Vor der Vernehmung kam der Tod

Im NSU-Verfahren gibt es Zeugen, die ihre Vernehmung nicht mehr erleben. Einer starb urplötzlich an bisher unentdeckter Diabetes. Ein anderer soll sich selbst angezündet haben.

Chemnitz.

Die Vernehmer kamen zu spät. Als Leiche konnte Thomas R. keine Fragen mehr beantworten. Der Hallenser Neonazi sei Ende März tot in seiner Wohnung im westfälischen Ort Schloß Holte-Stukenbrock gefunden worden, informierte der Verfassungsschutz im April das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags. In Westfalen untergebracht hatte man Thomas R., als 2012 im Zuge der Ermittlungen zum Terrornetzwerk "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) seine Tätigkeit als Spitzel enttarnt worden war. Im Raum Halle/Leipzig konnte Thomas R. nicht länger bleiben. Zehn Jahre hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ihn als V-Mann "Corelli" geführt. Von seinem V-Mann-Führer wurde Thomas R. als "Spitzenquelle" gelobt. Er galt als einer der bestbezahlten V-Männer.

"Bemerkenswert an der Quelle" war nach Urteil des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags nicht nur, dass ihr Name samt Telefonnummer auf der Kontaktliste des Uwe Mundlos aufgetaucht war. Die Liste hatte man bei jener Garagen-Razzia beschlagnahmt, die 1998 zum Abtauchen des Trios Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe führte. Bemerkenswert sei auch, dass "Q1" als einziger Quelle des BfV der Kontakt mit einem Mitglied des Trios nachweisbar sei, hielt der Bundestagsausschuss 2013 in seinem Schlussbericht fest. Dort ging man auf drei bisher bekannte Quellen ein, die allein der Bundesverfassungsschutz im NSU-Umfeld geführt hatte. Für den öffentlichen Bericht nannte man sie Q1, Q2 und Q3. Q1 war der Hallenser Thomas R., alias "Corelli" oder "HJ Tommy", wie Szene-Kameraden ihn nannten.

Mit R.s Kontakt zum Trio war eine Begegnung mit Mundlos vor dessen Abtauchen gemeint. Durch "Corellis" Treffen mit Mundlos habe der Geheimdienst erst von der Gründung einer "Kameradschaft Jena" erfahren, sagte "Corellis" Ex-V-Mann-Führer vorm Ausschuss.

Bemerkenswert an "Corelli" fand der Ausschuss zudem, dass er "im Auftrag des BfV Kontakt zum Herausgeber des Fanzines 'Der Weisse Wolf' hatte." In einer Ausgabe dieses Neonazi-Heftchens aus dem Jahr 2002 stieß man später auf eine Danksagung an "den NSU" - eine Reverenz fast zehn Jahre, bevor der Begriff bekannt und mit Terrorakten in Verbindung gebracht wurde.

An "Corellis" Befragung durch das Bundeskriminalamt (BKA) im Zuge der NSU-Ermittlungen war vor allem eines offensichtlich: Das Desinteresse der Vernehmer. Niemand stutzte, als Thomas R. behauptete, das Trio kenne er nur aus dem Fernsehen. Niemand bohrte nach, als Thomas R. beteuerte, wie seine Nummer auf Mundlos' Liste komme, sei ihm nicht erklärlich. Es könne mit seinem Vertrieb von Szene-Musik zu tun gehabt haben. Von Thomas R.s Spitzel-Tätigkeit steht nichts im sechsseitigen Vernehmungsprotokoll (liegt der "Freien Presse" vor). Der Geheimdienst hatte "Corelli" zuvor instruiert, die Wahrheit zu sagen, seine Verbindung zum BfV aber zu verschweigen. Beim Verfassungsschutz selbst hielt man Thomas R. später seine im Fachjargon "Deckblattmeldungen" genannten Berichte über das Treffen mit Mundlos vor. Doch auch dort beharrte "Corelli" darauf, von ihm hätten die Berichte nicht gestammt.

