Von Überfluss bis Mangel -Die drei Damen von der Tafel

Die Tafeln funktionieren vor allem dank Rentnern, die sich gebraucht fühlen wollen. Doch Nachwuchs fehlt, auch in Sachsen. Wer verteilt in Zukunft Essen an Bedürftige? Die Chemnitzer Vereinschefin macht einen Vorschlag.

Chemnitz.

Draußen stehen Menschen Schlange, warten in der Vormittagssonne darauf, dass die Tür aufgeht. Drinnen ist eine Handvoll Frauen und Männer seit Stunden beschäftigt - sie sortieren Brötchen, Paprika, Chipstüten und Kräutertöpfchen. Aus nackten Tischen und Regalen entsteht ein kleiner Laden für die, die vor der Chemnitzer Tafel Schlange stehen.

Tafeln sind eine Naht zwischen Überfluss und Mangel. Doch die Naht steht unter Spannung.

Zwischen Bergen gespendeter Lebensmittel stehen drei alte Damen, packen routiniert mit an. 79 sind sie, alle drei. Ihre Terminkalender sind voll - doch zwischen Enkelgeburtstag und Seniorensport schieben sie jede Woche eine Schicht in der Ausgabestelle; Ingrid Feigl seit Mitte der 1990er. Damals wurde die Wismut-Angestellte arbeitslos. Magdalene Simon kam 2002 dazu. Die ehemalige OP-Schwester wollte mit Menschen arbeiten, auch als Rentnerin. Renate Heider ist gelernte Programmiererin, hat aber ihr Berufsleben lang "was Soziales" gemacht, wie sie sagt. Zuletzt im Obdachlosenheim, als Rentnerin dann in der Tafel.

Die Tafeln leben durch Menschen wie die drei Damen: Rentner, die sich gebraucht fühlen wollen. Das sagt Christiane Fiedler, eine von vier Festangestellten im Verein. Dazu kommen vier Bundesfreiwilligendienstler - und fast 60 Ehrenamtler. Die meisten sind seit Jahren dabei. "Wir sind zusammen alt geworden", sagt Fiedler und lächelt. Das spricht für ein funktionierendes Miteinander - und kaschiert doch ein Problem: Der Nachwuchs fehlt - und zwar nicht nur in Chemnitz.

Die Ehrenamtler werden immer älter, bestätigt Matthias Thomas vom Landesverband, der alle 40 Tafeln in Sachsen überblickt. "Die meisten sind jenseits der 60." Noch eine Ebene weiter oben, beim Bundesverband, hat man deswegen eine Petition gestartet. Sie richtet sich an SPD-Sozialminister Hubertus Heil und fordert Rentenpunkte fürs Ehrenamt, um Jüngere zu ködern.

Warum sie sich das noch antue, fragen Bekannte Ingrid Feigl manchmal. Ihre Augen tasten die Kisten voller Gemüse, Obst und Brot ab. "Naja", sagt sie. "Ich hab das ja hier mit aufgebaut. Das ist mein zweites Wohnzimmer." Sie bleibe, solange sie könne. Magdalene Simon aber wird wohl im neuen Jahr aufhören. Es geht gesundheitlich nicht mehr, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Wer versorgt die Bedürftigen in fünf Jahren oder in zehn, wenn die rüstigen Rentner es nicht mehr können? Die Chemnitzer Tafel-Chefin Fiedler und Matthias Thomas haben darauf eine klare Antwort. "Es muss mehr Festangestellte geben." Doch dafür fehlen die Mittel. 2017 und 2018 gab es vom Freistaat 400.000 Euro für die Tafeln in Sachsen. Das war für Investitionen; Fahrzeuge etwa oder Kühlhäuser. Dafür sei sie dankbar, betont Christiane Fiedler. "Aber irgendwann ist man auch mal ausgestattet." Für Personalkosten wäre eine strukturelle Förderung nötig. Thomas fände das angebracht. Schließlich übernehme der Verein staatliche Aufgaben - was er eigentlich nicht leisten könne.

Genau das monieren Kritiker der Tafeln: Sie zementieren Armut, weil sich der Staat auf ihre Arbeit verlässt. Anfangs war es sogar Ziel der Tafeln selbst, sich selbst überflüssig zu machen. Doch nach 25 Jahren habe sich dieses Selbstverständnis gewandelt, sagt Evelin Schulz, Geschäftsführerin der Tafeln in Deutschland. Die Politik komme den großen Herausforderungen oft nicht ausreichend nach "Mit Blick auf größer werdende Alters- und Kinderarmut, Zuwanderung, Ausgrenzung und Landflucht wäre das unverantwortlich - und irrealer denn je", so Schulz.

Sachsens CDU-Sozialministerin Barbara Klepsch hat einst selbst eine Tafel mit aufgebaut: die in Annaberg-Buchholz. In der Stadt hat der Landesverband vor ein paar Tagen Ehrenamtler ausgezeichnet, die sich in besonderem Maß engagieren. Darunter waren die drei Damen aus Chemnitz. "Ständig haben sie unser Alter betont", sagt Magdalene Simon. Das war ihnen unangenehm. Über die Ehrung gefreut haben sie sich dennoch. Auch die Ministerin war da. Die Tafeln seien nicht nur Essenausgaben, sagte sie, sondern auch Anlaufpunkt für Menschen, die einsam sind. Offenes Ohr, freundlicher Blick. Daseinsfürsorge leisten sie jedoch nicht, heißt es aus dem Sozialministerium. Die sei durch Transferleistungen grundsätzlich erfüllt. "Tafeln übernehmen daher keine staatliche Aufgabe, sondern unterbreiten ein zusätzliches, zivilgesellschaftliches Angebot."

Nach dieser Lesart käme eine strukturelle Förderung wohl einem Eingeständnis gleich. Dem nämlich, dass da eine Lücke klafft.

Aus der Chemnitzer Tafel treten Menschen mit prall gefüllten Tüten in die Vormittagssonne. Warum sie hierherkommen? Ein junger Mann lacht, es klingt bitter. Arbeitslos sei er und krank. Einen Teil der Medikamente müsse er selbst zahlen. "Gäbe es keine Tafeln, würde ich im Müll wühlen", sagt er. "Oder klauen."

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1Kommentare
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  • 3
    0
    450893
    26.10.2018

    Es sind doch sicher nicht nur Alte und kranke Menschen, die zur Tafel kommen, sondern auch viele Jüngere, die nicht berufstätig sind. So würde ich sagen, diese können sich doch hier auch ehrenamtlich betätigen und nicht nur die vollen Tüten abholen.



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