Wozu 89 noch heute gut ist

Am 9. Oktober vor 30 Jahren demonstrierten in Leipzig 70.000 Menschen. Die DDR war am Ende. Gibt es Parallelen zu heute? Eine Betrachtung von Torsten Kleditzsch

Es hätte der Tod sein können. Sich einfach auf eine Straße setzen, zu Hunderten, Tausenden, Autos blockieren, die Regierung und Eliten angreifen, sich der Polizei widersetzen. Vor 30 Jahren barg das noch ein hohes Risiko. In Leipzig wusste man am Morgen des 9. Oktober 1989 noch nicht, dass dieser Tag zum Symbol einer friedlichen Revolution werden sollte. Auch die chinesische Lösung schien möglich, praktiziert im Pekinger Zentrum vier Monate zuvor. Mehrere hundert Tote, vielleicht tausende. Genau weiß es niemand. Die DDR-Führung hatte offiziell jedenfalls Verständnis dafür.

Heute blockiert der radikale Teil der Klimabewegung, der sich "Extinction Rebellion" nennt - zu Deutsch: "Rebellion gegen das Aussterben" - , wichtige Kreuzungen in der deutschen Hauptstadt. Kurzzeitige Festnahme und Geldstrafe sind eingepreist. Heute muss sich eine Politikerin zumindest nach Ansicht des Berliner Landgerichts sagen lassen, dass sie ein "Stück Scheisse", "altes grünes Dreckschwein" und noch so manches mehr sei, ohne dass das (bislang) juristische Folgen hat.

Der Facebook-Autor, der der Welt im Schutze der Anonymität unbedingt das "Stück Scheisse" auftischen musste, und die Klimaaktivisten stehen symbolisch für die Polarisierung der Gesellschaft nicht nur in Deutschland, sondern vielerorts im sogenannten Westen der Welt. 30 Jahre, nachdem zunächst eine mutige Minderheit der Ostdeutschen die bislang letzte Diktatur auf deutschem Boden zu demontieren begann, steht die Gesellschaft erneut vor der Frage, wie es mit dem System weitergehen soll, ob es noch die richtigen Formen von Mitbestimmung bereithält, ob sich politische Entscheidungen deshalb noch immer auf die Mehrheit der Bevölkerung stützen können und ob es bei aller Freiheit ausreichend Gerechtigkeit bietet. Das sind die klassischen, dem Gedanken der Demokratie entlehnten Fragen, auf die in Deutschland noch nahezu alle schwören. Aber es mischen sich längst neue darunter. Zum Beispiel, ob eine bewährte, aber in ihren Prozessen behäbige Demokratie mithalten kann gegen eine auf Effizienz getrimmte, scheinkommunistische Weltmacht wie China oder auch die großen ökonomischen Weltverbesserer aus dem Silicon Valley, die mit ihrer digitalen Allmacht jeden Nationalstaat alt aussehen lassen. Oder ob eine Demokratie, deren Politiker und Wähler gleichermaßen zuerst in ihren eigenen Horizonten denken, überhaupt adäquat auf globale Probleme reagieren kann, die so richtig erst die nächsten Generationen zu spüren bekommen. Bei den Grünen fürchtet man sich schon heute vor dem Moment, an dem die "Fridays for Future"-Anhänger an der parlamentarischen Demokratie verzweifeln, weil die bewusst so angelegt ist, dass möglichst niemand mit seinen Maximalforderungen Erfolg hat und deshalb angesichts der Erwartungen bestenfalls halbherzig wirken muss. Und schließlich: Ist das, was die einen halbherzig nennen, für die anderen wenigstens noch akzeptabel? Wenn nicht: Wie viel Freiheit gibt eine Gesellschaft oder die Mehrheit preis, um ihre Zukunft zu sichern, die sie etwa durch Zuwanderung oder Klimawandel gefährdet sieht? Dabei spielt keine Rolle, ob diese Gefahren vermeintlich oder tatsächlich existieren.

Es bestehen heute also durchaus Parallelen zu dem, was im Herbst 1989 in der DDR passierte. Und zugleich gibt es einen großen Unterschied. Heute darf diese Debatte jeder führen. Er hat die Freiheit dazu - und das System somit die Chance, sich anzupassen. Ob es sie nutzen kann, ist zu hoffen, aber noch nicht entschieden. In der DDR waren es die runden Tische, die den Wandel der Gesellschaft solange gestalteten, bis die Systemfrage geklärt war. Die Tische wurden weggeräumt wie später die Polikliniken. Letztere sind so ähnlich etwas später wiederauferstanden. Vielleicht ergeht es den Tischen ebenso.