Welche Version stimmt? Die des V-Manns oder die seines Führers? Diese Frage wird "Corelli" nicht mehr aufhellen können. Angeblich starb der 39-Jährige an den Folgen einer nicht diagnostizierten Diabetes-Erkrankung.

Auch neue Fragen, mit denen man "Corelli" konfrontieren wollte, bleiben so unbeantwortet. Wie das Nachrichtenmagazin "Spiegel" berichtete, ging dem Hamburger Verfassungsschutz eine Daten-CD aus der Neonazi-Szene zu, die eine weitere Verbindung "Corellis" zum NSU nahelegt. Die CD trug den Titel "NSU/NSDAP" und enthielt Tausende Datensätze rechtsextremen Inhalts, von Fotos über Kampfschriften bis zu Zeichnungen und Karikaturen. Bei einigen Inhalten machte man "Corelli" als Urheber aus.

Besondere Wellen schlägt der Tod des V-Manns in Baden-Württemberg. Dass dort gerade erneut der Ruf nach einem eigenen Untersuchungsausschuss laut wird, liegt an zwei Dingen. Zum einen sind da die Kontakte, die "Corelli" zu dem von Baden-Württemberg aus geführten deutschen Ableger der rassistischen Bruderschaft Ku Klux Klan (KKK) hatte. Zum anderen provoziert die zeitliche Nähe seines Todes zu seiner geplanten Vernehmung Fragen. Letztere rief in Württemberg Erinnerungen an Vorgänge vor einem halben Jahr wach. Da ging ein anderer Zeuge am Tag seiner geplanten Vernehmung in Flammen auf.

Doch der Reihe nach: Die Kontakte, die V-Mann "Corelli" zum Ku Klux Klan unterhielt, waren vom Bundesverfassungsschutz gesponsert. Sein Flug in die USA, um im Mutterland des KKK Weihen der Klan-Brüder zu empfangen, wurde gar als Dienstreise abgerechnet. In Baden-Württemberg war "Corellis" engste Bezugsperson Achim S., der den deutschen Ableger "European White Knights of the Ku Klux Klan" gegründet hatte.

Dieser Achim S. ist ein verbindendes Puzzlestück zwischen der frühen NSU-Unterstützer-Szene aus Chemnitz und jener Böblinger Bereitschaftspolizei, der die 2007 in Heilbronn erschossene Polizistin Michèle Kiesewetter angehörte. Zwei Böblinger Polizeibeamte, darunter Gruppenführer Timo H. von Kiesewetters Beweisfestnahmeeinheit 523, hatten Jahre vor dem Kiesewetter-Mord selbst Achim S.' Ku-Klux-Klan-Ableger angehört. Am Tag von Kiesewetters Ermordung war Timo H. deren Einsatzleiter.

Anders als von offiziellen Stellen in Baden-Württemberg zunächst behauptet, hatte Achim S. sehr wohl Kontakte nach Sachsen, besonders nach Chemnitz, und das bereits seit den 90er-Jahren. In Observationsprotokollen, die Sachsens Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) zu seinen "Terzett-Observationen" im Jahr 2000 anfertigte, wird Achim S. als Kontaktperson von Chemnitzer Neonazis genannt, die man beschattete, um das Trio aufzuspüren. Diese Geheimdienstprotokolle liegen "Freie Presse" größtenteils vor.

"In den Jahren 1997 bis Mitte 2000 bestand Kontakt zu sächsischen 'Fanzine'-Machern, Bands und Organisatoren, zu denen auch Ralf 'Manole' M. und Jan W. gehörten." Das sagte Achim S. selbst in seinem Verhör aus, wenngleich er beteuerte, vom NSU-Trio niemanden gekannt zu haben. Allein der Kontakt zum Chemnitzer Jan W. ist interessant. Der schließlich soll 1998 vom Trio beauftragt gewesen sein, erste Schusswaffen zu besorgen.

