Was historische Stauanlagen heute leisten

Das Stausystem bei Großhartmannsdorf diente einst dem Silberbergbau in der Region. Heute ist es für die Wasserversorgung der Menschen und der Industrie wichtig. Durch den Weltkulturerbe-Titel rücken die alten Gräben und Stollen mehr in den Fokus.

Großhartmannsdorf.

Sie sind zum Teil fast 500 Jahre alt, aber heute noch unverzichtbar für die Trink- und Brauchwasserversorgung in Sachsen: die Kunstteiche, Gräben und Wasserstollen bei Großhartmannsdorf (Mittelsachsen). Das Stauanlagensystem diente einst dazu, den Silberbergbau im Freiberger Revier mit Wasser zu versorgen. Heute wird es Revierwasserlaufanstalt Freiberg (RWA) genannt und intensiv wasserwirtschaftlich genutzt. Die Anlagen sind ein wichtiger Bestandteil des Talsperrenverbundsystems im Erzgebirge, über den die Großräume Dresden, Freiberg und Chemnitz mit Trink- und Brauchwasser versorgt werden.

Mit dem Unesco-Welterbetitel wird auch die RWA stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Das unter Denkmalschutz stehende System war auch Bestandteil des Welterbe-Antrags. Umweltminister Thomas Schmidt (CDU), der jüngst den Unteren sowie den Oberen Großhartmannsdorfer Teich besuchte, erklärte dazu: "Wenn wir uns heute gemeinsam über die Aufnahme der Montanregion Erzgebirge in das Unesco-Weltkulturerbe freuen, dann haben die alten wasserwirtschaftlichen Anlagen einen großen Anteil daran, dass der Bergbau das Erzgebirge über Jahrhunderte prägen konnte. Die historischen Anlagen werden künftig stärker in die Öffentlichkeit gebracht. Wir wollen zeigen, welche Potenziale die Region außerhalb der saisonalen Ziele wie etwa Weihnachtsmärkte oder Skilaufen noch zu bieten hat."

"Wir sind in der Tat sehr frühzeitig bei der Bewerbung eingebunden worden. Der Welterbetitel wird uns mehr Aufmerksamkeit bringen. Der Betrieb der Wasserwirtschaft und die Unterhaltung der Teiche aber hat für uns Vorrang", so Frank Hunger von der Landestalsperrenverwaltung (LTV), Betriebsleiter Freiberger Mulde/Zschopau. Einen gewissen Aufwand habe man laut Hunger aber wegen des Denkmalschutzes immer schon gehabt. Zusätzliche Maßnahmen in die Zugänglichkeit der Anlagen seien aber denkbar, damit sich mehr Menschen die historischen Deiche, Stollen und Gräben anschauen können.

Die Landestalsperrenverwaltung bewirtschaftet heute das aus zehn Kunstteichen mit insgesamt 5,7 Millionen Kubikmetern Volumen, 51 Kilometern Kunstgräben sowie 23 Kilometern Wasserstollen (Röschen) bestehende RWA-System. Bei etwa 70 Kilometern Länge verbindet es zehn Teiche miteinander. Es wird nicht gepumpt, das System funktioniert allein durch das Gefälle. High-tech aus dem 16. Jahrhundert.

Der Freistaat Sachsen hat seit 2000 rund 33 Millionen Euro für Bau- und Unterhaltungsmaßnahmen allein für diese Anlagen aufgewendet. Die erforderlichen Finanzmittel und Personalkapazitäten für den Unterhalt der historischen Anlagen sind im aktuellen Doppelhaushalt des Sächsischen Landtages gesichert. Denn während das in etwa vergleichbare "Oberharzer Wasserregal" mehr musealen Charakter hat, muss die RWA den Spagat zwischen Historie und moderner Wasserversorgung meistern.

Der Ausbau eines Wasserspeicher- und Zuführungssystems für das Freiberger Berg- und Hüttenwesen begann auf kurfürstlichen Befehl vom 23. Januar 1558. Nach und nach wurden verschiedene Teiche für den Bergbau ertüchtigt oder neu angelegt. Dazu zählen der bereits vor 1524 bestehende Untere Großhartmannsdorfer Teich und Kunstteiche, wie der Hüttenteich, Lotherteich, Rothbächer Teich und Erzengler Teich am Münzbach. Ab 1562 erfolgte parallel dazu der Bau von Kunstgräben und Röschen. Um 1900 wurde der Freiberger Silbererzbergbau zunehmend unrentabel und man ließ ihn allmählich auslaufen. Die Revierwasserlaufanstalt bekam deshalb 1914 eine neue Funktion: Nun wurde das System nicht mehr für den Bergbau instandgehalten, sondern für die Energie- und Wasserversorgung der Region. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden der Mittlere Großhartmannsdorfer und der Obersaidaer Teich, im 19. Jahrhundert der Dittmannsdorfer und der Dörnthaler Teich. Vorerst fertig gestellt wurde das System 1882 mit dem Bau des Flöha-Wasserteilers.

Seit 1968 wird der ursprüngliche Anfangspunkt der RWA durch die Trinkwassertalsperre Rauschenbach überstaut. Von dort wird das Rohwasser bei Bedarf über den Dörnthaler Teich an die Talsperre Saidenbach abgegeben und nach Aufbereitung für die Trinkwasserversorgung des Raums Chemnitz genutzt. Über eine 2001 errichtete Druckleitung kann zudem Wasser vom Oberen Großhartmannsdorfer Teich zur Talsperre Lichtenberg gelangen. Von dort können Dresden und der Freiberger Raum mit Trinkwasser versorgt werden.

LTV-Geschäftsführer Heinz Gräfe sieht die aktuelle Lage bei der Trinkwasserversorgung in der Region entspannt: "In dieser Hinsicht haben wir keine Probleme mit der Trockenheit hier in Sachsen."

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