In der Republik Irland, zugegeben viel kleiner als Deutschland, hat man sich als Reaktion auf die Krisenjahre Anfang des Jahrzehnts eine Bürgerversammlung geschaffen. Sie existiert neben dem Parlament. Wer für eine gewisse Zeit dazugehört, darüber entscheidet das Los. 2014 bereitete die Versammlung den Volksentscheid zur Legalisierung der Homo-Ehe vor und votierte dafür. Mehr als 60 Prozent der Iren folgten dieser Empfehlung. Eine Sensation in dem lange erzkatholischen Land. Heute ist die Bürgerversammlung ein etablierter Bestandteil der parlamentarischen Demokratie.

70.000 Menschen waren es vor 30 Jahren in Leipzig, die sich endlich frei bewegen und ihre Meinung frei äußern wollten. Ohne Angst. Deshalb trotzten sie dem Regime und zwangen es in die Knie. Es ging um eine Meinungsfreiheit, die den Widerspruch zuließ, die Diskussion forderte. Es war der Wunsch nach einer neuen Offenheit. Dass kurz darauf in der Euphorie über den Zusammenbruch des Ostblocks der Westen das Ende der Geschichte ausrief, war - falls ernst gemeint - nicht nur naiv, sondern hat bis heute auch das Nachdenken in einer Arroganz behindert, die der Freiheit zur Gefahr werden kann.

Zum Special: Herbst 89 Leipzig

Bewertung des Artikels: Ø 4.4 Sterne bei 9 Bewertungen
16Kommentare
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    saxon1965
    10.10.2019

    @OlafF: Nur weil ein Staat schwach ist und versagt, kann man nicht darauf schließen, dass alles besser ist, wenn es nur in privaten Händen ist.
    Ein Staat sollte hoheitliche Aufgaben erfüllen, natürlich kompetent und kontrolliert und darüber hinaus Grundbedürfnisse sicherstellen.
    In unserem System hat man jedoch immer häufiger die Einsicht, dass der Gewinn der Privatwirtschaft im Vordergrund steht und nicht das Allgemeinwohl. Dabei sollte und kann Leistung gefördert und honoriert werden. Den Menschen nach kommunistischem Vorbild wird es so schnell nicht geben.
    Der Begriff "Ellenbogengesellschaft" beschreibt jedoch nur zu gut, welche Ideale unserer Gesellschaft zu Grunde liegen. Das führt zur Spaltung, zur Verrohung und nicht zuletzt zu Unfrieden im wahrsten Sinne des Wortes.

  • 2
    2
    Freigeist14
    09.10.2019

    Olaf@ habe ich irgendwo der zentralen Planwirtschaft das Wort geredet ?

  • 3
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    saxon1965
    09.10.2019

    @ OlafF: Der Weg in eine bessere Zukunft... für wenige Superreiche oder viele Schaffenden? Kapitalismus oder Gemeinwohlwirtschaft? Es gibt einen Dritten Weg, aber der lässt keinen Platzt für eine elitäre Oberschicht.

  • 2
    1
    OlafF
    09.10.2019

    @Hankman: Weder Sie noch ich können abschätzen, welche umwälzenden Veränderung die nächsten Jahrzehnte für uns bereithalten. KI, Digitalisierung und Globalisierung geschehen so rasant, dass morgen das, was heute noch bewährt erscheint bereits Schnee von gestern ist. Der Sozialismus war dabei nur ein Schauer, welcher vom Wind des Spätkapitalismus wieder überweht worden ist. Denn der Entscheidende Faktor bleibt der Mensch. Ich glaube jedenfalls, das dieser neue Weg demokratisch beschritten werden muss und ohne Panik. Es soll kein Fluchtweg sein, sondern ein Weg in eine bessere Zukunft.

  • 1
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    OlafF
    09.10.2019

    @Freigeist14: Sie kennen sicherlich das Ergebnis der Enteignungen und Verstaatlichungen in den sozialistischen Ländern der Welt? Einzig der VR China ist es gelungen einen großen Teil ihrer Bevölkerung aus der ARMUT zu führen, durch Marktwirtschaft. Der Staat hat seine hoheitlichen Aufgaben. Die Komune kann teilweise Aufgaben selbst übernehmen, wo es funktioniert alles Okay, die Bürger sind mündig und demokratisch entschieden wird in den Stadträten und Gemeinden. Bei der Energiewende hat fehlender Wettbewerb zum Niedergang der deutschen Windkraft geführt.Ohne CO2-Angst und Subventionen, sind tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Überall wo der Staat eingreift gehts schief. Warum wohl ? Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie mir Beispiele nennen können, wo Länder existieren, wo Planwirtschaft und gemeinschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln wunderbar funktioniert hat?