Dass die Chemnitzer NSU-Unterstützer-Szene seit den 1990er-Jahren Kontakte nach Baden-Württemberg unterhielt, ist bekannt ("Freie Presse" vom 17. Dezember 2012). Jan W. arbeitete in Stuttgart. Ein weiterer Chemnitzer spielte in der Württemberger Nazi-Band "Noie Werte", mit deren Liedern eine frühe Version des Bekennervideos zur NSU-Mordserie vertont war. Eine dritte mutmaßliche Kontaktperson des Trios aus Chemnitz organisierte seit dem Umzug nach Heilbronn Partys der dortigen Szene.

Später habe es sogar Kontakte zwischen dem NSU und einer in Baden-Württemberg ansässigen sogenannten "Neo-Schutz-Staffel" (NSS) gegeben. Das sagte der Szene-Aussteiger Florian H. aus Eppingen bei Heilbronn aus, den man im Januar 2012 als Zeugen hörte. Die NSS bezeichnete der junge Mann als neben dem NSU "radikalste Gruppe" in Deutschland. Das Treffen der Gruppen habe in Öhringen stattgefunden, so Florian H. Der Ort bei Heilbronn ist Heimatort von Nicole Schneiders, jener Anwältin, die nicht nur derzeit den mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben im Münchner NSU-Prozess verteidigt, sondern zusammen mit diesem zeitweise auch den NPD-Kreisverband Jena geleitet hatte.

Auch mit der Zeugenaussage von Szene-Aussteiger Florian H. befasste sich der Parlamentarische Untersuchungsausschuss des Bundestags. In seinem auf den 23. August 2013 datierten Schlussbericht findet sich die Einschätzung, H.s Hinweis sei durch die Sonderkommission Parkplatz "nicht verifiziert" worden. Drei Wochen später war der Zeuge tot. Er starb an exakt jenem Tag, an dem er vom Stuttgarter LKA einbestellt war, um von der Ermittlergruppe NSU-Umfeld nochmals vernommen zu werden.

Die Umstände seines Todes geben Rätsel auf. Ein Zeuge beschrieb, dass der 21-Jährige in einen auf der Zufahrt zum Campingplatz Cannstatter Wasen abgestellten Wagen stieg. Dieser sei dann explodiert und ausgebrannt. Für die Polizei war der Fall schnell geklärt. Niemand sonst sei am Fahrzeug gesehen worden. Der junge Mann habe Probleme mit der Freundin gehabt. Somit habe es sich um Selbstmord gehandelt.

Florian H.s Eltern treten dem entgegen. Ihr Sohn habe keinen Beziehungsstreit gehabt. Er sei lebenslustig, wenn auch in den letzten Tagen ängstlich gewesen. Er habe sich verfolgt gefühlt. Die Selbstverbrennungs-Hypothese fand Mutter Heike H. absolut "unglaubwürdig". In einem Magazin-Interview betonte sie, Florian habe doch eine Lehre als Krankenpfleger begonnen gehabt. "Er hat Wissen angehäuft, mit dem man sich sicher weitaus weniger schmerzhaft das Leben hätte nehmen können." Auch von einem Abschiedsbrief gab es keine Spur.

Die Quellen des Bundes-Verfassungsschutzes Q1, Q2 und Q3

Im Abschlussbericht befasste sich der Untersuchungsausschuss neben Quelle 1 ("Corelli") mit weiteren V-Männern (Q2 und Q3). Zunächst intervenierte das Innenministerium und wollte all diese Passagen aus dem Bericht streichen. Sie blieben erhalten. Q2 ist der Sebnitzer Hammerskin Mirko H., der das Heft "Hassattacke" herausgab und das Plattenlabel "Hate Records" führte. Für Geschäfte in der Szene bekam er sogar Fördergeld.

Q3 ist der Zwickauer Szeneshop-Betreiber Ralf "Manole" M. (in der Schweiz untergetaucht). Wenn der Ausschuss urteilt, nur Thomas R. sei Kontakt zum Trio nachweisbar, liegt der Akzent auf nachweisbar. Ein Geschäftspartner von Ralf M. gab an, in einem Geschäft, das Ralf M. und er in Zwickau betrieben, sei Beate Zschäpe ein- und ausgegangen, habe vielleicht sogar dort gejobbt. Mit "Manole" habe sie sich gut verstanden.

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