Welterbe gegen Welterbe

Gottfried Silbermann war der berühmteste Orgelbauer des Barocks. Seine Instrumente schuf er in Freiberg. Ein Museum im einstigen Wohnhaus des Meisters soll nun weichen - zum Ärger seiner Erben und ausgerechnet für die Montanregion Erzgebirge.

Freiberg.

Präzisionsarbeit mit Hobel, Stecheisen und Bohrleier - so funktionierte Orgelbau vor 300 Jahren. Im Erdgeschoss des Hauses Schlossplatz 6 in Freiberg kann man nachempfinden, mit welchen bescheidenen Mitteln Gottfried Silbermann einst Musikinstrumente von Weltruhm schuf. Hier im Herzen der alten Bergstadt lebte der Meister von 1711 bis 1753, in diesem Haus hatte er seine Werkstatt. Und hier baute er Orgeln wie die im Freiberger Dom, aber auch in kleinen Dörfern im Erzgebirge, deren Klang heute Menschen rund um den Globus begeistert.

"Wir hatten schon Gäste aus der Schweiz, aus Australien und China - und einen Orgelprofessor aus Japan", berichtet Mathias Männel, der die Besucher durch das kleine Museum im Silbermannhaus führt. Er brenne für diese Ausstellung, sagt er, das sei ein gutes Betätigungsfeld für ihn als Rentner. Eben waren wieder Gäste da. Christine Ahrens aus Gütersloh und ihre Begleiter staunten über Schauwerkstatt und Orgelmodell - doch dann waren sie verblüfft: Das Silbermannmuseum, so erfahren sie von Mathias Männel, soll ausziehen aus dem Wohn- und Geschäftshaus des Meisters. Ganz raus, wirklich? "Dann lassen Sie sich mal nicht vertreiben", wünscht die Besucherin aus Nordrhein-Westfalen. Im Gästebuch hat schon jemand vor ihr notiert: "Silbermann bleibt!"

Es ist erst zwei Jahre her, dass die Ausstellung entwickelt wurde, finanziert auch mit 20.000 Euro Spenden. Ihr Domizil bezog sie zusammen mit der Tourist-Information der Stadt Freiberg und der Gottfried-Silbermann-Gesellschaft, die sich mit Konzerten, Exkursionen und Tagungen um das Erbe des weltberühmten sächsischen Orgelbaumeisters kümmert. Deutschen Orgelbau und deutsche Orgelmusik zählt die Unesco inzwischen zum immateriellen Welterbe.

Dieses Welterbe soll nun von seiner Geburtsstätte verschwinden, Platz machen für die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, die erst im Juli zu Titelehren kam. Die Stadt Freiberg will das Besucherzentrum für das neue Welterbe Montanregion im Silbermannhaus unterbringen, Orgel-Ausstellung und Silbermanngesellschaft sollen umziehen. Begründung: Tourist-Info und Besucherzentrum unter einem Dach sparten Kosten und Personal.

Als Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos) den Plan vorvergangene Woche im Stadtrat verkündete, begann eine heftige Kontroverse: CDU, FDP und AfD schlugen sich auf die Seite des OB, Krügers einstige Parteifreunde von der SPD und die Linke waren strikt dagegen; die Grünen warnten vor vollendeten Tatsachen.

Auch prominente Freiberger wandten sich gegen die Pläne der Stadtspitze. Der einstige Baubürgermeister Rainer Bruha nannte es "ein starkes Stück", dass Gottfried Silbermanns Erben aus seinem Hause geworfen werden sollen. "Wenn man in Annaberg das Welterbezentrum errichtet, bin ich mir sicher, dort käme keiner auf die Idee, dafür das Adam-Ries-Haus zweckentfremdend zu nutzen", schrieb er. Die frühere Geschäftsführerin der Silbermanngesellschaft, Magdalena Czolbe, nannte das Vorhaben ein Sakrileg. Und der Domorganist Dietrich Wagler meinte, die Debatte schade dem Ansehen der Stadt. Zu Freibergs doppeltem Welterbe fragte Wagler: "Kann man zu viel Glück haben und nicht mehr den richtigen Umgang damit finden?"

Albrecht Koch, Domkantor und Präsident der Silbermanngesellschaft, hatte beklagt: "Es wird bewusst Stimmung gegen uns gemacht." So hatte die Gesellschaft einen Glas-Anbau ans Silbermannhaus geplant; ein erster Entwurf dazu wurde noch im Mai in einer nichtöffentlichen Stadtratssitzung vorgestellt. Vor einigen Tagen veröffentlichte ein AfD-Abgeordneter dann die Architektenskizze im Internet und schrieb dazu: "Arroganz trifft Steuergeldverschwendung. Knapp eine Million EUR für ein solches "Gewächshaus"? Nöö, wollen wir nicht, Herr Albrecht Koch!"

Die Silbermanngesellschaft zog die Anbaupläne inzwischen zurück. Gleichwohl bekräftigte das Präsidium, man wolle mit der Ausstellung am historischen Ort der Werkstatt Gottfried Silbermanns bleiben; der Mietvertrag läuft noch bis Ende 2022. Zum Konflikt mit der Rathausspitze will Präsident Koch aktuell nichts sagen, offenbar ist das Zerwürfnis tief. Eine schriftliche Stellungnahme, mit der die Silbermanngesellschaft eine Aussage aus einer vorherigen Pressemitteilung korrigierte, versah sie mit dem Hinweis: "auf anwaltliche Aufforderung".

Wie der Streit ausgeht, ist offen. Bis Ende Februar muss Freiberg - ebenso wie Annaberg-Buchholz, Marienberg und Schneeberg - ein Konzept für sein Besucherzentrum bei der Wirtschaftsförderung Erzgebirge vorlegen. Als Kriterien wurden unter anderem tägliche Öffnungszeiten und eine exponierte Lage festgelegt. So plant Annaberg etwa den Standort auf dem Gelände des Frohnauer Hammers, der ohnehin saniert werden muss.

Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge, Matthias Lißke, will in ein paar Wochen nach Freiberg kommen, um sich ein Bild zu machen. Bis dahin empfiehlt er, den Ball flach zu halten. Freiberg sei auf der Suche - und: "Es darf ja auch mal laut gedacht werden."

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    2
    2PLUTO6
    15.10.2019

    Hier hat jemand ein echtes Luxusproblem!



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