Wandlung des "Ebay-Dorfes"

Das 700 Jahre alte sächsische Dorf Liebon wurde über eine Auktion im Internet bekannt. Mit der Sanierung des Vierseithofes erfüllt sich sein Retter nun den Traum von einem Mehrgenerationenprojekt. Die Sonne hilft mit.

Liebon.

Der Herbst zeigt sich von seiner nebligen Seite. Das letzte Laub der Alleebäume hängt welk und nass an den Zweigen. Die Photovoltaikmodule auf dem Wohnhaus des 700 Jahre alten Vierseithofs warten an diesem Tag vergeblich auf einen wolkenlosen Himmel. Andreas Reitmann öffnet das Metalltor: "Normalerweise scheint in Liebon immer die Sonne", schmunzelt er. Bekannt wurde das Mini-Dorf bei Bautzen, weil der Vorbesitzer es bei Ebay verkaufen wollte. Seinen Retter fand es 2012 über eine Grundstücksauktion. Nun können die ersten Mieter in den Energiehof einziehen.

Reitmann schlägt sich den Kragen seiner Jacke hoch und lässt seinen sechs Monate alten Schäferhund über die Straße laufen. Sein Anwesen liegt in einer leichten Senke, an einer alten Scheune sind noch die verblichenen Buchstaben für "Restpostenmarkt" zu lesen. "Bei einer Feier mit Harley-Fahrern hat mich ein Freund gefragt, ob ich schon vom Ebay-Dorf gehört hätte", erinnert sich der 52-Jährige. Der Unternehmer mit Wurzeln in Leverkusen im Rheinland träumte damals schon von einem nachhaltigen Leben in einer großen Gemeinschaft - ein Mehrgenerationenprojekt, wo sich einer um den anderen sorgt, ein paar Tiere leben und vorhandene Ressourcen von der Sonnenenergie bis zum Essen vom Bauern gleich nebenan genutzt werden.

Bei seiner Ankunft begegneten dem gelernten Kaufmann die Eigentümer zuerst mit Skepsis. Sie hatten schon zu viele Interessenten kommen und gehen sehen. Für Reitmann waren das Wohnhaus, der Stall und die Scheune auf 3500 Quadratmetern quasi Liebe auf den ersten Blick. Nach beruflichen Abstechern als Spezialist für erneuerbare Energien in Köln, München und Dresden ahnte er, dass er in dieser abgeschiedenen Idylle seine Visionen verwirklichen kann.

"Wenn ich heute die Augen schließe, sehe ich hier Kinder über die Wiese springen. Da hinten in einem Restaurant sitzen ein paar Gäste. Die Ferienwohnungen sind belegt. Urlauber fahren mit einem E-Auto zum Besuch nach Dresden, Bautzen, Kamenz oder ins Kloster nach Panschwitz-Kuckau", sagt er.

Doch Reitmann denkt seine Visionen für die Idylle noch viel größer. Er geht um das erste von den vier Häusern, auf dessen Dach wie auch auf einem weiteren die Photovoltaikmodule (PV) liegen. Er zeigt auf eine Wand. "Auch hier kommen PV-Elemente hin. Unsere Energie erzeugen wir zu 100 Prozent kohlendioxidfrei mit Sonnenenergieüberschüssen für Strom, Warmwasser und Heizung", sagt der Liebon-Eigentümer. Mitten auf dem Hof liegt außerdem ein Brunnen, dahinter im noch unsanierten Stall züchtete zu DDR-Zeiten eine LPG Tausende Hühner. Jetzt staksen nur noch ein paar gackernde Eierleger im improvisierten Gatter. Auch das ist Liebon.

Dazu gibt es im kleinsten sächsischen Dorf eine Pflanzenkläranlage. Eine öffentliche E-Tankstelle wird demnächst an dem ökologischen Mehrgenerationenhof angeschlossen. Alte Baustoffe werden wiederverwendet, damit die Seele der alten Gemäuer erhalten bleibt. Gut 1,5 Millionen Euro hat der Solarstrom-Unternehmer bislang in Entkernung, Sanierung und Neubau gesteckt. Nun sind für die sieben Wohneinheiten erste Verträge unterschrieben. Als erste Mieter werden Ende des Jahres junge Familien nach Liebon ziehen. Über diese Neu-Lieboner freut sich der Gödaer Bürgermeister Gerald Meyer.

Liebon ist einer von 32 Ortsteilen der Gemeinde. "Schön ist, wenn in leerstehende Höfe wieder Leben einzieht. Diese kleinen, erschlossenen Ortsteile dürfen doch nicht verfallen. Und es bringt uns doch nichts, immer neue Wohngebiete auf der grünen Wiese auszuweisen", sagt der 57-Jährige. Der Lieboner Energiehof sei für die Gemeinde ein Vorzeigeprojekt. Nach seinem Eindruck suchen gerade junge Familien das Ländliche. Dabei falle die Wahl häufig auf die Gemeinde Göda wegen der guten Anbindung zur Autobahn wie zu den Städten Bautzen und Dresden. Währenddessen arbeitet Reitmann schon am nächsten Bauabschnitt. Ferienwohnungen sollen entstehen. Auch ein Restaurant ist geplant. Doch der Unternehmer hat gelernt, kleine Schritte zu gehen. "Natürlich dachte ich mir, dass alles etwas schneller geht", sagt er, während er den knapp 300 Meter langen Weg zwischen den Ortsschildern seines Dorfes zurücklegt. "Lebensprojekt" nennt Reitmann seine Idee eines gemeinschaftlichen Dorfes und will weiter nach Menschen suchen, die diese Vision mittragen möchten.

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