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    KTreppil
    09.10.2019

    Zu diesem Thema lässt sich unendlich diskutieren und spekulieren. Jeder der dabei war hat seine eigenen Erinnerungen und Meinungen. Ich persönlich gehörte zu denen, die wenigstens verstohlen eine Kerze ins Fenster stellten. Ich erinnere mich an die unglaubliche Euphorie und Aufbruchstimmung, später war ich etwas irritiert woher plötzlich die Rufe nach Wiedervereinigung kamen, dass ich ein Jahr später Bürger der BRD bin hätte ich nicht geglaubt. Was wäre wenn...die BRD noch heute in den Grenzen von 89 wäre. Ich denke sie hatte damals ihre gesellschaftlichen Probleme und hätte auch heute ähnlich gelagerte wie zur Zeit, sicher hätte man auch dann jemanden zum herabschauen und schulmeistern gefunden. Nur halt eher keine Kanzlerin Merkel und auch keine Aufbau Ost Karrieren machen und Buschzulagen kassieren können. Eine DDR ligth, vielleicht wäre auch das möglich gewesen, wollte nur plötzlich keiner mehr. Vielleicht hätte es auch eine ganz andere, echte Alternative für Deutschland geben können, wer weiß. Es bleibt Spekulation. Aber ganz froh und dankbar sollten wir sein, dass es nicht zu einer DDR ultra gekommen ist. Auch das hätte möglich sein können. Blutiges Ende der Demos, DDR noch enger und diktatorischer... Danke dass wir so leben können wie heute.

  • 4
    0
    ChWtr
    09.10.2019

    Vollständige Zustimmung @Hankman - außer, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie man einen "dritten Weg" (damals wie heute) hätte hinbekommen können / wollen. Keine Chance, leider!

    Und eine paritätische Vereinigung gab es ja sowieso nicht - ein Anschluss schon eher. Schade, dass damals die Chance leichtfertig vertan wurde. Wirklich. Eine Bestandsgarantie hat sich die alte Bundesrepublik selbst auferlegt - als Mittel zum Zweck und Eigenschutz. Das wird jedoch mit der jüngeren Generation (langsam) aufgeweicht und verändert.

  • 8
    1
    Hankman
    09.10.2019

    @OlafF: Ich glaube, es geht nicht um Neosozialismus. Unser gegenwärtiges System befindet sich in einer heftigen Krise - Stichworte: Klimawandel, stetig wachsende soziale Spaltung, ungerechte Weltordnung, Kriege ... Es muss sich in Teilen neu erfinden. Gelingt das nicht, fliegt uns der Laden irgendwann um die Ohren. Denn auch dieses System mit all seinem großen Anpassungs-Potenzial hat keine ewige Bestandsgarantie. Es ist nicht das Ende der Geschichte.

    Ich finde es vernünftig, mal ohne Scheuklappen zu sehen, was es sonst noch so gibt und wo man sich Ideen für Veränderungen holen könnte. Ich fand zum Beispiel immer, dass die Idee eines "dritten Weges" Charme hat - nicht zu verwechseln mit dem dumpf-neonazistischen "III. Weg", in dessen Namen die römische Drei offenbar für das III. Reich steht. Beim "dritten Weg" ging es um ein Mittelding zwischen Kapitalismus und Sozialismus, ein Gesellschaftskonzept, das aus beiden "Welten" das Gute und Vernünftige aufnimmt. Weil das in der DDR als Abweichlertum auf dem Index stand, wurde es auch 1989 wieder diskutiert - aber mit der deutschen Vereinigung wurde das Nachdenken schnell obsolet, denn der DDR stülpte man einfach das aus damaliger Sicht beste und bewährte System über. Neue Konzepte, Alternativen waren unerwünscht. Und sie haben es bis heute schwer.

  • 6
    1
    Freigeist14
    09.10.2019

    Ölaf@ Sie sagen die Menschen sind mündig . Also entscheiden sie selbst ,ob sie die Ideen von Vergesellschaftungen für Richtig oder Falsch halten . Und lassen sich keine kruden Wortschöpfungen vom "Neosozialismus" aufschwatzen .

