Welterbe-Titel: Willkommen in der ersten Liga

Die Einschreibung des Erzgebirges in die Unesco-Liste galt am Ende als sicher - und war doch als alles andere als eine Formsache. Über ein denkwürdiges Wochenende in einer denkwürdigen Stadt, das ohne denkwürdigen Beistand so nie möglich gewesen wäre.

Baku.

Teilnehmer einer Unesco-Welterbesitzung haben vieles schon gesehen und gehört. So etwas anscheinend aber noch nicht oft. Fünf Bläser im schwarzen Bergmannshabit mit grünem Hut und rotem Federschmuck haben am Sonntagmorgen im Foyer des modernen Kongresszentrums Baku unter einem riesigen LED-Bildschirm Aufstellung genommen. Sie führen die Instrumente an ihre Lippen und schmettern Bergmannslieder. Es ist das extra aus Schneeberg eingeflogene Bläserquintett des Musikkorps der Bergstadt. So feiert die sächsische Delegation den frisch gebackenen Welterbetitel.

Beim Steigerlied singen alle lauthals mit. Menschen aus aller Welt, die eben am Tagungsort eintreffen, bleiben stehen, hören zu, zücken Handys, filmen, klatschen Beifall. Schließlich kommt ein freundlicher Herr mit Glatze und Schnurrbart. Jeder hier kennt ihn. Es ist Abulfas Garayev, Kulturminister von Aserbaidschan. Als Vertreter des Gastgebers leitet er diese 43. Sitzung des Welterbekomitees in Aserbaidschans Hauptstadt Baku. Die bergmännische Musik hat es ihm angetan.

Garayev ist begeistert. Diese Art der Traditionspflege ist ihm so wichtig, sagt er und breitet seine Arme aus. Vielleicht eine halbe Stunde spielen die fünf Musiker. Das reicht, um mächtig Eindruck zu machen. Ein Eindruck, den viele Tagungsteilnehmer nach Hause mitnehmen. Sie kommen aus Ländern rund um den Globus, 193 Nationen haben die Welterbekonvention unterzeichnet. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was der Welterbetitel möglich machen könnte. Das Erzgebirge spielt von jetzt an mit in der ersten Liga.Die Einschreibung - also der formelle Akt am Samstag - selbst: eigentlich die erwartete Formsache. Nachdem die Gutachtervertreterin dem Welterbekomitee vorgetragen hat, warum die Montanregion Erzgebirge nach Meinung der Gutachter des Weltdenkmalrats auf die Liste des Welterbes der Menschheit gehört, meldet sich lediglich die Delegation der Nation Uganda zu Wort.

Der Mann lobt die Montanregion in den höchsten Tönen, spricht von einem "Meisterwerk menschlicher Kreativität und technologischer Exzellenz", das dort sichtbar werde, von einem Zeugnis von über Jahrhunderten währender Bergbautätigkeit, wie es auf der Welt kein zweites gebe. Deshalb unterstütze seine Delegation den Antrag.

Die Vertreter der übrigen 20 Nationen, die derzeit im Komitee vertreten sind, sehen keine Veranlassung, dieser Einschätzung zu widersprechen. Damit fällt auch schon der Hammer, und mit dem Ruf "Adopted" - angenommen - ist es amtlich, was seit dem positiven Icomos-Gutachten im Mai als fast sicher galt: Dass das Bergbauerbe im Erzgebirge in den Rang des Welterbes der Menschheit aufgenommen wird.

