Der Feuerwehrmann

Barack Obamas einstiger Stellvertreter Joe Biden gilt derzeit als der chancenreichste Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Er will Donald Trump aus dem Amt jagen. Manchen Parteifreunden ist das jedoch zu wenig.

WASHINGTON.

Gerade einmal 270 Kilometer liegen auf der schnurgeraden Interstate-Straße 70 zwischen Des Moines und Davenport im Bundesstaat Iowa. Im Mittleren Westen der USA ist das eigentlich keine Entfernung. Doch am vergangenen Dienstag trennten die Landeshauptstadt und das Uni-Städtchen politische Welten.

Zeitgleich traten hier Präsident Donald Trump und dort sein derzeit aussichtsreichster Herausforderer Joe Biden vor ihre Anhänger. Alle großen Kabelsender übertrugen das Fernduell live. Und die Zuschauer an den Fernsehschirmen wurden nicht enttäuscht. "Der Präsident ist eine existenzielle Bedrohung für Amerika", schlug der Demokrat Biden Alarm. Trump beschimpfte seinen Gegner als "Dummkopf", der keine Energie mehr habe. "Auf sein Niveau werde ich mich nicht herablassen", konterte dieser kühl.

Am Ende des Tages dürften beide Politiker zufrieden gewesen sein. Der Präsident braucht das Spektakel, um seine Anhänger bei Laune zu halten für seinen Wahlkampf, der bislang aus kaum mehr als dem dünnen Slogan "Keep America great!" (Lasst Amerika groß bleiben) besteht. Doch dem Herausforderer scheinen die persönlichen Attacken des Amtsinhabers ebenso zu helfen.

Seit er Ende April ziemlich spät seine Kandidatur für das Präsidentenamt erklärt hat, führt Joe Biden nicht nur das Feld der demokratischen Bewerber an. Durch den Konfrontationskurs mit Trump hat der 76-Jährige die 22 anderen Kandidaten seiner Partei an den Spielfeldrand gedrängt und vermittelt den Eindruck, das Rennen um das Weiße Haus werde auf Augenhöhe zwischen ihm und Trump ausgetragen.

Doch das könnte sich als Täuschung erweisen. Bis zur amerikanischen Präsidentschaftswahl im November 2020 sind es noch fast 17 Monate. Und erst im Juli des nächsten Jahres werden die Demokraten ihren Kandidaten küren. Bis dahin kann sich noch sehr viel ändern. Auch folgt die parteiinterne Mehrheitssuche ganz anderen Regeln als das anschließende Duell. Während es bei den Vorwahlen darum geht, die eigene Basis zu mobilisieren, müssen bei der Präsidentschaftswahl vor allem die Wechselwähler in sogenannten Swing-States wie Ohio, Michigan, Pennsylvania und Wisconsin gewonnen werden. Bei ihnen hat der Pragmatiker Biden, den seine Anhänger auch "Middle-Class Joe" nennen, nach Einschätzung der Demoskopen gute Chancen. Ob er seine eigene Partei überzeugen kann, ist weniger sicher.

Ein Maitag in Philadelphia vermittelt einen guten Eindruck von den Stärken und Schwächen des Kandidaten. Es ist die offizielle Auftaktkundgebung für Bidens Kampagne. Die Organisatoren haben die Bühne gegenüber dem Kunstmuseum aufgebaut. Im Hintergrund reckt sich der Turm der City Hall in den strahlendblauen Himmel. Eindrucksvolle Fernsehbilder sind garantiert. Aber der Zustrom der Anhänger hält sich in Grenzen. Rund 6000 sollen es nach offiziellen Angaben am Ende sein. Bei Trump sind die Arenen deutlich voller.

Dynamisch springt Biden mit getönter Pilotenbrille aufs Podium, zieht sein Sakko aus und krempelt die Hemdsärmel hoch. Doch er wirkt erkennbar älter, als man ihn als Vizepräsident von Barack Obama in Erinnerung hat. "Die Politik ist so gemein, so kleinkariert, so wütend geworden", ruft er aus. Entschlossen im Auftreten, scharf in der Analyse und klar im Ausdruck stellt sich Biden einer Politik entgegen, die auf Hass und Spaltung basiert.

Der Mann, der mit dem Unfalltod seiner ersten Frau und ihrer gemeinsamen Tochter sowie dem späteren Krebstod seines Sohnes schwere Schicksalsschläge bewältigen musste, präsentiert sich als Anwalt des anständigen Amerikas. "Die Nation muss wieder zusammenkommen", fordert er. Dazu müsse Trump weg. Seine konkreten politischen Vorhaben bleiben noch etwas vage.

