Wenn der Planenschlitzer kommt

Kriminelle sorgen bei den Spediteuren für große Schäden - und Angst unter den Fahrern. Die Diskussion bei einem Fernfahrerstammtisch zeigt: Sich zu schützen, ist möglich, aber nicht so einfach.

Plauen.

In der Dunkelheit ritzen die Täter mit einem bogenförmigen Schnitt die Plane auf, einmal, zweimal, mehrmals. Sie spähen ins Innere. Autoreifen hat der Laster geladen - bis jetzt. Die Kriminellen brechen die Ladetür auf, transportieren 300 ineinander gestapelte Reifen ab. Deren Wert wird die Polizei später auf 20.000 Euro schätzen. Als der Fahrer erwacht, sind die Täter längst über die Autobahn entkommen.

So könnte Anfang vergangenen Jahres auf dem Parkplatz Am Beuthenbach nahe der A 72 bei Stollberg die Reifen-Ladung von einem Laster gestohlen worden sein. Nicht jeder Fall ist so spektakulär. Ein ander mal lassen die Diebe drei Paletten Cola-Dosen mitgehen. An 80 Prozent der Laster mit Plane finden sich Probierschnitte, sagte Polizist Mario Schmidt beim jüngsten Fernfahrerstammtisch in der Raststätte Vogtland Nord an der A 72.

Sieben Fernfahrer diskutieren mit zwei Polizisten und einem Kriminalhauptkommissar, ob sie ihre Ladung vor Planenschlitzern schützen können. Am eigenen Laster erlebt hat Wolfgang Brauße zwei Nächte zuvor, wie zwei Männer die Plane aufgeschnitten hatten. Seine Rufe vertrieben die Unbekannten. Die anderen am Tisch fahren Bus, Silofahrzeuge oder Laster mit Kofferaufbau, mit festen Wänden. Für sie sind die Schlitzer kein Problem.

Für die, die ihre Waren mit Planen sichern, schon. Man müsse davon ausgehen, dass es sich bei den Tätern "um recht gut organisierte Banden handelt", so das Landeskriminalamt (LKA). Ausspähen, Diebstahl und Abtransport setzten eine gewisse Logistik voraus. "Sie können innerhalb kürzester Zeit über die Autobahn entkommen", so Schmidt. Die Kriminellen haben es vor allem auf Elektronik und Reifen abgesehen. Oft erstatten die Fahrer keine Anzeige, kleben den Schlitz zu. Der Polizist weiß: "Jede Spedition hat Termindruck." Gewalt von Planenschlitzern habe er noch nicht erlebt. Der 39-Jährige ist seit vier Jahren auf Autobahnen für die Verkehrsüberwachung im Revier Reichenbach unterwegs, bei der Polizei ist er seit 20 Jahren.

"Die Plane ist ein Unsicherheitsfaktor hoch fünf", erklärt Kriminalhauptkommissar Matthias König den Fahrern am langen Holztisch. Induktionsschleifen in der Plane könnten eine Beschädigung signalisieren. Das Aufrüsten ist teuer. Immer mehr osteuropäische Laster hätten im Laderaum Bewegungsmelder installiert, so Schmidt. Werden sie ausgelöst, geht Licht an und in Kabine wird der Fahrer alarmiert. Kaum ein deutscher Spediteur nutze dieses System. Bei Wind schlackert die Plane und löse Alarm aus, halten die Brummifahrer dagegen.

Auf einem umzäunten Rasthof zu nächtigen "koste einen Haufen Geld", sagt Fahrer Brauße. Und den Lkw in den Lichtschein einer Laterne zu stellen, findet er kaum hilfreich. "Die anderen Fahrer schlafen ja auch." Polizist Schmidt sieht die Spediteure in der Verantwortung, die Laster aufzurüsten oder von vorn herein besser geschützte Fahrzeuge zu erwerben. Er rät zu Lastern mit Kofferaufbau. Die sind teurer.

Die jüngsten Fallzahlen aus Sachsen von der ersten Jahreshälfte 2016 zeigen: 157 angegriffene Fahrzeuge und 85 Straftaten. Das ergab eine vorläufige Auswertung des LKA der Straftaten nach besonders schweren Fällen des Diebstahls aus Kraftfahrzeugen im Zusammenhang mit dem Stichwort Plane. Gezählt wurden Versuch und Vollzug der Tat. Gestohlen wurden dabei Waren im Wert von insgesamt 560.000 Euro. 2014 wurden 248 Fälle angezeigt, bei denen ein Schaden von 762.000 Euro entstand. Zur Aufklärungsquote wurden keine Angaben gemacht.

Wolfgang Bauße fühlt sich noch sicher in seinem Laster, sagt er. "Ich gehe ins Bett und schlafe." Nicht drüber nachdenken.

Rastplätze im Visier

Besonders aktiv sind die Täter in den dunklen Monaten Januar bis März, so das LKA, vor allem von Dienstag bis Freitag. Schwerpunkte sind Rastplätze und -stätten sowie Autohöfe an den Autobahnen.

In Sachsen sind die A 4, A 9, A 14 und A 72 am stärksten betroffen. Die meisten Vorfälle gab es auf den Parkplätzen der Raststätten "Dresdner Tor" (A 4), "Am Neukirchner Wald"

(A 72) und "Bachfurt" (A 9).

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