Nur eine Formsache? Die Überwältigung bei den Delegationsteilnehmern, ihre schiere Freude in dem Moment, als der Hammer fällt, sprechen eine andere Sprache. Für Sonntag war die Entscheidung erwartet worden, doch das Komitee kommt mit der Tagungsordnung schneller voran als gedacht. Samstagmittag spätestens ist dann klar, dass noch im Laufe des Tages eine Entscheidung fallen wird.Im Foyer des Tagungszentrums legt Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) den Bergkittel an. Die Gattin streicht noch einmal die Falten des Stoffes glatt. Ja, bekennt Sachsens Landeschef in diesem Moment: Er sei aufgeregt. Eine Sitzung des Welterbekomitees der Unesco ist vielleicht doch noch mal etwas anderes als ein TV-Auftritt bei Anne Will. Als es dann kurz darauf vollbracht ist, als sich im Saal des Kongresszentrums in Baku der Beifall langsam wieder legt und alles darauf wartet, dass Kretschmer ein paar Sätze sagt, da setzt sich der Politiker, dann senkt er kurz den Kopf und wischt sich mit dem Ärmel eine Träne aus dem Auge.

Nicht nur der junge Landesvater zeigt Gefühle. Ob Volker Uhlig, gestandener Ex-Landrat, der heute dem Trägerverein der Bewerbung vorsteht, ob Helmuth Albrecht, TU-Professor für Industrie-Archäologie in Freiberg, der inhaltlich den Hut aufhatte und als Vater der Bewerbung gilt, ob Ulrich Beyer, der als Abteilungsleiter für Internationale und Föderale Beziehungen, Europa und Medien in der Staatskanzlei die Bewerbung vorantrieb - sie alle sind Profis ihres Fachs. Doch als es soweit ist und die Formsache beschlossen, als Kretschmer eine kurze Rede an die Delegierten richtet und mit "Glück auf" endet, da werden plötzlich viele Augen feucht. Auch bei den tschechischen Partnern der grenzübergreifenden Montanregion fließen viele Freudentränen.

"Niemand kann sich einem solch emotionalen Moment entziehen", sagt Frank-Michael Engel - und angesichts der noch frischen Erinnerung wird auch seine Stimme wieder brüchig. Seine Frau Marianne berichtet von Freude, Stolz - und ebenfalls von Tränen. Seit dem Moment der Ernennung sind keine 24 Stunden vergangen. Beide stehen auf der Terrasse eines Restaurants im 24. Stock eines Hotels in Baku und blicken auf die Stadt hinunter, in der sich dieser erzgebirgische Traum erfüllt hat. Ein Traum, der schon lange ausgeträumt wäre, hätte ihn das Unternehmerpaar nicht am Leben gehalten.

Seit mehr als 20 Jahren rang die Region um den Titel. Die meiste Zeit davon waren die Engels mit dabei. Dabei sind sie keine Erzgebirger, zumindest nicht gewesen. Er stammt aus Berlin, sie aus der Steiermark in Österreich. Nach der Wende kamen die beiden in die Region Chemnitz, entwickelten dort Immobilien, so beispielsweise das Chemnitz Plaza in der Innenstadt oder den Gewerbepark in Oelsnitz im Erzgebirge.

Mehr als 3000 Arbeitsplätze entstanden in den von ihnen entwickelten Arealen und Objekten. Und eines Tages nach der Jahrtausendwende lud sie der damalige Oelsnitzer Bürgermeister Hans-Ludwig Richter zum Gespräch ein. "Er hat uns vorher gar nicht erzählt, worum es genau ging", berichtet Frank-Michael Engel rückblickend. Der Bürgermeister stellte ihm den TU-Professor Helmuth Albrecht vor. An die zwei Stunden, sagt Albrecht, dauerte dann das Gespräch zwischen dem Professor und dem erfolgreichen Unternehmer. Albrecht schilderte die Vision, das Erzgebirge zum Welterbe zu machen - und bat um Unterstützung. Mit Erfolg.Schon in jungen Jahren als Unternehmer hatte sich Frank-Michael Engel in Erkundungsprojekten in den USA und Kanada engagiert. Daran fühlte er sich nun erinnert. "Das Erzgebirge hat mich sofort fasziniert", sagt er rückblickend. Der Gedanke, ein Welterbe mitentwickeln zu können, elektrisierte das Ehepaar zusätzlich. Die beiden gründeten 2006 eine Stiftung. Die gab von nun an 30.000 Euro für die Bewerbung - Jahr für Jahr. So konnten die Welterbe-Verfechter die nötigen Eigenmittel vorweisen, um Projektförderung zu ergattern. Auch darüber hinaus zeigten sich die Unternehmer freigiebig, wenn für die Bewerbung das Geld knapp wurde. Und sie gaben nicht nur Geld, sondern setzten sich auch persönlich ein, knüpften Kontakte, leisteten Überzeugungsarbeit. "Wir hätten nicht gedacht, dass es so lange dauert", bekennt Marianne Engel. "Aber wir haben immer an den Erfolg geglaubt."