  • 11
    0
    KTreppil
    09.10.2019

    Die Menschen die 89 in der DDR in Plauen, Leipzig und anderen Städten auf die Strasse gingen waren wirklich mutig. Sie handelten im Interesse einen weiteren schweigenden Mehrheit, wo sich mancher nicht mal traute, eine Kerze ins Fenster zu stellen. Die diese Tage in Berlin demonstierenden sogenannten Klimaaktivisten benötigen dafür keinen großen Mut, nicht vergleichbar mit 89. Wissen sie doch, wie weit sie gehen können mit Provokationen, ohne wirkliche Repressalien befürchten zu müssen. Ich bin kein "Klimaleugner", aber in meinem Namen stehen die nicht auf der Strasse. Ich bin dankbar für die vor 30 Jahren erkämpfte Meinungsfreiheit und habe manchmal das Gefühl, dass diese momentan wieder hart umkämpft ist (von allen Seiten und an vielen Fronten) . Wehret den Anfängen...

  • 3
    3
    OlafF
    09.10.2019

    Der Neosozialismus als nächsten Versuch, 30 Jahre nach Ende der Diktatur ist keine gute Idee, zu einer in ihren Prozessen zu behäbigen Demokratie. Den Anhängern von Kevin Kühnert sei gesagt, dass die Menschen, der vielen gescheiterten Experimente, egal ob er sich real existierender Sozialismus, National-oder Ökosozialismus nennt, müde sind. Die Menschen sind mündig und wollen nicht bevormundet werden. Sie wollen an wichtigen Entscheidungen beteiligt werden, um sie mitzutragen, für sich, ihre Kinder und Enkel.
    Ich halte die Idee von Torsten Kleditzsch mit der Bürgerversammlung für richtig, und finde die irische Lösung, gepaart mit Basisdemokratie auf kommunaler Ebene, unabhängig vom Parteibuch, weg von den Eliten der Berufspolitik und der Lobbyisten für möglich. Voraussetzung ist aber, gegenseitiger Respekt, Anstand, Fairness und keine Ausgrenzung von Andersdenkenden. Wie war doch der Leitspruch der Rosa-Luxemburg-Demo am 17.Januar 1988: „Freiheit für Andersdenkende“.
    „Aufstehen“ war ein netter Versuch, aber die parteipolitischen Zwänge waren zu dominant. Das Ganze auf demokratischer Ebene als: „Bürgerversammlung jetzt- für unsere Zukunft“.

  • 7
    1
    acals
    09.10.2019

    Ich schliesse mich dem Lob des obigen Artikels sehr gerne an - gut gemacht Herr Kleditzsch!

    Loben möchte ich auch den Artikel an Tagen zuvor mit dem Slogan "Die Geschichte gehört uns allen." Was 89/90 passiert ist wird, wenn alle Beiträge gehört und verstanden sind nicht umgeschrieben - aber es wird klarer was danach passiert ist.
    Insofern hoffe ich das dieser Slogan mehr Wellen schlägt.

    Das bringt mich zu einem einzigen Punkt, der von der Sache her etwas untergeht und den ich angeben möchte. Es gibt einen guten Wikipedia Eintrag zu den Montagsdemos - die es schon lange zuvor gab. Der handelnde Leipziger Pfarrer lebt leider schon lange nicht mehr - aber selbst die Demo am 4.9.89, von Bürgerbewegten initiiert, entfachte nicht den nötigen Funken. "Wir wollen raus" war - wenn auch plakative in ARD/ZDF transportiert - nicht das Ziel bzw. bananenessend im Mercedes in das spanische Ferienhaus zu fahren.

    Der Deutschlandfunk hat den Umschwung danach gut kommentiert - meine damalige Arbeitsgruppe mit Chef (zusätzlich Mitglied der SED-Betriebsparteileitung) hatte allmorgentlich um 7 Uhr den Berichten gelauscht, darunter eben auch seit ca. 07/89 wie hoch die tägliche Anzahl an Flüchtlingen aus der DDR in die BRD war.

    Vielleicht kann die FP hier doch nachrecherchieren?

    Es gab einen bestimmten Punkt, an dem der Slogan umschlug in "Wir bleiben hier. Wir sind das Volk." Dieser hat Wellen geschlagen - und hat auch uns veranlasst eine abendliche Zugfahrt von 1 h in Kauf zu nehmen und natürlich die späte Rückfahrt, um eben am 9.10. in Leipzig zu sein, bzw. später am 16.10. Da Marcus Söder den Friedensnobelpreis für die damalige DDR Bevölkerung ansprach (nette Geste) - die Personen hinter diesem Slogan-Umbau würde ich vorschlagen. Ohne diese hätten die Proteste am 9.10. in Leipzig und zuvor in anderen Städten nicht diese erste Massenwirkung erreicht.

