"Das Vertrauen in europäische Strategien ist in Afrika begrenzt"

Migrationshistoriker Oltmer sieht Verhältnis der Kontinente auch durch Erbe der Kolonialzeit belastet

Chemnitz.

Über den am Mittwoch begonnenen EU-Afrika-Gipfel und über die generellen Perspektiven im Verhältnis der beiden Kontinente sprach Stephan Lorenz mit dem Entwicklungshilfe- und Migrationsexperten Jochen Oltmer.

Freie Presse: Kanzlerin Angela Merkel hat Afrika mehr Geld für Bildung und für die Bekämpfung der illegalen Migration versprochen. Sind das die großen Themen des Gipfels in Abidjan?

Jochen Oltmer: Die sogenannte Fluchtursachenbekämpfung ist ohne Zweifel das zentrale Thema. Es ist ja nicht der erste Gipfel dieser Art. Die Aufmerksamkeit Europas gegenüber Afrika ist vor allem vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik erheblich gewachsen. Europa will Migrationsbewegungen aus und in Afrika kontrollieren.

Die Jugend steht aber auch auf der Tagesordnung. Zurzeit leben in Afrika etwa 1,1 Milliarden Menschen, bis 2050 wird sich die Bevölkerung laut UN-Prognosen verdoppeln. Was bedeutet das für die Bildungspolitik?

Darüber wird ja schon seit Jahren diskutiert. Bildung und Ausbildung tragen dazu bei, die ökonomische und soziale Situation langfristig zu verbessern. Die Frage aber bleibt, wie die Zusammenarbeit mit Europa aussehen soll. Über viele Jahrzehnte wurden in der Entwicklungshilfe große Projekte angestoßen. Diese Bemühungen sind aber weithin gescheitert. Man setzt jetzt mehr auf die Privatwirtschaft. Es gibt zumindest den Plan, über einen Wirtschaftsförderungsetat (External Investment Plan) bis 2022 insgesamt 44 Milliarden Euro an Privatinvestitionen nach Afrika zu bringen. Es ist ein vernünftiger Weg, aber es muss darüber hinaus noch weitere Maßnahmen geben.

Welche?

Große zwischenstaatliche Projekte helfen nur begrenzt. Sie sind zu weit weg, zu abgehoben und daher kaum identifizierbar. Es bedarf mehr kleinerer und langfristig angelegter Projekte. Bildung von der Grundschule bis zur Universität ist nun mal auf langfristige Perspektiven angewiesen. Zudem müssen wir viel stärker auf Kooperationen zwischen den Institutionen setzen, etwa Universitäten oder Schulen. Wenn ein Gymnasium da mitmacht, hat das in Deutschland gleich viel mehr Aufmerksamkeit als die weit entfernten Regierungsprojekte. Lokale und regionale Anstrengungen unter finanzieller Beteiligung des Bundes könnten mehr bewirken als der große, von Staaten in Gang gesetzte Marshallplan für Afrika, von dem immer die Rede ist.

Spielt nicht auch die unfaire Handelspolitik eine wichtige Rolle, warum sich Afrika nicht genügend entwickelt?

Ja, sicher. Handelspolitik wird seit Jahrzehnten nur zum Vorteil Europas gemacht. Auch dieser Gipfel hat in erster Linie mit europäischen Interessen zu tun. Die Gespräche über Handelsbeziehungen oder Fischereirechte gehen über bloßes Bedauern nicht hinaus. Es gibt keine konkreten Maßnahmen, die zeigen würden, dass Europa verstanden hätte, dass unfaire Handelsbeziehungen und Privilegien für europäische Unternehmen auch einen Beitrag dazu leisten, dass die Entwicklung Afrikas behindert wird.

Wenn aber zum Beispiel Tunesien mehr Oliven in die EU exportieren dürfte, würde das die EU-Staaten und Olivenproduzenten Spanien und Italien auf den Plan rufen. Konkret wird es dann schwierig, oder?

Ja, insbesondere die europäische Landwirtschaftspolitik ist ja trotz allen Freihandelsgeredes auf Protektionismus ausgerichtet. Das ist übrigens weltweit so. Bleiben wir bei dem Olivenbeispiel: Im Zweifelsfalle müssten Italien oder Spanien Ausgleichszahlungen erhalten. Es wäre ein kleiner Beitrag dazu, dass entwicklungspolitische Ziele erfüllt werden. An tragfähigen Konzepten dafür fehlt es bislang. Es bleibt vieles auf der Ebene des Bedauerns.

Eigentlich ist Afrika ein reicher Kontinent mit großen Rohstoffvorkommen. Die aber beuten europäische oder amerikanische Firmen aus. Daran wird sich ja so schnell nichts ändern.

Diese über viele Jahrzehnte gewachsenen Verhältnisse können nicht von heute auf morgen geändert werden. Man muss sich aber vor Augen führen, dass die Förderung der Ökonomie und der sozialen Lage in Afrika dazu beitragen könnte, dass die Menschen dort auch politisch handlungsfähiger werden. Man muss Gesellschaften stärken, damit sie in der Lage sind, sich gegen Machthaber, die ausschließlich auf ihre eigenen Interessen schauen, zu wehren. Am Ende müssen funktionsfähige Gesellschaften entstehen.

Damit kommt man aber noch nicht an die Konzerne ran, oder?

Es ist auch immer die Frage, ob man nicht herankommt oder nicht herankommen will. In Frankreich etwa hängt fast die gesamte Atomwirtschaft vom Uran aus dem Niger ab.

Inwieweit spielt das koloniale Erbe noch eine Rolle? Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron will einen Neustart der Beziehungen zu Afrika.

Das spielt immer eine Rolle. Macron hat am Dienstag in Burkina Faso deutlich gemacht, dass es viele Probleme in Afrika explizit vor dem Hintergrund des Kolonialismus gibt. Das zeigt ja, dass den Europäern die Perspektive sehr klar ist. Das, was in Afrika geschehen ist, wurde jahrzehntelang von außen gesteuert durch die Kolonialmächte. Dies wirkt bis heute nach und mindert das Vertrauen der Afrikaner in europäische Strategien.

Der EU-Afrika-Gipfel

Die Staats- und Regierungschefs aus rund 80 afrikanischen und europäischen Ländern sind am Mittwoch zu einem zweitägigen Treffen in der Elfenbeinküste zusammengekommenen. Die beiden Kontinente hätten ein gemeinsames Interesse, "die illegale Migration zu beenden und stattdessen legale Möglichkeiten für Menschen aus Afrika zu schaffen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kurz vor Beginn des Gipfels in der Hauptstadt Abidjan. Offizielles Hauptthema sind "Investitionen in die Jugend". Afrika zählt bereits jetzt mehr junge Leute unter 25 Jahren, als die EU insgesamt Einwohner hat. Auch Frieden und Sicherheit sowie Demokratie und Menschenrechte stehen auf der Gipfel-Agenda. (epd)

Jochen Oltmer

Der 52-Jährige ist Historiker und Migrationsforscher sowie Außerplanmäßiger Professor für Migrationsgeschichte am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien sowie am Historischen Seminar der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der deutschen, europäischen und globalen Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.(fp)

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