Warum künftige Lehrer Sachsen verlassen

Verzweifelt versucht das Land, Pädagogen auch in ländlichere Regionen zu locken. Eine neue Studie zeigt, dass sehr viel vom Referendariat abhängt.

Dresden.

Die aktuelle Lage ist ziemlich verzwickt. Um genügend neue Pädagogen für das nächste Schuljahr zu finden, ließ sich Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf eine lässige Kampagne mit Schauspieler Hendrik Duryn ein. Erstmals konnten sich angehende Lehrer online bewerben. Und nicht zuletzt führte Sachsen zu Jahresbeginn die Lehrerverbeamtung ein.

Ob das reicht, um wie gewünscht ab 1. August 1100 Lehrerstellen neu zu besetzen, ist dennoch unklar. Zwar gingen bis Fristende mehr als 1200 Bewerbungen ein. Sie waren allerdings nicht wirklich passgenau: Mehr als 600 Lehrer zieht es an Gymnasien, an denen jedoch nur 123 Stellen zu besetzen sind. Die anderen 600 Bewerber verteilen sich nicht nur auf alle anderen Schularten, sondern auch regional alles andere als nach Bedarf. Deshalb bat Piwarz die Lehrer um eine "vorurteilsfreie Prüfung und Offenheit, auch in einer anderen Region und Schulart den Dienst anzutreten".

Weil es dann noch Mangelfächer wie Physik gibt, hängt der Zuschlag für die Wunschregion vor allem von der Fächerkombination ab. Für Grundschulen am Standort Leipzig, wo sich 147 Interessenten für 76 Stellen gemeldet hatten, war laut Kultusministerium entscheidend, wer "als Viertfach Werken, Musik, Ethik sowie teilweise Sport - bei entsprechender Zusatzqualifikation - vorweisen" konnte. Die anderen Bewerber wurden im Mai in Gruppen zu zehnt ins örtliche Landesamt für Schule und Bildung gebeten, wo ihnen eine Einstellung im Raum Chemnitz oder Zwickau nahegelegt wurde. Ihnen wurden "Übersichten mit möglichen Grundschulen der Zielregion übergeben" - und eine Frist von wenigen Tagen gesetzt, bis zu der sie sich entscheiden sollten.

Ein Vorgehen, das die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Cornelia Falken, empört: "Ich kann verstehen, dass das Landesamt die jungen Lehrer umlenken will. Wenn das Erfolg haben soll, muss man das aber anders machen." Nicht nur, dass die Bewerber mehr Zeit für eine Entscheidung bräuchten. Wer ernsthaftes Interesse an ihnen habe, sollte Einzelgespräche führen, am besten mit Schulleiter und Bürgermeister - und auch die Fahrtkosten zur Schule erstatten. "Sonst verliert Sachsen wieder viele junge neue Lehrer - und das können wir uns wirklich nicht leisten", warnte Falken. Dass die Rückmeldefrist inzwischen auf den 11. Juni verlängert wurde, wertet sie als erstes Zeichen - hofft aber, dass das Land bei den nun anstehenden Gesprächen mit den Gymnasiallehrern anders verfahre.

Dass der Bedarf in den nächsten Jahren hoch bleiben wird, bestätigte auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD), als sie am Donnerstag Ergebnisse einer neuen Studie vorstellte. Dieser liegen die Antworten von 1225 der knapp 4300 Lehramtsabsolventen zugrunde, die zwischen 2014 und 2017 erfolgreich ihre Prüfung in Sachsen ablegten. 60 Prozent hatten demnach bereits die Hochschulzugangsberechtigung in Sachsen erworben, knapp zehn Prozent kamen aus Westdeutschland. Den Vorbereitungsdienst hätten 70 Prozent der Befragten entweder bereits in Sachsen absolviert oder im Blick, neun Prozent in den alten Bundesländern. Für Sachsen ausschlaggebend seien vor allem private Gründe und die Nähe zum Heimatort gewesen, stellte Bildungsforscher Karl Lenz vom Kompetenzzentrum der TU Dresden fest.

Von denen, die nicht in Sachsen blieben, hätten die meisten dies mit der besseren Arbeitssituation und finanziellen Vergütung woanders begründet. Die Hälfte kreuzte "Unzufriedenheit mit der sächsischen Bildungspolitik" und den - in Sachsen ja erst seit 2019 erfüllbaren - "Verbeamtungswunsch" als zutreffend an. Dass jeder Dritte sein Abwandern auch mit der "Unzufriedenheit mit dem politischen Klima in Sachsen" erklärte, nannte Stange einen "erschreckend hohen Anteil". Knapp zehn Prozent gaben an, in Sachsen abgelehnt worden zu sein - was durch die Verdopplung auf jetzt 2050 Referendariatsplätze mittlerweile nicht mehr vorkommen soll.