Vielleicht hat es somit auch eine gewisse Symbolkraft, dass es der Zufall wollte, dass ausgerechnet Baku nun als Ort der Einschreibung in die Geschichte eingeht. Baku, geografisch zu Asien gehörend aber kulturell nach Europa schielend, gilt dort nicht eben als Nabel der Welt. Die Währung Aserbaidschans hat seit 2015 die Hälfte ihres Wertes verloren, viele der tags in der Sonne glitzernden und nachts in allen erdenklichen Farben erleuchteten Hochhäuser stehen leer. Doch mit seiner traumhaften Lage, den vielen beeindruckenden architektonischen Meilensteinen und der malerischen, quirligen, ebenso Unesco-geschützten Altstadt überrascht Baku jeden Besucher nachhaltig.

Die Begegnung mit dem Freiberger TU-Professor Helmuth Albrecht habe seinem Leben und dem seiner Frau eine neue Richtung gegeben, sagt Frank-Michael Engel. Das Paar lernte Freiberg und die dortige Bergakademie kennen und schätzen, übernahm die Sanierung eines Hauses in der Silbermannstraße, in dem Albrechts Institut nun seinen Sitz hat. Darüber hinaus engagierten die Engels sich bei der Gründung des Lomonossow-Hauses samt Gedenkstätte in Freiberg - ein Ort des Austauschs, an dem russische Studenten während ihres Studiums in Freiberg wohnen können.

"Manche sagen, es ist das schönste Studentenwohnheim der Welt", sagt Marianne Engel. Zur Einweihung kamen auch Vertreter aus Russland. So entstanden Kontakte in die Region Archangelsk, aus welcher der russische Universalgelehrte stammt. Dort kann nun dank des Ehepaars eine alte Schule zum Museum ausgebaut werden, darüber hinaus ermöglicht es seit einigen Jahren Schulabsolventen eine Bildungsreise nach Westeuropa.

Mal ging es nach Frankreich, mal in Marianne Engels Heimat Steiermark, aber einmal auch schon nach Freiberg. Dort haben die Engels längst viele Freunde - und eine Wohnung, in der sie sich zuhause fühlen, in der Altstadt, Dom, Domherrenhof, Oberbergamt gleich um die Ecke. All diese historischen Gebäude zählen nun zum Welterbe.

Die Engels sind sich sicher, dass die Erzgebirger die damit verbundenen Chancen ergreifen, dass der Titel psychologisch einen Schub verleihen kann. Dass es lange Zeit bis zum Titel brauchte, kann sich dabei sogar als Vorteil erweisen, glaubt Marianne Engel. "Wie der Reichtum früher musste auch der Titel lang erarbeitet werden", sagt sie.

Das spreche dafür, dass das Welterbe nun auch nachhaltig mit Leben erfüllt werde. Und für Nachhaltigkeit stehe ja auch die Montanregion - "und nicht dafür, dass etwas schnell geht und dann schnell wieder vergessen wird." Die zahlreichen enthusiastischen Reaktionen daheim im Erzgebirge auf den Titel sind den Erzgebirgern im fernen Baku jedenfalls nicht verborgen geblieben. Im Jubel spiegelt sich wider, dass die Engels mit ihrer Einschätzung Recht behalten können.

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