Zu viel gearbeitet: Ärztin soll 300.000 Euro zahlen

Kyra Ludwig wird von der Kassenärztlichen Vereinigung bestraft, weil sie zu viele Patienten behandelte. Der Hartmannbund in Sachsen beklagt eine industrialisierte Medizin.

Chemnitz.

Ärzte in Sachsen, die öffentlich über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und deren Regressforderungen sprechen? "Da werden Sie nicht viele finden", sagt Kyra Ludwig. Die Fachärztin für Neurologie betreibt eine Praxis in Seifhennersdorf, einer 3700-Seelen-Gemeinde im Landkreis Görlitz, direkt an der tschechischen Grenze. Sie behandelt viele alte Menschen mit Rückenbeschwerden, Parkinson oder Demenz. 1500, manchmal 1700 Menschen in einem Quartal. Das sind mehr als doppelt so viele, wie sie eigentlich behandeln sollte. Dabei gilt laut KV bei Neurologen in ihrer Region um Zittau offiziell ein Versorgungsgrad von 144 Prozent. Also Überversorgung? "Ich kann es nicht mehr hören", sagt Ludwig.

Im Jahr 2016 fielen der KV Sachsen die Honorarabrechnungen aus der Praxis in Seifhennersdorf auf. Sie prüfte vier Jahre rückwirkend, die Ärztin soll nun 300.000 Euro zurückzahlen. Kyra Ludwig gehörte zu den Medizinern, die im Januar in Sachsen einen Landesverband der Ärztegewerkschaft IG Med gründeten. Für Kollegen, die dort mitmachten - etwa 150 sollen es bislang sein - und die sich öffentlich outeten, habe das Konsequenzen. Es drohten Tiefenprüfungen durch die KV. Sie verteilt das Geld aus der gesetzlichen Krankenversicherung, alle niedergelassenen Ärzte sind dort Pflichtmitglieder.

Aus Frust über die Rückforderungen und über die Arbeit der KV sei die IG Med entstanden, so Kyra Ludwig. Über 50 von Regressen Betroffene habe sie bereits in einer Gruppe vereint, erzählt sie. "Und jeder kennt noch massenhaft Kollegen, die ebenfalls Probleme haben." So sollen beispielsweise alle vier Rheumatologen in Ostsachsen Strafzahlungen leisten, berichtet sie. Als Konsequenz nehme keiner von ihnen mehr neue Patienten auf. Die IG Med befürchtet, dass durch dieses rigorose Vorgehen Ärzte regelrecht vertrieben werden. "Regresse könnten ein wesentlicher Teil des Ärztemangelproblems in Sachsen sein", schreibt die Gewerkschaft.

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen ließ Fragen der "Freien Presse" zu Regressforderungen unbeantwortet. Präsident Klaus Heckemann hatte dem MDR gesagt: "In Sachsen wird kein Arzt irgendeinen Plausibilitätsregress bekommen allein wegen der hohen Anzahl der Patienten, die er behandelt." Es gebe erst Probleme, wenn die große Anzahl der Patienten mit überdurchschnittlich vielen Leistungen behandelt werde.

Der Ärzteverband Hartmannbund indes hält die Kritik der IG Med für berechtigt. So berichtet der Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen, Thomas Lipp, er kenne das Problem der Regresse als niedergelassener Allgemeinmediziner in Leipzig aus eigener Erfahrung. "Als Vertragsarzt fühle ich mich selbstverständlich zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet, aber dies darf nicht zu solchen Auswüchsen führen", sagt Lipp. Der Fehler liege hier in einem durch den Gesetzgeber und die Krankenkassen ökonomisch getriebenen und damit fehlgesteuerten Grundsystem, "was in seinen Auswüchsen fast zu einer Perversion in der Versorgung am Patienten führt beziehungsweise führen muss".

Wie der Chef des Hartmannbundes in Sachsen erläutert, ist in dem Honorarsystem jede Leistung mit einem Zeitfaktor hinterlegt. Nur wenn der eingehalten werde, könne die Leistung abgerechnet werden. Damit sei die Patientenversorgung zeitlich getaktet, was zu einer Absurdität in der Versorgungspraxis führe. Der Schwarze Peter gehe hier jedoch zu Unrecht an die Kassenärztliche Vereinigung. "Aufgefordert sind vielmehr die Politik und die Krankenkassen, dieses grundlegende Übel einer industrialisierten Medizin an der Wurzel zu packen." Eine Reform sei hier überfällig.

Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) sieht offenbar keinen Reformbedarf. Zu der Auseinandersetzung sagte sie: "Reden hilft. Wir haben in Sachsen gute Erfahrungen damit gemacht, mit den Partnern aus der Selbstverwaltung der Ärzteschaft, Krankenkassen, Krankenhäusern und der Politik Probleme offen zu diskutieren."


Strafzahlungen: Ärzte in Sachsen beschränken Patientenversorgung

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen geht gegen Mediziner vor, die ihr Budget überziehen. Diese wehren sich jetzt mit einer neuen Gewerkschaft.