"Die ganz kritische Stelle ist der Vorbereitungsdienst", mahnte Lenz. "Es ist ungleich schwieriger, jemanden zurückzuholen als jemanden, der schon da ist, hierzubehalten." 94 Prozent der befragten Ex-Referendare in Sachsen blieben laut Studie auch danach als Lehrer im Freistaat.

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13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    0
    Zeitungss
    16.06.2019

    @tbauk...: Wenn das so ist, ziehe ich den Hut, hätte allerdings für meine und nicht nur meine Belange auch etwas mehr Verständnis erwartet. Gut. Von Ihrem gestrigen Beitrag zum Thema Bundeswehr in Schulen war ich begeistert und ich wünschte es gäbe mehr Lehrer mit dieser Einstellung. Ob diese richtige Einstellung unter Beamtenrecht auch "machbar" wäre, lasse ich einmal offen, man gehört schließlich dem Land um es einmal einfach auszudrücken. Bleiben Sie dran, was die "Kriegsspiele" im Klassenzimmer betrifft, diese Truppe hat dort NICHTS verloren.

  • 2
    0
    tbaukhage
    16.06.2019

    @Zeitungss: Ich bin Lehrer sein mehr als 35 Jahren, engagiere mich gesellschaftspolitisch für meine Kollegen und lehne Verbeamtung unseres Berufsstandes strikt ab. Ja, und?

  • 0
    0
    Zeitungss
    15.06.2019

    @tbauk...: Kam doch heute die "Auflösung" für Ihre Argumentation, wenn auch ungewollt, Lehrer, was mich Ihre Beiträge natürlich wesentlich besser verstehen lässt. Die Schüler waren mit Sicherheit weniger für rot.

  • 1
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    Zeitungss
    11.06.2019

    @tbauk...: Natürlich nicht alle. Die Ursachen wurde damals reichlich diskutiert, welche bekannt sein dürften. Hier geht es eher um die Früchte dieser Aktion und was für die Schüler hängen bleibt und nicht um Neid. Es nimmt jeder das mit was er bekommen kann, dürfte ein alter Hut sein und es wird auch in Zukunft so bleiben. 16 BL in Sachen Schulwesen unter einen Hut zu bringen und zu vereinheitlichen, bleibt eine unlösbare Aufgabe, es würden Posten überflüssig, was keinesfalls geht und jeder verstehen wird. Mein Vergleich zwischen Gewinner und Verlierer dürfte nicht so abwegig sein, wie die roten Daumen bezeugen, welche mit Sicherheit nicht aus den Reihen der Schüler kommen, mir geht es aber um die Zukunft unserer Kinder, welche eher weiter UNTEN angesiedelt ist. Meine damalige Vorhersage ist aktueller denn je, auch wenn man es gerne aus der Öffentlichkeit haben möchte.

  • 3
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    tbaukhage
    10.06.2019

    @Zeitungss: Nicht "die Lehrer", sondern ""einige der Lehrer (ca. 25%)".
    Und die roten Daumen wird es wohl vor allem für den stets durchscheinenden Vorwurf gegeben haben, der sich an eben diese Berufsgruppe richtete. Richtig wäre es, unsere famose Regierung dafür verantwortlich zu machen! Die Jungbeamten haben lediglich die Möglichkeiten genutzt, die ihnen nun geboten wurden.
    Schaunmermal, wie sich diese Angelegenheit entwickelt, wenn in den kommenden fünf Jahren die "Alten" in ihren wohlverdienten Ruhestand gehen werden...

  • 0
    2
    Zeitungss
    10.06.2019

    Ich fasse einmal zusammen, für den hohen finanziellen Aufwand der Steuerzahler, gibt es eine kleine Gruppe Profiteure, die Lehrer, was ich einst vorhersagte und auch so gekommen ist, trotz damals vieler roter Daumen. Die Schüler erhalten als Gegenleistung einen erweiterten Ausfallstundenplan, welcher nachweisbar ist. Man wird es trotzdem als vollen Erfolg feiern, wir leben schließlich in Deutschland. @tbauk..., trotzdem vielen Dank für Ihre Auskunft.

  • 3
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    tbaukhage
    10.06.2019

    Soviel ich weiß gibt es wohl bisher noch keine Versetzung "per Anweisung", die allein aufgrund des Beamtenstatus durchgesetzt wird.
    Allerdings wird den zahlreichen Wünschen der Neubeamten nach Teilzeit nur noch stattgegeben, wenn sie konkrete Gründe nach TV-L §11 angeben können. Ansonsten wird strikt abgelehnt.

