Chaostage in Tschechien

Nirgendwo in Europa ist die Coronalage so extrem. Nun verliert das Land wohl zum zweiten Mal binnen vier Wochen seinen Gesundheitsminister - erwischt ohne Maske nach einem Restaurantbesuch.

Prag.

Mittwochabend, 23.30 Uhr auf der Prager Burg Vyšehrad: Reporter der Boulevard-Zeitung "Blesk" liegen vor dem Luxus-Restaurant "Rio's" auf der Lauer, als Tschechiens Gesundheitsminister Roman Prymula das Gebäude verlässt. Auf Fotos ist zu erkennen, wie der 56-Jährige dort ohne Maske in eine dunkle Limousine steigt. Stunden zuvor hatte der Epidemiologe noch den erneuten Lockdown für das Land verkündet und die Bürger aufgefordert, zuhause zu bleiben. Die Restaurants in Tschechien mussten bereits anderthalb Wochen zuvor schließen.

Der Vorfall schlägt hohe Wellen. "Ein solcher Fehler ist unentschuldbar", sagte Tschechiens Premier Andrej Babiš am Freitag auf einer Pressekonferenz. Man habe Geschäfte und Restaurants geschlossen, die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und von ihnen verlangt, Masken zu tragen, sogar im Auto. Die Regierung könne es sich nicht leisten, weiteres Vertrauen zu verspielen, so Babiš. Er habe den Gesundheitsminister daher gebeten, seinen Rücktritt einzureichen. Tue er das nicht, werde er entlassen.

Auf der Burg Vyšehrad hatte sich Prymula mit dem Fraktionschef von Babišs populistischer Regierungspartei ANO, Jaroslav Faltynek, getroffen. Dieser erklärte, man habe im Salon des geschlossenen Restaurants "Dinge bei einem Kaffee besprochen". Später reichte er seinen Rücktritt als Parteivize ein. Prymula wiederum lehnte einen Rücktritt ab und rechtfertigte sich, er sei nur durch das Restaurant gelaufen, das Treffen habe in Privaträumen stattgefunden. Prymula war erst vor vier Wochen ins Amt des Gesundheitsministers gekommen, nachdem sein Vorgänger Adam Vojtěch angesichts der heftigen zweiten Coronawelle seinen Rücktritt erklärt hatte.

Tschechien ist Europas Spitzenreiter bei den Corona-Neuinfektionen. Am Freitag wurden in dem Land mit rund zehn Millionen Einwohnern 14.151 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden vermeldet, 1845 Menschen starben bereits in Verbindung mit Covid-19. In Messehallen am Prager Stadtrand baute die Armee inzwischen ein Corona-lazarett mit 500 Betten auf. In der Hauptstadt sind die Straßen nahezu leer gefegt, Passanten tragen wie vorgeschrieben Masken. Touristen dürfen nicht mehr einreisen.

Erstmals kam es auch zu gewalttätigen Protesten. Gegner der Coronamaßnahmen versammelten sich am vergangenen Sonntag auf dem Altstädter Ring, Teilnehmer der Kundgebung zündeten Feuerwerkskörper und griffen Polizisten an. Die Tageszeitung "Lidové noviny" schrieb von Hooligans und merkwürdigen Extremisten, kam zugleich aber zu der Einschätzung: "Die tschechische Gesellschaft ist müde und gespalten in ihrer Sicht auf die Pandemie und die Maßnahmen der Regierung." (mit dpa)

11 Kommentare

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  • 5
    9
    fpleser
    23.10.2020

    die Maske hält das Virus nicht auf, warum also der ganze Unfug?