Workshop, Tagung, Seminar - wie Herbergen sich neu erfinden

Das Jugendherbergswerk in Sachsen wird 100 Jahre alt. In jüngster Zeit haben die meisten Häuser ihr Gesicht stark gewandelt. Nur Acht-Bett-Zimmer und Bad auf dem Gang - diese Zeiten sind vorbei.

Chemnitz.

Manches ändert sich nie. "Unser Handyradio", so steht es auf einer Postkarte, die der Landesverband Sachsen des Jugendherbergswerks zu seinem Jubiläum unters Volk bringt, "heißt Gitarre". Darauf zu sehen: fröhliche junge Frauen und Männer am Lagerfeuer, einer hält die Klampfe in der Hand. Ein Smartphone findet sich nirgends. Auch nach 100 Jahren Jugendherbergswesen in Sachsen, so lautet die Botschaft des Verbands, stehen die Herbergen für Geselligkeit, Gemeinschaft und oft auch für ein Leben in und mit der Natur.

Werte wie Teamfähigkeit und Respekt werden in den Herbergen noch immer vorgelebt, sagt Günther Schneider, Staatssekretär im Innenministerium und ehrenamtlicher Präsident des Verbands. Aber nicht jedes Klischee, das so mancher noch aus seinen Erinnerungen kramt, treffe noch zu. Wer ausschließlich an Acht-Bett-Zimmer mit Doppelstockbetten und Bad auf dem Gang denke, liege falsch. Schneider: "Das sieht mittlerweile ganz anders aus. Wir bieten hervorragende Standards." Auch Kräutertee bis zum Abwinken gibt es heute eben nicht mehr, ergänzt Thomas Mauersberger, Geschäftsführender Vorstand.

Der Ursprung des Jugendherbergswesens liegt im heutigen Nordrhein-Westfalen. Ein Lehrer namens Richard Schirrmann war 1909 mit einer Jugendgruppe bei Altena im Sauerland unterwegs, als ein schweres Gewitter aufzog. Schließlich fand sich ein Unterschlupf in einer leeren Dorfschule. In der Nacht dann kam Schirrmann der Gedanke, daraus eine Herberge zu entwickeln, berichtet Schneider. Die Idee verbreitete sich rasch. Wenige Jahre später wurde in Bautzen die erste Jugendherberge Sachsens eröffnet - in der alten Gerberbastei, einem Turm der historischen Stadtbefestigung. 1919 dann hoben Enthusiasten den Zweigausschuss Sachsen des Deutschen Jugendherbergswerkes in Dresden aus der Taufe.

100 Jahre später "ist die Idee immer noch jung", sagt Schneider. Auch wenn die Nazis 1941 die Selbstauflösung erzwungen hatten und die DDR die Herbergen unter staatliche Obhut nahm. Schon im Mai 1990 formierte sich der Landesverband neu, am 1. Januar 1991 nahm er seine Arbeit wieder auf.

Heute betreibt der Verband im Freistaat 22 Häuser selbst. Meist haben die Räume eigenes Bad, neben größeren Räumen gibt es auch Einzel-, Zweibett-, Dreibettzimmer, dazu Konferenz- und Veranstaltungsräume. W-Lan ist bei den meisten Standard. Die Konsequenz: Die Attraktivität der Herbergen für Lehrgänge, Tagungen, Seminare, für Trainings- und Probenlager steigt. Für all diese Gästegruppen registrierte der Verband im Jahr 2018 immense Zuwächse. Zwar bringen Schulklassen und Kindergruppen noch immer die meisten Gäste in die Häuser. Bei den Tagungsgästen aber stieg die Anzahl der jährlichen Übernachtungen zuletzt von 33.700 auf über 80.000. Auch bei Trainings- und Probenlagern weist der Trend nach oben.

Insgesamt wurden 2018 rund 142.000 Gäste gezählt sowie etwas mehr als 350.000 Übernachtungen. Ein leichtes Plus gegenüber dem Vorjahr, als 141.000 Gäste rund 348.700 Mal in den Herbergen nächtigten. Das mit weitem Abstand am stärksten frequentierte Haus ist das Jugendgästehaus Dresden, 2018 mit rund 74.000 Übernachtungen, gefolgt von den Jugendherbergen auf Schloss Colditz mit 23.000 und am Greifenbach-Stauweiher in Homersdorf mit 22.800 Übernachtungen. Vielfach werden historische Gebäude genutzt, so eben in Bautzen, aber auch in Plauen mit der Alten Feuerwache, in Chemnitz mit dem alten Umformerwerk, oder in Strehla bei Riesa, wo sich in einer umfunktionierten Windmühle schlafen lässt. Und der Verband rüstet weiter auf: 2020 sollen in Schöneck und Torgau weitere Domizile eröffnet werden.

Die Preise beginnen bei 21 bis 25 Euro die Nacht. "Nach wie vor sehr moderat" ist das, findet Thomas Mauersberger, Geschäftsführender Vorstand. Erst recht, wenn man bedenke, dass die Herbergen oft auch im ländlichen Raum präsent seien und vielfach mit pädagogischen Angeboten aufwarten.

Jubiläum Der Verband feiert "100 Jahre Jugendherbergswerk in Sachsen" mit einem Festprogramm. Mehr: www.klischeeole.de.

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