Welterbe Erzgebirge: "Titel schafft Bewusstsein in der Region"

Die Präsidentin des deutschen Welterbekomitees sagt: Die Montanregion ist Impulsgeber für Europa, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ein Plus

Baku.

Am Wochenende entscheidet das Unesco-Welterbekomitee über den Antrag, die Montanregion Erzgebirge mit ihren Bergbauzeugnissen in die Welterbeliste aufzunehmen. Frank Hommel sprach im Vorfeld darüber mit der Präsidentin der deutschen Unes-co-Kommission, Maria Böhmer.

Freie Presse: Warum ist für Sie das Bergbau-Erbe im Erzgebirge würdig, den Titel "Welterbe" zu tragen?

Maria Böhmer: Eine Eintragung in die Welterbeliste macht deutlich, dass eine Kultur- oder Naturstätte zum Erbe der gesamten Menschheit gehört - und dass sie von herausragender Bedeutung ist. Diese Bedeutung hat der sächsisch-böhmische Erzbergbau ohne Zweifel. Schon seit dem 12. Jahrhundert war er Impulsgeber für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung anderer Bergbauregionen in Europa. Auch durch die vielen Menschen, die ihre im Erzgebirge gesammelten Erfahrungen in andere Regionen mitnahmen und ihr Wissen dorthin weitergaben.

Wie haben Sie von der Bewerbung erfahren?

Den ersten Kontakt hatte ich 2015. In diesem Jahr findet die Sitzung des Welterbekomitees ja in Baku/Aserbaidschan statt. Damals war sie in Bonn, und ich war Präsidentin des Unesco-Komitees. Es gab eine Präsentation von Sachsen, gemeinsam mit Tschechien. Der damalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich hatte mich eingeladen. Ich war von Anfang an beeindruckt. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Was hat Sie damals konkret in den Bann gezogen?

Beispielsweise die Rolle der 1765 gegründeten Bergakademie in Freiberg. Es gibt sie ja immer noch. Sie hat von Anfang an berühmte Wissenschaftler angezogen. So etwa Abraham Gottlob Werner oder als seinen Studenten Alexander von Humboldt. Nicht nur aus der Region, aus der ganzen Welt sind Forscher und Studenten an die Bergakademie gekommen. Über Jahrhunderte hat diese innovativ gewirkt, Entwicklungen beflügelt. Und das heute noch. Das spürt man im Erzgebirge, aber auch in der ganzen Welt.

Wie bekannt ist dann aus Ihrer Sicht das Erzgebirge mit seinem Bergbau-Erbe weltweit?

Durch eine Einschreibung würde es noch bekannter werden. Und einem Netzwerk mit derzeit 1092 Welterbestätten angehören. Die Welterbeliste ist mehr als eine Liste des Who is who. Das Welterbe schafft ein Bewusstsein in der Region selbst, welche Bedeutung diese Entwicklung hat - im technischen wie im gesellschaftlichen Bereich. Denken Sie an die Architektur. Die Montanregion Erzgebirge hat immer wieder auch über den Bergbau hinaus Bedeutung erlangt. Die Silbertaler haben über Jahrhunderte den Grundstein für das Währungssystem gelegt. Sie sind die Vorläufer des Dollars. Was mich auch immer wieder beeindruckt, ist der Gedanke der Nachhaltigkeit. Schon 1913 wurden im Erzgebirge neue Wälder angepflanzt, als Ausgleich für den Holzbedarf des Bergbaus. Der Gedanke der Nachhaltigkeit ist ja heute ein Gedanke, der alle Welterbestätten verbindet. Und das Erzgebirge hat ein weiteres herausragendes Kennzeichen: grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Böhmen. Das kann man hier hautnah erfahren.

Ist das ein Unterschied zu anderen Stätten?

Grenzübergreifende Zusammenarbeit ist eigentlich ein Kern der Welterbe-Idee. Bisher gibt es aber erst knapp 40 grenzübergreifende Welterbestätten - bei insgesamt 1092. Der Montanregion käme so eine Vorreiterrolle zu - um zu zeigen, was man gemeinsam erreichen kann und auch schon erreicht hat.

Seit 20 Jahren ringt die Region um den Titel. Ist dieser Zeitraum außergewöhnlich?

20 Jahre sind nichts Außergewöhnliches. Es ist ein aufwendiges Verfahren. Und es musste überarbeitet werden, denn die Gutachter des Internationalen Denkmalrates Icomos haben ja 2016 geraten, sich auf den Erzbergbau zu konzentrieren. Das war von großem Vorteil für die Bewerbung: Denn Icomos hat ja nun die Einschreibung empfohlen.

Einer solchen Empfehlung folgt das Komitee eigentlich immer. Daher sind viele Menschen im Erzgebirge zuversichtlich. Was kann jetzt noch schiefgehen?

Ich teile den Optimismus. Dennoch muss man die Entscheidung abwarten. Im Welterbekomitee sitzen Vertreter von 21 Mitgliedsstaaten. Dort wird die Entscheidung getroffen. Man muss sich das so vorstellen: Zuerst wird die Nominierung vorgestellt. Dann folgt die Begründung von Icomos. Anschließend können die Vertreter der Mitgliedsstaaten nachfragen und diskutieren. Danach folgt die Abstimmung. Wenn genügend Stimmen zusammenkommen, erklingt ein Hammerschlag. Zusammen mit dem Ausruf "Adopted", also angenommen. Ich sage jetzt schon: Glück auf!

Liveübertragung der 43. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees

 

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 3 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    Nixnuzz
    07.07.2019

    @Blackadder: Auf die zahlenden Gäste warten..und warten...und warten..und... äh - wie war das mit dem Bernsteinzimmer? Ist das jetzt mit im Erbe??....Vielleicht wirds ja eine echte reiche Zeche...

  • 3
    2
    Blackadder
    06.07.2019

    @Interessierte: Jetzt ist es aber ja doch was geworden .... und nun?

  • 4
    1
    Tauchsieder
    06.07.2019

    Und wie mit dem Erbe umgegangen wird sieht man am Beispiel der Rechenhausbrücke bei Aue. Ein Grund um genau hinzusehen.

  • 4
    6
    Interessierte
    06.07.2019

    Das ist schon schlimm , wie die um den Titel kämpfen müssen und es ggf. letztendlich wieder nichts wird - und das ´dann` eine ´politische` Entscheidung wäre ... laut Radio jetzt gerade



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