Was mit Benzin

Auf deutschen Straßen sind noch 32.000 Trabant und 2000 Wartburg zugelassen. Über sie wird mehr gelesen und diskutiert als sie gefahren werden. Dafür haben sie ein neues Medium.

Wie viele seiner Generation ist Sebastian Mai aus Zettlitz im Landkreis Mittelsachsen buchstäblich mit dem Trabant groß geworden. Der von seinem Großvater war es, mit dem er 1979 aus der Geburtsklinik im Karl-Marx-Städter Flemmingkrankenhaus nach Hause geholt wurde.

Bald gilt sein Interesse nicht nur den Spielzeugautos. "Opa und Vati ließen mich immer teilhaben, wenn sie an ihren Trabants herumwerkelten, erklärten mir, wie ein Auto funktioniert." Kaum, dass er führerscheinberechtigt ist, fährt er auch schon selbst einen, gebraucht, selbst für einen Schüler bezahlbar. "Es tat mir leid, wie etwas, das noch wenige Jahre vorher als begehrenswert galt, plötzlich so ins Abseits geraten war." Bald fuhr er nicht nur Trabant, sondern übte sich auch in dessen Erhalt. Er verbaute nur Originalteile, fand Gefallen daran, heruntergekommene Exemplare wiederaufzubauen. Damit war er mittendrin in der Szene, freute sich, Teil einer Gemeinschaft geworden zu sein.

Die sich entwickelnde Oldtimerszene im Osten unterscheidet sich von der des Westens, wie sich die Autos unterscheiden und die Beziehung der Menschen zu ihnen. Gerade der Trabant bot sich weiterhin als ein Gefährt an, das mit einfachen Mitteln und kleinem Geld am Leben gehalten werden kann. Dieser Umgang mit den Autos spiegelte sich in bestehenden Auto-Klassiker-Zeitschriften im Westen in den Augen vieler Ost-Oldtimer-Enthusiasten nur unzureichend wieder. Dort, so entstand der Eindruck, wurden Trabant & Co. nicht für voll genommen. Mancher vermisste den Respekt vor unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen erbrachten Ingenieurleistungen. Deshalb wünschten sich viele Ost-Oldtimerfans eine eigene Plattform, am besten eine eigene Zeitschrift. 2016 war es soweit. Seither hat sich das Magazin "79 Oktan" als ihr Begleiter etabliert. Sebastian Mai wurde Redaktionsleiter. Seine Fahrzeugkenntnisse hatte er sich über die Jahre auch über seinen Vertrieb von Ersatzteilen und einen Konservierungsservice für Altfahrzeuge angeeignet. Und als freischaffender Journalist für Klassikerzeitschriften im Westen hatte er journalistische Erfahrungen gesammelt.

Im niedersächsischen Wittingen verdient in jenen jungen Jahren des neues Jahrhunderts Rolf Mahlke als Zahnarzt gutes Geld. Mahlke tickt anders als viele seiner Kollegen, die in ihrer Vita nicht über eine einzige Staatsbürgerschaft als Bundesbürger hinausgekommen sind. Von seiner Praxis aus, unweit der ehemaligen "Staatsgrenze West", kann Mahlke sein Elternhaus im altmärkischen Hanum auf der anderen Seite der Grenze sehen. Seinen Traum, der dort entstanden ist und den er 1989 als DDR-Flüchtling über die Prager Botschaft mit in den Westen nahm, hat er verwirklicht: einen Lada 1600 zu besitzen. "Das war das Beste, was der Osten damals zu bieten hatte." Er muss lange suchen, beschäftigt sich dabei zwangsläufig mit Oldtimer-Themen, wird fündig, und es macht ihm Spaß, an Rallyes und ähnlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Ein zweites, noch sehr frisches Exemplar holt er auf eigener Achse aus Moskau. "Nur zum Angucken", sagt er. Sein Interesse gilt inzwischen allem Motorisierten, was sich einst auf DDR-Straßen bewegte. Er wird zum Sammler, legt sich weitere Ladas und Exemplare aus den ehemaligen Fuhrparks von Partei und Regierung zu.

Er ist auch selbst wieder dort unterwegs, wo er früher schon fahren durfte. Damit gerät er tief in die Oldtimerszene, Schwerpunkt Ost. Und kommt zu ähnlichen Schlüssen wie Mai und andere im Osten: Die Ost-Oldtimer und das Interesse ihrer Liebhaber, ihre Freuden und Nöte, die Umstände, unter denen sie früher genutzt wurden, kommen in den einschlägigen Medien zu kurz. Mahlke träumt von einer eigenen Zeitschrift, die diese Lücke schließen könnte. Es folgen Beratungen mit Kennern der Szene und mit Medien-Auskennern. Anfang 2016 beschließt er: Ich mache das.