Eine Hausarztpraxis in Chemnitz in diesen Tagen. Ein Schild informiert: Hier werden keine neuen Patienten mehr angenommen. Bisher habe er jeden behandelt, der zu ihm kam, sagt der Arzt. Doch bereits Mitte Februar habe er die maximale Behandlungszeit für das erste Quartal überschritten, daher solle er mehrere Tausend Euro Regress zahlen. Der Mann will anonym bleiben - anderenfalls, so befürchtet er, könnte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Ärger machen.

Rechnet ein Arzt bei der KV mehr als 780 Stunden pro Quartal ab, gilt er als auffällig und wird geprüft. In Sachsen, so der Vorwurf einer neuen Ärzte-Gewerkschaft, geht die Vereinigung dabei besonders rigide vor.

Die Strafzahlung gegen den Arzt aus Chemnitz ist nach Recherchen der "Freien Presse" kein Einzelfall. Ein Mediziner mit einer Praxis in einem Dorf im Landkreis Zwickau berichtet von mehreren Zehntausend Euro, die an Regressforderungen auf ihn zukamen. Auch er hat Angst vor Repressionen und will deshalb seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. "Die Sachsen-KV haut zu, mit dem Hammer. Da steigt die Wut." Als Konsequenz verordne er keine Physiotherapie mehr; mit der Hälfte seiner Patienten dürfe er kein Gespräch mehr führen - oder dies nicht abrechnen, obwohl es stattgefunden hat. "Wenn ich mehr arbeite, werde ich bestraft", sagt er.

Das hohe Arbeitspensum ist eine Folge des Ärztemangels in Sachsen. Viele Praxen nehmen weit mehr Patienten auf, als sie eigentlich sollten. Rund 250 Hausärzte fehlen derzeit in Sachsen, davon allein 31 in der Stadt Chemnitz.

Die Interessengemeinschaft Medizin (IG Med), eine neue Ärztegewerkschaft, hat sich jetzt in einem offenen Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten gewandt, "in tiefer Sorge um die medizinische Behandlung der sächsischen Patienten". Verwiesen wird etwa auf eine Reform der Bereitschaftsdienste, wodurch riesige Einsatzgebiete entstünden. Zudem werde Jungärzten suggeriert, dass sie alle ihre Leistungen abrechnen könnten. "Man lässt die Kollegen in die Regressfalle tappen." Nach Ablauf des vierjährigen Sonderstatus als Jungarzt stünden "nicht selten Forderungen von über 100.000 Euro ins Haus". Fazit: "Die KV Sachsen kommt ihrem Versorgungsauftrag nicht mehr nach und sie gefährdet die Existenz der ihr anvertrauten Mitglieder."

Unterzeichnet ist das Schreiben von mehreren Ärzten mit Praxen außerhalb Sachsens, im Impressum der IG Med taucht ein Arzt aus Weiden in Nordbayern auf. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen warf der IG Med daher ihrerseits in einem offenen Brief an den Ministerpräsidenten vor, Eigeninteressen zu verfolgen und sprach ihr indirekt die Berechtigung ab, für die sächsischen Ärzte zu sprechen. Zu den Regressforderungen erklärte die KV Sachsen: "Unberechtigt abgerechnete Honorare müssen zurückgefordert werden, sie mindern außerdem das für die korrekt abrechnenden Ärzte zur Verfügung stehende Honorar." Im Mittel würden lediglich 2,5 Prozent der Ärzte auffällig.

Dass es so wenige sind, bezweifelt Kyra Ludwig. Die Neurologin im ostsächsischen Seifhennersdorf, die nach eigenen Angaben der IG Med angehört, steht in Kontakt mit mehr als 50 von Regressen betroffenen sächsischen Ärzten.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 10 Bewertungen
13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 14
    5
    Einspruch
    01.04.2019

    Die haben den Duchblick verloren. Man muss ja schon froh sein, wenn man überhaupt mal einen neuen Arzt findet, wenn der alte aufgehört hat. Und dann darf der einen nicht behandeln, weil der Spahn möglichst viele Spender braucht und auf natürliche Prozesse zur Lösung seines Problemes hofft.

  • 13
    2
    cn3boj00
    01.04.2019

    Heckemann hat neulich schon in der FP ein Interview gegeben, wo man gemerkt hat dass er entweder keine Ahnung hat was sein Verein tut oder ein etwas vorspielt. Ich persönlich glaube, dass die KVS es sich zum Ziel gesetzt hat, künstlich den Ärzteengpass aufrechtzuerhalten. Damit kann man dann die Krankenkassen erpressen. Patienten sind denen egal.

  • 12
    0
    1491637
    01.04.2019

    Ist doch hoffentlich ein Aprilscherz !!!!!!!!!

  • 20
    0
    Lesemuffel
    01.04.2019

    Die Kassenärztliche Vereinigung scheint eines der größten Bürokratiemonster in dieser total bürokratisierten Republik zu sein. Bestrafung für zuviel gearbeitet - das gehört ins Guiness-Buch der absoluten Negativrekorde. Ich könnte weitere Bürokratieepisoden beifügen. Das würde aber der Platz sprengen.

