Der Favorit kommt aus der Deckung

Nach langem Rätselraten will der frühere Obama-Stellvertreter Joe Biden nun seine Präsidentschaftskandidatur erklären. Nicht alle Demokraten sind begeistert.

Washington.

Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden will für die Demokraten bei der Präsidentschaftswahl 2020 gegen Donald Trump antreten. Der 76-Jährige veröffentlichte am Donnerstag auf Twitter eine Videobotschaft, in der er seine Kandidatur offiziell verkündete. "Wenn wir Donald Trump acht Jahre im Weißen Haus geben, wird er für immer und fundamental das Wesen dieser Nation verändern", warnte Biden. Er könne nicht untätig zusehen, wie das passiere. Die wesentlichen Werte, die Demokratie und das Ansehen des Landes in der Welt stünden auf dem Spiel. Mit Biden gibt es nun 20 demokratische Präsidentschaftsbewerber. Dabei beginnen die parteiinternen Vorwahlen bei den Demokraten erst im kommenden Jahr. Biden gehört zu den bekanntesten Kandidaten seiner Partei: Von 2009 bis 2017 war er Stellvertreter des damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Mit sechs oder sieben Prozentpunkten Vorsprung führt er bei Umfragen die Liste der demokratischen Präsidentschaftsanwärter in den USA an.

Für Biden, Sohn eines Autoverkäufers, ist es der dritte Anlauf ins Weiße Haus. 1987 zog er sich nach sechs Wochen wegen eines Plagiatsverdachts zurück. 2007 schied er früh in den Vorwahlen wegen magerer Umfragewerte aus. 2015 verzichtete der Mann, der seine erste Frau und eine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte, nach dem Krebstod seines Sohnes Beau darauf, die Nachfolge von Obama anzustreben. Doch Biden gab nie auf. Seine positive Ausstrahlung und die menschliche Anteilnahme am Leiden und Sterben des befreundeten republikanischen Senators John McCain brachten ihm viele Sympathien ein. Seine Authentizität und enorme Erfahrung in der Außen- und Wirtschaftspolitik nach 36 Jahren im Senat und acht Jahren im Vizepräsidentenamt sind Bidens stärkste Pfunde. Doch die lange Vorgeschichte könnte auch seine größte Bürde werden. Inmitten einer inzwischen deutlich linkeren, bunteren und weiblicheren Partei wirkt der Elder Statesman leicht wie ein weißer Mann von gestern.

Zwar hat er sich früher als andere für strengere Waffengesetze und die Ehe für alle ausgesprochen, vor 28 Jahren aber Vorwürfe wegen sexueller Belästigung bei der Berufung eines Verfassungsrichters ignoriert. Er selbst geriet kürzlich wegen seines Hangs zur physischen Nähe mit Schulterklopfern, Umarmungen und Küssen auf den Hinterkopf in die Kritik. Der Demokrat gelobte öffentlich Besserung und versprach, er werde künftig "aufmerksamer und respektvoller sein mit dem persönlichen Raum von Menschen".

Vielen jungen linken Abgeordneten erscheint Biden zudem politisch zu moderat. Seine Anhänger kontern, dass allein ein kompromissfähiger Pragmatiker die industriell geprägten Swing-States gewinnen kann, die für die Demokraten unverzichtbar sind. Trump reagierte indes mit Spott. "Willkommen im Rennen, Schläfriger Joe", schrieb der Präsident auf Twitter und sagte "fiese" Vorwahlen bei den Demokraten voraus. Biden werde es mit Leuten zu tun haben, "die wirklich einige sehr kranke und verrückte Ideen haben".

Zunächst muss Biden nun dringend seine Kriegskasse für den teuren Vorwahlkampf füllen. Seine 19 Wettbewerber sammeln schon seit Monaten. Allein der linke Senator Bernie Sanders verfügt über ein gewaltiges Polster von 26 Millionen Dollar. Noch vor seiner ersten öffentlichen Rede besuchte Biden daher eine Spendengala: Eintritt 2800 Dollar.mit dpa/ali

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