Das große und das kleine Amerika

Die Trauerfeier für den Kriegshelden John McCain gerät zur eindrucksvollen Demonstration gegen Trump. Der US-Präsident spielt derweil eine Runde Golf.

Washington.

Nach einer halben Stunde hielt es Donald Trump vor dem Fernsehen im Weißen Haus nicht mehr aus. Meghan McCain hatte bei der Trauerfeier für ihren Vater in der nur fünf Kilometer entfernten Nationalen Kathedrale unter spontanem Beifall der mehr als 3000 geladenen Gäste gerade ausgerufen: "Das Amerika John McCains hat es nicht nötig, wieder groß gemacht zu werden, weil Amerika immer groß war." Da setzte der amtierende US-Präsident seine "Make-America-Great-Again"-Kappe auf und ließ die Fahrzeugkolonne rufen. Den ganzen Samstagvormittag hatte Trump versucht, sich von dem Ereignis abzulenken, bei dem seine Anwesenheit nicht erwünscht war. Wild wetterte er bei Twitter gegen seine politischen Gegner. Doch es half nichts: Seit zehn Uhr morgens gab es auf allen maßgeblichen Fernsehkanälen der USA nur ein Thema: den Abschied des hoch angesehenen Senators und Kriegshelden John McCain. Selbst Trumps Haussender Fox übertrug die zweieinhalbstündige Zeremonie in voller Länge. Das war offensichtlich zu viel für den Präsidenten: Er stieg in die Limousine und fuhr zu seinem Golfplatz in Virginia. Während die amerikanische Nation kollektiv um ihren letzten großen Helden trauerte, schlug ihr oberster Repräsentant kleine Bälle über den Rasen.

Der Kontrast hätte schärfer nicht sein können: In der Kathedrale waren drei ehemalige Präsidenten und die gesamte Spitze der etablierten amerikanischen Politik, des Militärs und der Gesellschaft versammelt. Während Trump auf Twitter polterte, wurde dort parteiübergreifend für Anstand und Kompromiss geworben. Obwohl Trumps Name kein einziges Mal erwähnt wurde, schwang er in allen Nachrufen mit. Jeder Redner distanzierte sich mit kaum versteckten Botschaften vom amtierenden Präsidenten. McCains Tochter Meghan kritisierte "die billige Rhetorik von Männern, die den Opfern, die er so bereitwillig gab, nie nahekommen konnten". Der an einem Gehirntumor im Alter von 81 Jahren verstorbene Senator war in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft gefoltert worden. Trump, der sich vor dem Militärdienst drückte, hatte ihn dafür verspottet. Der demokratische Ex-Präsident Barack Obama verschwieg weder die politischen Differenzen, die er mit McCain hatte, noch dessen gefürchtete Temperamentsausbrüche. Doch der Republikaner sei immer für Recht und Pressefreiheit eingetreten: "Wir hatten nie Zweifel, dass wir in derselben Mannschaft spielen." Tatsächlich ging es in den meisten Reden nicht nur um McCain. Die Trauerfeier war vielmehr ein Hochamt auf die idealisierten amerikanischen Werte der Demokratie, des nationalen Zusammenhalts und des Patriotismus. So eindrucksvoll die überparteiliche Demonstration für das bessere Amerika war - das "größte Treffen des Widerstands" gegen Donald Trump, wie das Magazin "New Yorker" schon frohlockte, hat Washington am Wochenende nicht erlebt: Zu viele Republikaner, die in der Kathedrale ihre Tränen verdrückten, sind im wirklichen Leben längst zu Komplizen des Präsidenten geworden.

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