Skilehrer und Bürgermeister, Bergsteiger und Unternehmer, lebt heute in Bayern, ist aber noch immer eine Institution in Oberwiesenthal. Jetzt will er in seinem Heimatort in die Kommunalpolitik zurück. Als Rentner steht er zusammen mit sieben weiteren Männern und einer Frau auf der Liste eines neuen Bürgerbündnisses, das bei der Kommunalwahl um Mandate für den Stadtrat kämpft. Wiesenthal Einz heißt es, und ihr Ziel Nummer eins ist die Modernisierung des Skigebiets.

Es ist ein Thema, das Sachsens größten Wintersportort seit Jahren beschäftigt und bei dem es einfach nicht voran geht. Die alten Schlepplifte sollen durch Sesselbahnen ersetzt werden, Anfang April hatte der Stadtrat einmal mehr über die Pläne der stadteigenen Fichtelberg-Schwebebahn-Gesellschaft beraten: über einen Sechsersessellift an der Himmelsleiter und einen Achtersessellift am Haupthang.

An der Himmelsleiter läuft die Planung bereits seit Ende 2013, am Haupthang seit 2016. Mehrfach mussten die Entwürfe überarbeitet werden. So soll ein zunächst auf dem Fichtelbergplateau geplantes Speicherbecken für die Beschneiungsanlagen nun unterhalb des Gipfels errichtet werden. Am Haupthang soll nun maximal 20 Tage im Jahr beschneit werden dürfen - "wegen des Geräuschpegels". Und in der Bergstation der künftigen Himmelsleiter-Bahn wurde aus Naturschutzgründen der Imbiss gestrichen. "Es ist wie Steine schneiden", sagte Bürgermeister Mirko Ernst (FDP) vor dem Stadtrat. "Man hat manchmal den Eindruck, man will keine Projekte hier am Fichtelberg."

Im März und April lagen die neuen Pläne, jeweils um die 800 Seiten stark, öffentlich aus. Inzwischen gingen erneut 45 Stellungnahmen und Einwendungen bei der Landesdirektion ein, einige davon liegen der "Freien Presse" vor. So erklärt etwa der klagefreudige Naturschutzverband Sachsen (Nasa), er lehne beide Sesselbahnen ab, unter anderem wegen nicht ordnungsgemäßer Erfassung seltener Tier- und Pflanzenarten. Die Planungen hält der Nasa für "mangelhaft und damit nicht genehmigungsfähig".

Für den BUND Sachsen sprach Geschäftsführer David Greve angesichts des Klimawandels vom letzten Aufbäumen des Wintersports im Erzgebirge. Der "Freien Presse" sagte er vor ein paar Wochen, es sei Unsinn, jetzt noch mal ein Speicherbecken zu bauen, "wenn das alles sowieso endet". In der Stellungnahme des BUND heißt es, "dass eine einseitige Ausrichtung des Tourismus auf den Wintersport angesichts des Negativtrends bezüglich der Schneesicherheit das falsche Signal ist". Schneekanonen seien aufgrund ihres enormen Energie- und Wasserverbrauchs eine der Hauptbelastungsquellen für Umwelt und Klima in Wintersportregionen. Die Landesdirektion wird die Stellungnahmen nun bewerten müssen. Wie es weiter geht, wird wohl erst am Ende des Sommers feststehen. Dass nächstes Jahr tatsächlich der erste Lift gebaut werden kann, wie zunächst erhofft, scheint fraglich.

Von diesen Problemen wissen die meisten an diesem Freitagabend in Oberwiesenthal noch nichts. Sie sehen aber, dass jenseits der Grenze bei den Tschechen alles schneller geht. Durch die großen Fenster des Kulturhauses schaut man direkt auf den Keilberg, wo immer noch Schneestreifen auf den Abfahrtspisten liegen, von jungen Leuten scherzhaft Erzgebirgsgletscher genannt. Die jüngste Skisaison dauerte dort bis zum 22. April, drei Wochen länger als am Fichtelberg, mehrere neue Sesselbahnen wurden in den vergangenen Jahren gebaut, Tschechiens größtes Skigebiet ist entstanden.

Auch an die Sommernutzung wurde am Keilberg gedacht - mit dem Trailpark Klínovec. Torsten Kürbis, Inhaber des Oberwiesenthaler Sporthotels K1 und Lizenzgeber der Monsterroller, sagt dazu: "Jeden, der ambitioniert Mountainbike fahren will, schicke ich rüber zum Klínovec." Der Hotelchef hofft, dass Oberwiesenthal von der neuen Tourismusstrategie des Freistaats profitiert, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, dass es "Impuls- investitionen" für die Stadt gibt. Er hat die Übernachtungsstatistiken ausgewertet: Nirgendwo sonst im Erzgebirge brechen die Zahlen nach dem Peak im Februar dermaßen ein wie in Oberwiesenthal.

Torsten Kürbis spricht von "Sommervisionen am Fichtelberg": von einem Bike-Park, einer über elf Kilometer langen Mountainbike-Abfahrt vom Fichtelberg hinunter ins Sehmatal, bei der auch die alte Rodelbahn eingebunden wird - "ein Weltalleinstellungsmerkmal" in einer Region, die bereits jetzt vom Mountainbike-Tourismus profitiert, etwa durch den Kurs Stoneman Miriquidi, den Lutz Heinrich ins Erzgebirge holte. Hinzu käme eine Freestyle-Trainingsstrecke. Und das Wasserspeicherbecken für die Beschneiung der Himmelsleiter könnte gleichzeitig ein Naturbad werden.

Wolfgang Laas, einstiger Betriebsleiter der Fichtelberg-Schwebebahn und "Vater der Länderschaukel", sieht bei all dem eine Priorität: der neue Lift an der Himmelsleiter. Anders als jetzt geplant müsse der bis hinunter nach Neudorf führen - als Sessel-Kabinen-Kombibahn. Nur so werde es Perspektiven für Winter- und Sommertourismus geben.

Lutz Heinrich schrieb in einer Stellungnahme zu den aktuellen Sesselliftplänen am Fichtelberg: "Der Sommer ist der Retter der Liftanlagen." Er setzt auf Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), "den ersten sächsischen Ministerpräsidenten, der sich für Oberwiesenthal interessiert", wie er sagt. Er habe Kretschmer die Präsentation "Ambition 2030" bereits gezeigt. Als der Visionär am Rande seiner Podiumsdiskussion hört, wie es um die Planung für die aktuellen Liftprojekte steht, wiederholt er, was er bereits vor dem Publikum sagte: "Wir denken nicht problemorientiert, sondern zielorientiert."

Es ist Hoffnung in Oberwiesenthal. Als der Abend im Kulturhaus zu Ende geht, sagt ein junger Mann ins Mikrofon: "Ich finde es toll, dass es Leute gibt, die sich Gedanken machen, wie man das verschlafene Dorf wieder aufwecken kann."

Bewertung des Artikels: Ø 2 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...