    Am Abend des 9.10. waren wir uns bewusst etwas historisches erlebt zu haben. Wir waren dankbar dafür das die Kruste aufgebrochen war, dass es friedlich bliebt ... es war aber auch klar dass das Heft des Handelns in die eigenen Hände genommen werden muss. Bereits hier setzt aber auch so etwas wie Versagen ein ... das ist aber nicht in 2,3 weiteren Sätzen abzubilden.

  • 14
    0
    2PLUTO6
    09.10.2019

    Morgen. Die Diskussion sollte nicht sein, ob die DDR gut oder schlecht war, denn im "goldenen Westen" ist auch nicht immer alles "Gold" was glänzt.
    Besser wäre es, auch von der Gesellschaft der DDR zu lernen, Dinge zu übernehmen, die gut waren und auch heute noch funktionieren.

  • 6
    2
    BuboBubo
    09.10.2019

    Ein kluger Text.

    Es wäre zu wünschen, dass viele ihn lesen, einige Zeit darüber nachdenken und den Extrakt in ihr Weltbild eingliedern - auch wenn nur eine winzige Schublade dafür frei sein sollte. Möglicherweise hilft das dabei, auch scheinbar abartige politische Meinungen zumindest zu respektieren.

    Es ist nicht zu leugnen, dass sich vor uns momentan grundlegende Probleme aufbauen, die unsere Existenz bedrohen. Die Anzeichen mehren sich. Dass es (zumindest in Mitteleuropa) noch recht still ist, sollte uns nicht einlullen. Schon vor vielen Jahren wurde gedichtet: "Stumm steht das Haus, eh die Wand sich neigt" - jeder Ossi kennt diese Zeile.

    Ob man mit anonymen Anfeindungen dem notwendigen Diskurs über mögliche Wege aus dem Dilemma zum Erfolg verhilft, darf bezweifelt werden. Auch das "Stück Scheiße" hat sich gewiss Gedanken darum gemacht, wie man ein Problem lösen könnte. Wäre es nicht besser, diesen Lösungsansatz - so er einem widerstrebt - mit offenem Visier und stichhaltigen Argumenten in Grund und Boden zu diskutieren?

    Gewiss - Meinungsvielfalt ist anstrengend und schwer auszuhalten.
    Die Alternative aber, nicht nur für Deutschland, ist das Pogrom - ein historisch erprobtes Mittel, um aus einem unübersichtlichen ideologischen Gemenge herauszufinden und die Gesellschaft wieder zu vereinheitlichen. Eine ungewisse Sehnsucht danach scheint sich jüngst im Wählerwillen niedergeschlagen zu haben.

    Aber: Wollen wir das wirklich erleben?

  • 11
    0
    copter
    08.10.2019

    "Dass kurz darauf in der Euphorie über den Zusammenbruch des Ostblocks der Westen das Ende der Geschichte ausrief, war - falls ernst gemeint - nicht nur naiv, sondern hat bis heute auch das Nachdenken in einer Arroganz behindert, die der Freiheit zur Gefahr werden kann."
    Meinerseits volle Zustimmung!!
    Als damals in Leipzig die ersten (gekauften?) Blödmänner unter den Demonstranten "Helmut, Helmut" riefen war für mich klar das es in eine völlig falsche Richtung lief - es war nicht mehr meine Demonstration!
    Die weitere Entwicklung dokumentierte ja leider Recht, das Ganoven wie Kohl, Schäuble etc. das Eigentum der Ostdeutschen missbrauchten um die Einheit zu finanzieren, siehe das Buch 'Macht und Eigentum von Constanze Paffrath'.

  • 24
    1
    Hankman
    08.10.2019

    Großartige Betrachtung, vielen Dank dafür! Im Oktober 1989 in Leipzig ging es um eine freie, offene, demokratische Gesellschaft, zunächst einmal in der DDR. Das Thema Deutsche Einheit kam erst einige Wochen später hinzu. Und der Kreis jener, die demonstrierten, wandelte sich damit allmählich. Dass die Demokratiebewegung von Anfang an auf die Einheit zielte, ist eine Legende, die dankenswerterweise hier nicht erzählt wird.

    Ich muss sagen, ich fand es damals schade, dass "die Systemfrage" so schnell geklärt war, die Runden Tische weggeräumt und der gerade aufgewachten DDR binnen Monaten die bewährten, aber starren und angejahrten Strukturen der alten BRD übergestülpt wurden. Womöglich war das nicht anders möglich, weil ein großer Teil der Ostler unbedingt ganz schnell die D-Mark wollte. Vielleicht gibt es heute die Chance, den Strukturen ein Update zu verpassen. Es gibt ein paar Ansätze, die Hoffnung machen. Daran mag sogar die AfD ihren Anteil haben - aber ganz anders, als sie selbst glaubt.



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