Ein kühner Entschluss in einer Zeit, in der gedruckte Medien immer weniger Leser finden, das Potenzial für Anzeigenkunden auf diesen Themengebieten eher bescheiden ausfällt, allgemeinere Anzeigenthemen zunehmend in die digitale Welt abwandern und eine Auflagenhöhe für Magazine dieser Spezies überschaubar bleiben wird. Es sind 25 Jahre vergangen seit dem Ende der Zeitspanne, die das neue Blatt abbilden soll, von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1990er-Jahre, in denen in Osteuropa die sozialistische Automobilproduktion auslief und sich die gesellschaftlichen Umstände radikal änderten. Die historische Materialdecke wird über weite Strecken lückenhaft bleiben, weil in den teilweise chaotischen Übergängen von der alten zur neuen Ordnung vieles vernichtet wurde. Und die Zeitzeugen werden auch nicht mehr jünger. Mahlke weiß das - und legt los.

Nun braucht das Kind einen Namen. Die Pioniere der ersten Stunde - Mahlke und Mai waren zwischenzeitlich aufeinandergetroffen, hinzu kamen weitere Mitstreiter - einigen sich auf "was mit Benzin". Nicht schlecht, Benzin - das verbindende Element. Weil die Doppelacht aus dem bekannten VK88 von Minol politisch schon verbrannt war, gehen die Gründer Ende 2016 mit "79 Oktan" an den Start. Der Untertitel verrät die thematische Bandbreite: "Illustrierte für Straßenverkehr, Motorsport und Kraftfahrzeugtechnik". Wer mitmacht, ist ehrenamtlich dabei. Honorar gibt es keins. Und was sonst bezahlt werden muss, schießt der Doc, wie er in seiner Umgebung genannt wird, vor. Es muss reichen fürs Material und den Druck. Für schwarze Zahlen reicht es noch nicht. Einen klassischen Vertrieb will man sich nicht leisten, sondern sich direkt da bekannt machen, wo sich die potenziellen Leser tummeln: auf den Oldtimer-Messen und -Treffen. Mit der Erstausgabe von 2016 beginnt die Aktion "Leser werben Leser". Und natürlich sollen am Ende Abonnements stehen, die in vierteljährlichen Postsendungen bedient werden. Das ist bis heute der Hauptweg der Magazine von der Redaktion zu den Lesern, inzwischen über den Presseversand der Deutschen Post in Folie wetterfest verpackt: Die Macher gehen davon aus, dass "79 Oktan"-Ausgaben nicht den schnellen Weg ins Altpapier gehen, sondern gesammelt werden. Sie sollen deshalb unversehrt beim Leser ankommen. Zusätzlich haben die Hobbyverleger inzwischen den Freiverkauf auf dem Schirm, etwa in Bahnhofsbuchhandlungen mit ihrem bekanntermaßen sehr vielfältigen Angebot an Druckerzeugnissen ist die Zeitschrift bereits erhältlich.

Das redaktionelle Konzept von "79 Oktan" besteht schon mal darin, dass es eines gibt, dieses auch erkennbar ist und durchgehalten wird. Schon die Titelseite hebt sich von der Machart her von denen anderer Oldtimermagazine ab: Sie ist kein Sammelsurium irgendwelcher Aktualitätenschnipsel, sondern konzentriert sich optisch auf ein Schwerpunktthema. Die vielfach großzügigen Fotos im Innenteil wirken frisch, selbst Jahrzehnte alte Vorlagen fügen sich in diesen Auftritt, ohne ihr Alter vergessen zu lassen. Trotz knappen und defizitären Budgets haben Mahlke & Co. beim Papier nicht gespart. Es bietet den Farben alle Möglichkeiten zur Entfaltung. Dokumente werden groß und so sauber reproduziert wiedergegeben, dass sie tatsächlich mit bloßem Auge zu lesen und nicht nur durch eine Bildunterschrift zu verstehen sind. Die Autoren dürfen mit ihren Texten ausführlich werden, das schafft Platz für Tiefe.

So zieht sich ein fachlicher Leckerbissen nun schon mit Teil 8 durch die Hefte: die "Historie der DDR-Kraftfahrzeugindustrie". Darüber wurde bereits viel geschrieben, aber in Publikumszeitschriften wohl noch nicht so gründlich: von Autor Lars Leonhardt, der in der DDR aufwuchs, zum Wartburg-Fan wurde, beim auf Kfz-Beleuchtung und -Elektronik spezialisierten Autozulieferer Hella in Lippstadt (NRW) sein Geld verdient und in Eisenach dem Kuratorium der Stiftung "Automobile Welt" vorsteht. Der Leser findet Neues oder auch nur Vergessenes zu "seinem" Auto, Motorrad oder Moped, dem Lkw, mit dem er als Kraftfahrer sein Geld verdiente oder dem Bus, mit dem er zur Arbeit oder seine Kinder zur Schule fuhren. Also Geschichten aus dem eigenen Leben.

Zu einem Teil davon macht die Oldtimer-Szene die Marken-Treffen, die in familiärer Atmosphäre verlaufen. Auch sie nehmen einen festen Platz im Heft ein, ebenso wie Ausblicke darauf. Was bisher noch zu kurz kommt, sind Beiträge aus dem Bereich von Nicht-Blech und Nicht-Plaste, dem Feld, auf dem sich all die Zwei- und Vierrädrigen bewegten: Straßen, Autobahnen, Tankstellen, Infrastruktur. Aber da ist wohl einiges in Vorbereitung.

www.79oktan.net

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