  • 25
    0
    CPärchen
    01.04.2019

    Das darf doch nicht wahr sein! Da behandelt der Arzt schneller oder mehr Patienten, als eine Tabelle vorgibt und *Schwupps* Regressanforderungen.
    Dass Frau Klepsch diesen Vorwurf so abbügelt, verwundert mich und verstehe ich auch nicht.

  • 19
    3
    Interessierte
    01.04.2019

    In diesem hanebüchenen Staat mit diesen ´für das jeweilige Fachgebiet` unkompetenten Politikern wird es einem ganz schlecht ….

  • 28
    1
    Dorpat
    01.04.2019

    Da nennt sich ein Verein “Kassenärztliche Vereinigung” und hat nur den einen Zweck, den Ärzten und Patienten das Leben so schwer wie möglich zu machen. Und jetzt fordert dieser “Gesundheitsminister” Spahn auch noch härteren Wettbewerb unter den Krankenkassen! Wer wird das wohl auszubaden haben, wenn sich die Kassen noch mehr untereinander unterbieten sollen? Ärzte, Krankenhäuser und Patienten natürlich!
    Man sollte es lieber fördern von den 150 Kassen welche zu fusionieren!

  • 30
    1
    Hankman
    01.04.2019

    Das System der Honorarverteilung über die Kassenärztlichen Vereinigungen funktioniert offenbar nicht, wie es soll. Auch die von den KVs festgelegten Richtwerte, wie viele Ärzte für wie viele Bürger zuständig sein sollen, sind offenbar vielfach unsinnig. Wenn zum Beispiel eine Großstadt angeblich mit Augenärzten überversorgt ist, der Patient aber trotzdem in keiner Praxis unterkommt, läuft etwas gründlich schief.

    Hinzu kommt auch: Arzt ist nicht gleich Arzt. Wie in anderen Professionen gibt es gute und weniger gute. Es kann also sein, dass bei einem Arzt mehr Andrang herrscht, weil er seine Arbeit hervorragend macht und immer wieder weiterempfohlen wird. Er darf dann nicht dafür bestraft werden.

    Ich wünsche mir für das Gesundheitssystem tiefgreifende Reformen und einen grundlegend neuen Ansatz. Aber ich habe keine Hoffnung, dass das passiert, denn zu viele Interessengruppen sind involviert und mischen mit. Durch die Reformen der Vergangenheit hat man eine Industrialisierung und Monetarisierung des Gesundheitssystems erreicht, von den Krankenkassen bis hin zum einzelnen Arzt und Apotheker. Es geht anscheinend nur noch darum, dass möglichst viele Leistungserbinger möglichst viel Geld aus diesem System abschöpfen. Der Patient ist zur Nebensache geworden. Und wenn es nicht so viele Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte gäbe, die mit ihrem Berufsethos und ihrem Engagement die Schwächen des Systems ausbügeln, sähe es sehr, sehr düster aus.

  • 7
    11
    Zeitungss
    01.04.2019

    Die beste Medizin in diesem Land, 24 h man ist unter Drogen.

  • 30
    2
    Hinterfragt
    01.04.2019

    Und dann wundert man sich, dass die Patienten die Notaufnahmen der Krankenhäuser "strapazieren" ...

    z.B.:
    https://www.freiepresse.de/nachrichten/deutschland/notaufnahme-nur-jeder-sechste-ist-wirklich-ein-notfall-artikel10119440
    https://www.freiepresse.de/nachrichten/deutschland/vorschlag-einer-notaufnahmen-gebuehr-sorgt-fuer-unmut-artikel10261538

  • 38
    2
    Steuerzahler
    01.04.2019

    Da verlangt ein Gesundheitsminister, das Wort an sich ist schon zweifelhaft, dass die Ärzte längere Sprechzeiten anbieten. Und dann so etwas! Man fragt sich, ob diese Leute überhaupt noch einen Durchblick haben oder ob das gemeine Volk nur noch für dumm verkauft wird. Welcher Berufsstand erklärt sich bereit, ohne entsprechende Entlohnung zu arbeiten? Einfach weltfremd. Wer denkt, dass den Ärzten das Geld nachgeschmissen wird, der sollte sich einmal die Ausbildung und die Dauer dieser ansehen und die Kosten für Personal und Praxis. Sicher gäbe es genug Ärzte, würde nicht über den NC die Ausbildung massiv eingeschränkt und genügend Hochschulkapazität vorgehalten. Aber das ist halt politisch so gewollt, da das Geld für andere zweifelhafte Sachen verschleudert wird.

  • 24
    4
    Gerhard56
    01.04.2019

    Eine Riesensauerei von den „Göttern in Weiß“. Jetzt wollen die für ihre Arbeit auch noch bezahlt werden.

  • 32
    1
    Täglichleser
    01.04.2019

    Das versteht der Patient nicht. Er ist ja froh, wenn der Arzt ihm zuhört, sich Zeit nimmt,
    überhaupt einen Termin bekommt.
    Kopfschütteln.



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