  • 2
    0
    Zeitungss
    10.06.2019

    @tbauk...: 3. Versuch noch eine Frage nachzureichen.
    Wieviel der Verbeamteten wurden bisher an "Brennpunkte" versetzt ? Diese Frage wird niemand von den betroffenen Neubeamten hören wollen.

  • 2
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    tbaukhage
    08.06.2019

    @Zeitungss: Gerne! Drei Zahlen - kann jeder für sich bewerten...

    1) Per April_19 haben sich etwa 220 Beamte aus den gebrauchten Bundesländern für einen Lehrerdienst hier in SN beworben. Das Kultusministerium konnte (oder wollte) nicht beziffern, wie viele davon im sog. Lehreraustauschverfahren hierher gekommen sind (priv. Schätzung: 50%).

    2) Seit Jan_19 wurden ca. 7500 Verbeamtungsverfahren abgeschlossen (bzw. laufen noch). Davon waren 7300 (also abzüglich der o.g. Zugänge) bereits im System.

    3) SN zahlt für die neuen Beamten allein 2019 ca. 180 Mill Euro in die Pensionskasse. Die Gehälter sind da noch nicht mitgerechnet.

  • 1
    1
    Zeitungss
    07.06.2019

    Fragt mal jemand nach den Früchten der Verbeamtung ? ? ? Der sächsische Bürger musste sich verausgaben, es war bekanntlich das Allheilmittel, mehr Ausfallstunden stehen bisher als greifbares Ergebnis im Raum. Ich höre mir auch gerne die Gegenseite an.

  • 8
    0
    HHCL
    07.06.2019

    "Ihnen wurden "Übersichten mit möglichen Grundschulen der Zielregion übergeben" - und eine Frist von wenigen Tagen gesetzt, bis zu der sie sich entscheiden sollten."

    Genau dieses Gebaren ist das Problem! In den Ämtern und Behörden hat man nach wie vor ein Auftreten, das angesichts des Lehrermangels und generell indiskutabel ist. Lehrer werden hier immer noch als zu kontrollierendes und an der kurzen Leine zu führendes Etwas betrachtet, das bitte nach den Wünschen der Behörde zu tanzen hat, und nicht als studierte Erwachsene mit dem man gemeinsam(!) nach Lösungen sucht.

    Wer soll den mit diesen Methoden für eine wenig attraktive Region begeistert werden? Was für ein Arbeitsklima hat man denn zu erwarten, wenn man bereits beim Einstellungsverfahren behandelt wird wie der letzte Husten? So lange Inkompetenz und Arroganz in den Amtsstuben vorherrscht, wird es nichts werden!

    Leuten, die mit mir so umgehen, würde ich mich niemals als Beamter ausliefern.

  • 7
    5
    fschindl
    07.06.2019

    @872889 "Die hohe Anzahl von abwandernden jungen Lehrern „wegen Unzufriedenheit mit dem politischen Klima in Sachsen“ ist aus meiner Sicht nicht verwunderlich und beschränkt sich auch nicht nur auf den Bereich der Lehrer"

    das interpretieren Sie leider völlig falsch..86% der Absolventen von hier bleiben laut Studie in Sachsen...auch ihre hochqualifizierten Bekannten mit dem gleichen Argument kann ich nicht nachvollziehen...zu 99% sind das finanzielle Anreize oder komplett fehlende Jobs...

  • 9
    6
    872889
    07.06.2019

    Die hohe Anzahl von abwandernden jungen Lehrern „wegen Unzufriedenheit mit dem politischen Klima in Sachsen“ ist aus meiner Sicht nicht verwunderlich und beschränkt sich auch nicht nur auf den Bereich der Lehrer. Jedenfalls sind mir einige hochqualifizierte Menschen bekannt, die zumindest mit aus diesem Grund Sachsen verlassen haben. Und es werden immer mehr. Aber wen verwundert es, wenn selbst eine gut situierte Mittelschicht nur noch auf hohem Niveau jammert und man sich mitunter schämen muss, Sachse zu sein - auch wenn man hier natürlich nicht alle über einen Kamm scheren sollte und das nicht nur auf Sachsen zutrifft. Aber vielleicht sollten die Nörgler und Stimmungsmacher mitunter mal etwas ehrlicher zu sich sein - denn deren Kinder und Enkel werden es eventuell auch sein, die sich hier nicht mehr wohl fühlen. Dabei muss man sicher auch nicht alles durch die rosarote Brille sehen, aber vieles, was gut ist, auch nicht immer schlecht reden - und davon gibt es eine Menge.



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