Tatsächlich liegt Biden in bundesweiten Umfragen, die wegen des komplizierten Wahlrechts in den USA nur eine begrenzte Aussagekraft haben, derzeit vor Trump. Die Wähler schätzen seine Integrität, seine Erfahrung, seine Führungsstärke und die Fähigkeit zum parteiübergreifenden Kompromiss.

Natürlich kommt dem ehemaligen Vizepräsidenten sein hoher Bekanntheitsgrad zugute. Doch die vier Jahrzehnte lange Vorgeschichte in der Politik birgt auch Risiken. So hat Biden 1994 eine Justizreform mit deutlich härteren Strafen unterstützt, die zu Massenverhaftungen von Schwarzen führte. Auch lehnte der bekennende Katholik die staatliche Finanzierung von Abtreibungskliniken ab. Erst angesichts massiver parteiinterner Proteste änderte er in der vergangenen Woche plötzlich seine Position. In der Umweltpolitik war Biden anfangs ziemlich blank. Mit heißer Nadel musste er in den vergangenen Wochen einen Klimaplan schreiben und wurde dabei erwischt, dass einige Passagen anderswo abgekupfert waren.

Zu einem Problem könnte auch Bidens körperbetonter Umgang mit anderen Menschen werden. Der joviale Politiker nimmt Vertraute in den Arm, streicht ihnen über die Schulter und gibt ihnen auch schon einmal einen Kuss auf den Hinterkopf. Mehrere Frauen aus seinem Umfeld haben inzwischen erklärt, dass sie derartige Vertraulichkeiten als Übergriff empfunden haben.

"Die Leute gehen zu Veranstaltungen und erwarten Onkel Joe", stichelt die Politikberaterin Rebecca Katz, die im Herbst für die lesbische Schauspielerin Cynthia Nixon den New Yorker Gouverneurswahlkampf organisierte: "Aber dann begegnen sie Opa Joe." Die 43-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass sie sich eine jüngere, wesentlich linkere Frau als Herausforderin von Trump wünscht. Auch viele Angehörige der Graswurzelbewegung wünschen sich einen deutlich radikaleren Kandidaten.

In nächster Zeit werden die Demokraten nun nicht zuletzt darüber streiten, ob sie mit einem renommierten Repräsentanten der Mitte versuchen sollen, Stimmen auch von Nichtwählern und enttäuschten Konservativen einzusammeln oder mit einem stärker polarisierenden Bewerber die eigene Basis zu mobilisieren. Dahinter steckt noch eine grundsätzlichere Frage: Ist Trump ein skrupelloser Einzeltäter, der die amerikanische Demokratie bedroht - oder ist er das Symptom einer tiefergehenden Krise?

Linke Kandidaten wie die Senatorin Elizabeth Warren und ihr Kollege Bernie Sanders sind fest von der zweiten These überzeugt. Mit vergleichsweise radikalen Reformen von einer Reichensteuer über eine staatliche Krankenversicherung bis hin zum kostenlosen Studium wollen sie politisch einen komplett anderen Weg einschlagen.

Donald Trump sei nicht das Problem, argumentiert Warren. Der US-Präsident zeige vielmehr, was in den USA schiefläuft: "Er ist das Produkt eines korrupten Systems, das die Reichen und Mächtigen fördert und alle anderen mit Dreck bewirft." Auch für Sanders gibt es kein Zurück. Unter dem Jubel seiner Anhänger fordert er sogar eine "politische Revolution" zur Einführung des demokratischen Sozialismus.

Davon ist Biden weit entfernt. Obamas einstiger Stellvertreter möchte das Land zur "Normalität" vor 2016 zurückführen: "Amerika ist besser!", lautet seine Überzeugung. Mit möglichst breiter Unterstützung will der Mann, der sich als Erstes die Wahlempfehlung der mächtigen Feuerwehrgewerkschaft gesichert hat, den politischen Großbrand im Weißen Haus löschen. Sein erklärter Gegner ist Trump, nicht die Mitbewerber der eigenen Partei. Und auf den Präsidenten schießt er aus allen Rohren.

Insgesamt 35-mal, zählte der Sender CNN, hat Joe Biden neulich in Iowa den amtierenden Präsidenten angegriffen. Der Poltergeist Trump brachte es nur auf 15 Attacken.

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